Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1915)
- Date
- 1915-02-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Bette u. Nr. b Der FSraeltt. 4. Februar 1815 dort anfangs Sommers ein mit allem Comfort ausgestattetes Ritualbad der Benutzung übergeben werden. In Frtedhofsangelegenhetten wurden mit einer Behörde wichtige Verhandlungen angeknüpft, deren Ausgang uns zu großem Danke für das verständnisvolle Eingehen auf unsere Wünsche der Provinzial-Verwaltung gegenüber verpflichtet. Auch Sr. Eminenz dem hochwürdigsten Herrn Kardinalerzbtschof Dr. v. Hartmann sei an dieser Stelle unser tiefgefühlter Dank ausgesprochen für die erfolgreiche Unterstützung, die sein autoritatives Wort uns schon mehrfach hat angedeihen kaffen. Eben trug man sich mit der Absicht, die Wirksamkeit territorial über die bisher erreichte Grenze auszudehnen, da brach der Krieg herein und setzte zunächst bis November fast dem gesamten Außendienst des Nabbinats ein Ziel. Aber auch weiterhin wurde die Tätigkeit unterbrochen. Der zweite Rabbiner mußte nach den Herbst-Feiertagen in seine Heimat entlasten werden. Das Bereinsorgan kann vorläufig nicht mehr regelmäßig monatlich erscheinen und mehrere Monate hindurch mutzten die Lieferungen der Bibliothek des Jüdischen Volksfreundes unterbleiben. Es galt nunmehr den Verbandsgemeinden und darüber hinaus der jüdischen Gesamtheit und dadurch wieder dem Vaterland in anderer Weife zu dienen. Sofort bet Kriegsbegtnn erhielt die Festung Cöln eine große Besatzung und es wurden in ihr viele Ersatzreservisten, die zum große« Teil aus der Rheinprovinz stammen, für den Heeresdienst ausgebildet. Diesen wenigstens noch so viel religiöses Pflichtbewußtsein mit auf den schweren Weg zu geben, als es möglich war, hielten wir für dir vornehmste Pflicht in der so ernsten Zeit. Wir fanden bei der Kommandantur der Festung Cöln für diese Bestrebung volles Verständnis und mit hochherziger Unterstützung der Cölner Synagogengemeinde wurde eine rituelle Beköstigung der Soldaten der Garnison Cöln ermöglicht, eine Einrichtung, die seit dem 15. Januar ganz auf dieselbe übmnommen wurde. Der Segen einer solchen Einrichtung liegt nicht nur auf religiösem Gebiet, sondern vor allem auch auf moralischem. Die jüdischen Mannschaften werden wenigstens jeden Tag ein Mal an ihr Judentum erinnert, behalten mit jüdischen Familien Fühlung und finden Anschluß aneinander. Das jüdische und moralische Bewußtsein wird in ihnen gestärkt und sie weiden bei ihrer Rückkehr in die Heimat nicht minderwertigere, sondern bewußtere und gestärktere Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft sein. Die Dienstzeit als ErziehnngSzeit zu Moral und Religion erheben, wäre das moralische Ziel der rituellen Beköstigung der jüdischen Soldaten. Daß wir dem Vaterland auch einen bedeutenden Dienst mit der Ausführung dieser Auffassung erweisen und daß bet den Militärbehörden diese Ansicht besteht, mag aus dem Entgegenkommen erhellen, das die diesseitigen Anträge überall fanden. Hierhin ist zu zählen: die Verbreitung unserer Bekanntmachung, die rituelle Beköstigung betreffend, an alle Soldaten - Quartiere unter Gegenzeichnung der Kommandantur, die Genehmigung der rituellen Beköstigung der Verwundeten seitens der Kommandantur und des Kgl. Garnisonarztes, die Rückerstattung der Menagegelder an die Leute, die als unsere Pfleglinge gemeldet werden, die völlige Dtenstbefretung an allen Samstagen derjenigen elsässischen Mannschaften, die der Krankenabteilung zuaewtesen waren, die völlige Dienstbefretung der Reservisten, die heute längst in der Front kämpfen, am Rausch-Haschonoh und Jaum Kippur, für welche diesbezügliche mündliche Anträge bei den betreffenden Truppenteilen gestellt wurden, die Beurlaubung endlich aller hiesigen jüdischen Mannschaften am Sabbath im Chanukkafest, weil „dieser Sabbath auch militärisch geeignet „fei, die jüdischen Soldaten an die Tapferkeit ihrer Vorfahren zu erinnern und an „den Geist, der die Wenigen beseelte, ^.Swßen Uebermacht kriegstüchttger . »Feindesscharen gegenüberstanden." j Bedürfte es für die Anerkennung unserer Anschauung in diesem Punkt seitens der Behörden noch eines Beweises, so könnte er nicht besser geliefert werden, als in den Worten einer anderen Kommandantur, die aus eine diesseitige Zuschrift erwiderte, daß es „durchaus in ihrem (der Kommandantur) „Interesse liege, den Kriegsgefangenen jüdi- „schen Glaubens Gottesdienst zu teil werden „zu lassen." Beziehen, sich diese Worte auch nur auf eine Andacht, so wissen doch alle Nichtjuden sehr genau, daß der Gottesdienst des Juden mit Abhaltung der Andacht nicht erschöpft ist, sondern ein Leben der Tat umfaßt,. Und daß die Beachtung der Spetseaesetzv einen integrierenden wesentlichen Bestandteil des jüdrschen Lebens ausmacht, ist allen nichtjüdischen Kreisen zur Genüge bekannt. Das Entgegenkommen auf diesem Gebiete beweist das wiederum am schlagendsten. Indem wir also die Arbeit in der rituellen Soldatenbekösttgung ebensosehr als einen Dienst, dm wir frei von jeder Politik als Juden dem Judentum leisten, bezeichnen dürfen, haben wir das Bewußtsein an unserer Stelle zur rechten Zeit dem Vaterland so gedient zu haben, wie es an uns liegt. Organisatorisch zerfällt die rituelle Beköstigung der jüdischen Soldaten in drei Abteilungen! 1. Verpflegung außerhalb Cölns, 2. Verpflegung der diensttuenden Mannschaften, 3. Verwundeten-Fürsorge. 1. Die Verpflegung durch Konserven außerhalb Cölns wurde sowohl durch hochherzige Spenden vieler Privaten ermöglicht, als auch dadurch, daß die dem Verein für die jüdischen Interessen Rheinlands angehörtgen Gemeinden fast ausnahmslos zü diesem Werk nach Maßgabe ihrer Leistungsfähigkeit in anerkennenswerter Weise beisteuerten. Es kommen für diese Verpflegung in Betracht solche Leute, die noch in Garnison an Orten stehen, an denen sie sich nicht rituell beköstigen können, und solche, die selbst in Schützengräben liegen. Mit Briefen und kleinen Sendungen wurde zunächst der Versuch gemacht, die Adressaten zu erreichen. Die Tage, die für den Paketverkehr freigegeben waren, wurden sodann ausgenützt und späterhin sandten wir kleine Dosen im Gewicht der Feldpostbriefe stets in genügender Anzahl. Auf diesem Wege verpflegen wir bisher regelmäßig eine ziemliche Anzahl Leute im Westen und Osten. Die Empfangsbestätigungen beweisen, daß in dieser Weise technische Schwierigkeiten nicht vorhanden sind und daß die Leute die Gaben als Wohltat empfinden. Von der großen Anzahl der etngegangenen Feldpost seien nur einige Worte von vier Briefschreibern erwähnt. Am 1. li. 14 schreibt Unteroffizier H.: „Empfangen Sie meinen herzt. Dank für „die Sendung, sie ist wertvoller und wirkt „nachhaltiger als die schönste Predigt." Erfützreservist K. schreibt am 2- 12. 14 aus dem Schützengraben: „Für diese Liebenswürdigkeit bin ich Ihnen „ewig dankbar, bin ich doch G. L. in der „Lage, koscher zu leben." Herr Lehrer G. schreibt am 19. 12. 14: „Ihre liebenswürdige Sendung habe ich „erhalten und danke Ihnen von ganzem „Herzen. Dieselbe kam gerade zur rechten „Zeit an." Derselbe Herr schreibt am 25. 12. 14: „Ich bin tief gerührt, daß so oft an mich „gedacht wird." Ein Brief von einem Landwehrmann W., vom 1. Januar 1915 datiert, beginnt mit den Worten: „Von allen den erhaltenen Liebesgaben „haben mich keine so sehr erfreut, als die "lie gen, zumal ich, so schwer es mir auch „fallt, unserer Religion gemäß lebe." iwfiimü lleno ^ese Beispiele mit Uebervon Müttern und Gatgewählt, weil diese Zellen authentisch das Empfinden des Adressaten am besten wtedergeben und zeigen, daß die Art der Liebesgaben für die religiös lebenden Mannschaften nicht nur einen jüdischen, sondern einen moralischen Hall bedeuten. 2- Nicht geringeren ethischen Wert hat die rituelle Beköstigung 8er Mannschaften in der hiesigen Garnison. Bis 15. Zattuar wären 102. Mann angemeldet, die von dieser von der Cöltikt Synagogengemeinde gewährten Wohltat Gebrauch machten. Bei den teilweise sehr entfernt liegenden Quartieren gestaltete sich die Art der Verpflegung sehr verschieden Und bedeutet eine große mit vielen Umständlichkeiten und großen Uriantttchmlichketten verbundene Last für die Kosthäuser uno die verantwortlichen Stellen. Die freie Zeit der Soldaten ist ja nach der Waffengattung und nach der Länge ihrer bisherigen Dienstzeit verschieden, sodaß z. B. nach verschiedenen von der Stadt Cöln entfernt liegenden Quartieren das Essen, je nach der Anzahl der Leute, durch Boten und mit Kastenrädern und Zweirädern mit Korb zu ganz verschiedenen Zeiten gebracht werden mußte. Was die ideelle Sette betrifft, so mag es sein, daß neben vielen, die religiös erzogen sind oder die sich darum melden, weil sie jetzt koscher leben wollen, auch der eine öder der andere aus allerhand anderen Gründen rituelles Essen beansprucht. Es dürfte wohl kaum kitte Wohltätigkeits-Anstalt geben, die behaupten könnte, daß sie ihre Wohltaten nur Würdigen zu Gute kommen lasse. Und sie besteht doch zu recht. Insbesondere dürste es bet unserer Etnrtchtung aber der Fall sein, daß, wie der Ernst der Zeiten in der Gesinnung der nichtjüdischen Welt manch wunderbaren Wandel wirkte, auch einmal ein jüdisches Herz, das bisher die Welt mit andern Augen ansah/ in Ansehung der bevorstehenden Lebensgefahr seine Denkweise revidiert- Die eingegangene Feldpost kann auch hierfür Zeugnis oblegen. Dazu kommt die bedeutsame Erwägurtg, daß, wie Cöln geistig und wirtschaftlich die Metropole des Rheinlandes ist, so das jüdische Leben seinen Einfluß auf alle andern Gemeinden der Rhetnprovinz ausübt. Wie hier das Herz pulsiert, so rollt das jüdische Blut durch den Körper der ganzen Provinz. Man hört und sieht, was hier geleistet wird und ahmt es nach. Wenn die Soldaten, die hier verpflegt werden, nach Hause zurückkehren oder berichten, was ihnen hier geboten wird, so haben wir Großes vollbracht. Wer will wissen, wo das Samenkorn aufgeht, das hier gepflanzt wird? Jedenfalls aber ist der Eindruck, den die Anzahl der Meldungen auf die Behörden macht, ein so vortrefflicher und ehrt die spendende Synagogengemeinde in den Augen der maßgebenden Instanzen in einem Maße, das die dafür ausgewandten Mittel lohnen. Des sind wir sicher, daß die von unS verpflegten Soldaten an der Menage in der Kaserne nicht mehr teilnehmen, weil wir sofort bei der Anmeldung der Pfleglinge den Antrag auf Auszahlung der Menage stellten. Ü. Bei den Verwundeten kommt eine Auszahlung der Pflegegelder nicht in Betracht, da wir hier das erste Frühstück und das Vesperbrot nicht reichen. Für die Pefsachtagi wird daher noch eine schwere Aufgabe an uns herantreten. Es sino 54 Lazarette in Cöln, in denen wohl jetzt 40 jüdische Verwundete liegen. Davon wurden bis 1. Januar im ganzen 16 von der Gemeinde aus rituell verpflegt. Es wäre gewiß nach innen und nach außen sehr schön, wenn alle Patienten solidarisch den Wunsch äußerten, rituell verpflegt zu werden. Selbstredend wurden auch die Verwundeten, die nicht rituell leben, von der sonstigen Fürsorge gleich den andern berücksichtigt und wurden von mehreren Familien regelmäßig nach einem leben Sonntag aufgestellten Turnus ein oder mehrere Mal in der Woche besucht und nach ihren Wünschen befragt, die qn eine Stelle hin gemeldet wurden. So glaubten wir das Nv 1NV2 auch stuf unsere Bestrebungen Übertragen zu