Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-01-21 · Heft 4 (21.1.1915) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 4 (21.1.1915)
Date
1915-01-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448511--67285-2488155
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

^euületoiv^eüage zu -Ur. des „Israelit." Ke«ittrton. mm ml*? Der Schah im Ei?) Lebte da in einem gottverlassenen Dorfe am Donstrome ein Kosake, alt und bettelarm. Auf seiner verfallenen Hütte war das Stroh, das als Dach diente, gelb und schwarz geworden und angefault an allen Ecken. Sein ganzer Besitz bestand in einem Pferde, einer Kuh und einem Huhne. Da geschah es eines Tages, daß das Pferd auf dem glitschrigen gefrorenen Morastboden fiel und nicht mehr aufstand, die Kuh aus Futtermangel die Mllchhergabe einstellte, das Huhn aber von einem Marder aus dem Hühnerstalle geholt wurde. Damit wurde der Kosake vollends besitzlos. Er hatte nichts mehr in der Hütte, als den durch die Löcher des morschen Daches hineinjagenden Schnee. Mit hungrigem Magen begab er sich auf sein Strohlager und schlief nach langem Wachsein und Nachdenken über die Trostlosigkeit seiner Lage ein. Da träumte er von einem Popen, der in langem Talare, mit mächtigem Barte und bis zum Nacken wallendem Kopfhaare an ihn herantrat, die Weiße Hand auf seine Schulter legte und sehr bedeutungsvoll zu ihm sprach: „Auf, Waska! Im Garten ist ein Schatz begraben, den sollst du heben!" Als sich das seltsame Gesicht gegen Morgen wiederholte, erhob sich Waska behende von seinem Lager, bekceuzte sich fromm und eilte in den Garten, um den Schatz zu suchen. Er grub und grub und wühlte alle Erde im Garten auf, suchte unter Zweigen und Wurzeln in allen verborgensten Ecken und letzten Enden. Aber nichts war vom Schatze zu sehen. Schon wollte Waska, müde und hungrig, wieder hetmkehren, als er eine Holzkiste, tief im Moose steckend und ganz von Gras umwuchert, entdeckte. Die grub er aus der hartgefrorenen Erde und als er sie öffnete, lagen darin aber weder Goldbarren noch blinkende Münzen, sondern nur ein kleines weißes Hühnerei. „Am Ende war das der Schatz", dachte Waska und nahm das Et mit heim. . Hier aber konnte er bei allem Suchen und Prüfen nichts besonderes am Et entdecken. Es hatte weder goldene Hülle noch diamantenen Kern. Durch die weiße dünne Schale leuchtete der Inhalt weißgelb und flüssig. Ein Et wie alle anderen Eier. Das stimmte Waska sehr traurig und er wurde ungläubig und irre am Traume, wie an dem Popen. „Traum ist Schaum und Narretei", dachte er bitter, „und ein Pope ist eben ein Pope . . ." Es gab nichts mehr Gescheites und Wahrhaftiges auf dieser Welt . . . All diese bitteren Gedanken stillten aber seinen Hunger nicht. Und da er nichts anderes fand, beschloß er, das Ei seiner Enttäuschung zu verzehren. Als er aber dasselbe öffnete, schwamm im Eiweiß ein rotes Pünktchen, ein Bluttropfen. *) Nichts illustriert drastischer die Tragik der Lage im Lande der Beilisprozesse und Faslowmärchen als die folgende Satire, die wir einem uns aus Rußland auf Umwegen zugegangenen hebräischen Blatte ntnehmen^ D. Red. Da wurde Waska wieder nachdenklich. Am Ende konnte dieser rote Tropfen der Schatz sein, von dem der Pope im Traume sprach. Er legte das Ei beiseite und rief den Dorfbüttel herbei, der klug und allwissend war. Dem erzählte er den Traum in allen Einzelheiten. Iwan, der Büttel, zuckte aber mit den Achseln, schimpfte auf den Popen und meinte schließlich, es sei schwer die Deutung eines solchen Traumes zu finden, sintemalen nicht einmal ein Schnaps zur Weckung des Verstandes im Hause vorhanden ist. Da begaben sich beide mit dem Ei zu dem Dorfschulzen, der noch weiser war und sogar schreiben konnte. Dieser ließ sich mehrmals den Traum erzählen, fand aber deffen tiefen Sinn ebenfalls nicht. So gingen sie alle drei zum Größten und Höchsten im Dorfe, zum Pristaw. Dieser hörte mit großer Aufmerksamkeit auf die Worte Waskas, besah sich genau das Ei und deffen blutigen Inhalt. Und jetzt ging ein Glänzen über sein Gesicht. Er hatte es heraus. „Gott erbarme sich unser", Hub er bedeutsam an, „er ist gerecht und will Waska reich beglücken. Der Pope ist ein Hellseher und der Traum eine Offenbarung. Und nun Waska, leihe dir schnell des Nachbars, des Juden, Pelz aus. Denn wir fahren ungesäumt nach der Gouvernementstadt. Hier ist ein Schatz, so wahr ich Fiodor Nlkolai Schnapulski heiße." So tat auch der alte Kosake, wiewohl er der Worte dunklen Sinn nicht begriff. Bereitwillig borgte ihm der Nachbar, der einzige Jude im Dorfe, seinen Pelz, darauf schmierte der Pristaw das Blut des Eies. Und im Amtswagen ging es nun im scharfen Trabe nach der Stadt. Noch verstand Waska nichts von all dem, was um ihn vorging. Fremd waren ihm des Pristaws Worte und Handlungen und unfaßbar,wie der Traum selbst. Er begriff nicht, wo und wie bei all dem der Schatz herauskommen sollte. Da klärte ihn der Pristaw auf: „Weißt du, Bruder Kosak, daß die Juden Chrtstenblut zu ihrem Osterbrode brauchen? Sie wissen es aber so klug und geheim anzupacken, daß ihnen keiner was anhaben kann. Da geschah ein Wunder — der Pope ist ein heiliger Mann und sah es voraus — das Blut unserer gemarterten Kinder wanderte ins Ei . . . Und das Et ist dir beschicken, samt dem Schatze.. . Der Himmel will d.ch beglücken, Waska! . ." „Wieso?" fragte Waska ganz dumm. „Ganz einfach," belehrte der Pristaw, „du gibst auf dem Amte ganz genau an, wie dein Nachbar, der Jude, dein Enkelchen ermordet hat." „Wie das?" stotterte der Alte verlegen, „ich, ich habe doch gar keine Enkel,- meine Tochter ist kinderlos." „Dann war es eben dein Neffe." „Ich habe aber auch keinen Neffen." „Dann meinetwegen deine Nichte." „Auch keine Nichte." „Zu allen Teufeln! Irgend jemand muß es doch fein, du elender Hundessohn!" schrie jetzt der Pristaw, dem der Geduldfaden riß, Waska an. „Nun wohl", flehte der Kosak, von der Zornesflamme des Gewaltigen getroffen und ganz niedergkschmettert, „meinetwegen, meinetwegen. Ein Neffe, Herr Pristaw, ausgezeichnet, ein Neffe! So traget ihr es in die Matrikel ein. Was liegt daran? Man kanns doch immerhin so eintrogen. Ihr bezeugt eS dann, daß mir der N»ffe geraubt wurde, vom Juden. Wir haben es alle selbst mit eigenen Augen gesehen, wie man ihn geschlachtet. .. Hier das Blut auf dem Pelze ..." „Bravo!" lobte der Pristaw. „Nun hats der Esel endlich kapiert . ." * * Und lange zehrte der Kosake am Schatze. Er wurde reich und angesehen und sein Namen ging durch alle Lande. Seine arme Hütte war tagein tagaus angefüllt von hohen Beamten und großen Herren aus der Stadr. Von allen Setten strömten L ebcsgaben an Geld und Getreide ins H ms Waskas. S ine Laschen wie Scheunen und Keller füllten sich. Und dabei hatte er fast nichts zu tun, nicht einmal zu überlegey, was und wre er vor Gericht zu sprechen hatte. Das wurde ihm alles so oft und solange in Mund und Herz gelegt, bis die Geschichte vom Juden, der semen, Waskas ItebeA Neffen einen Tag vor dem Paffahfeste ermordet halte, ihm, Waska, in allen Emz-lheiten lebendig vor der Seele stand, und er den Hergang so geläufig unter Tränen erzählen konnte, daß die Menschen bis ins Innerste gerührt waren. ... Der Traum hatte sich erfüllt und der Pristaw hatte recht: Der Schatz lag im Hühnerei. inderecke. Gideons Nachtangriff. *) Er war der jüngste unter seinen Brüdern, und sein Geschlecht w r das kleinste in Manaffe. Aber er trug ein wackeres Herz in der Btust. Schon als Knabe hatte er die Faust geballt, wenn die Midianiterhoren durchs Dorf streiften, das gedroschene Getreide und das Vieh aus den Ställen stahlen und wenn ihre zahllose Kamele fraßen, was noch in den Halmen stand. Wie oft hatte er mit den Seinen das nackte Leben in den Höhlen des Gebirges retten müssen. Jetzt war Gideon ein strammer Bursch und tat schwere Bauernarbeit. Er drosch den Weizen mit dem Stock, weil Zugtier und Dreschiafel dem armen Vater fehlten. Und nicht aus der Tenne geschahs, sondern auf der Kelter im Weinberg, wo die Feinde gewiß am wenigsten den Wetzen suchten. Denn wieder waren sie im Land, wie der Blitz einbrechend in Hof und Stall, auf schnellen Kamelen und wie der Blitz verschwindend, ehe sich eine bewaffnete Faust erhob. Verhaltene Wut gab seiner Arbeit die Melodie. Jeder Schlag — ein Mtdianit! Heißer, immer heißer wards ihm ums Herz. Und plötzlich stand der Engel vor ihm: „Du mußt es tun! Gott hat dich erwählt." Sein Geist war über ihn gekommen. Er ging durch die Gaue und warb Genoffen seines Planes. Viele hundert sammelten sich um den jungen kühnen Recken. In der Nacht nun kroch Gideon mit seinem Schildknappen bis ans midianitische Lage vor. Da hörte er, wie einer dem andern erzählte! „Ich hatte heute einen seltsamen Traum. Ein Gerstenbrod rollte ins Lager und warf unser Zeit um." Das war für Gideon ein Gotteszeichen. Jetzt holte er seine Genoffen herbei, 300 waren sie an der Zahl. Er teilte sie in drei Haufen. So schlichen und krochen sie von drei Seiten ans Lager heran. Ein jeder trug eine brennende Fackel und darüber einen leeren Krug gestülpt, um den Feuerschein abzublenden. Plötzlich stößt Gideon in die Posaune. Da zerschmettern sie alle ihre Krüge und schwingen mit der Linken die Fackel, mit der Rechten das Schwert. Schaurig gellt ihr Krtegsruf durch die Nacht: „Hie Schwert Gottes und Gideons." Dabei rühren sie sich nicht von der Stelle. Erschreckt fahren die Mtdiantter aus dem Schlaf. Sie sehen Lichter flackern, Schwerter blitzen und wähnen das Lager erobert. Da stürzt sich Nachbar auf Nachbar im Glauben, es sei ein Feind. [; Wer sich fliehend zu retten sucht, fällt den Umzingle, n draußen in die Arme. In ungeheurem Blutbad endet diese Nacht. Ein schwacher Rest wird beim.Morgengrauen über den Jordan gejagt. *) Aus dem Buche „Kriegsbilder aus der Bibel" von Dr. Karl Auer, Verlag Karl EurtiuS-Berlin. ""A'~

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.