Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1915)
- Date
- 1915-01-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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t J Organ 9es Bundes geseßesfreuer jüdischer Lehrer Deufsdilands. Unabhängiger Verein israelitischer Lehrer im GroßherzogMm Hessen. Die verehrlichen Vereinsmilglieder, die noch mit ihren Beiträgen im Rückstände sind, werden gebeten, sie an unseren Rechner, Herrn Kollegen Sulzbacher, Groß-Bieberau, einzusenden. Auch die Einziehung der Beiträge unserer außerordentlichen Mitglieder wolle man recht bald besorgen. Friedberg, den 1. Januar 1915. H. Ehrmann. Me materielle Lage der jüdischen Religionslehrer.' Um ein ganz zutreffendes Bild von der wirtschaftlichen Lage der jüdischen Religionslehrer zu geben, müßte man vor allem über zuverlässiges Zahlenmaterial verfügen. Das besitzen wir aber bis heute nicht. Die von dem „Verband" seinerzeit veranstaltete statistische Aufnahme, auf die Herr Kollege A n d o r n— Crefeld sein Referat „Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Lehrer im deutschen Reiche" ausbaute, entbehrte so sehr der Zuverlässigkeit, daß sich der Verband nach ganz kurzer Zeit gezwungen sah, zum zweiten Mal statistische Erhebungen vornehmen zu lassen, an denen, wie Ihnen bekannt, auch wir vom „Bund" uns beteiligt haben. Sie sind leider nicht zum Abschluß gelangt. Wer heute über die materielle Lage der jüdischen Lehrer referieren mutz, kann deshalb nur ein ungefähres Bild bieten. Ich werde mich darauf beschränken, über die wirtschaftliche Lage der Religionslehrer in Bayern und im Großherzogtum Hessen eingehender zu sprechen. In beiden Staaten sind mir die einschlägigen Verhältnisse aus persönlicher Anschauung hinlänglich bekannt. In Bayern habe ich meine Jugend und die ersten neun Jahre meiner Amtstätigkeit verbracht, in Hessen wirke ich seit 30 Jahren. Die Lehrerkonferenzen hier und dort habe ich alljährlich besucht. Ich bin so im Stande, das vorhandene statistische Material einigermaßen nachzuprüfen. Im vornherein muß ich jedoch darauf aufmerksam machen, daß man in den genannten Staaten die niedrigsten Lehrerhonorare zahlte. Je weiter man nach Norden kommt, desto mehr steigen, entsprechend der höheren Lebenshaltung, die Lehrergehalte. Freilich bleiben sie auch dort noch weit hinter gerechten Anforderungen zurück, aber Hungerlöhne wie in Süddeutschland bietet man ihnen dort oben doch nur in den seltensten Fällen. Ich bin nun weit davon entfernt, auf die Juden Bayerns einen Stein zu werfen, weil die Besoldung ihrer Lehrer völlig unzureichend ist: nicht sie tragen die Schuld, sondern die Entwicklung der jüdischen Gemeindeverhältniffe hat es mit fich gebracht, daß Bayern, was Lehrerhonorare anlangt, an letzter Stelle steht. Ich erinnere mich noch aus meiner Kindheit, daß die bayerischen Religionslehrer auf ihre norddeutschen Kollegen mit einigem Stolze herabfahen. Ihr bares festes Einkommen war zwar auch zu jener Zeit wohl gering/* **)) aber die Juden aus dem Lande betrieben fast überall *) Nach einem Bortrag. **) Eine Regierungsentschließung vom Jahre 1860 bestimmt: „Der Gehalt muß außer freier Wohnung und unentgeltlichem Holzbezug für Beheizung der Schullokalitäten mindestens 20V fl. betragen. In dieses Einkommen dürfen alle ständigen und unständigen Erträgnisse des Borsängerdienstes eingerechnet werden". neben dem Biehhandel noch Landwirtschaft, und frei willige Naturalleistungen waren gang und gäbe. So oft gebuttert oder Wurst und Rauchfleisch hergestellr wurde, der Lehrer bekam seinen reichlichen Anteil da von. Im Herbst wurde er mit Kartoffeln, Gemüse und Obst aller Art fast zugedeckt. Davon schreibt sich das schöne lateinische Sprüchwort her: Naruraiia non sunt turpia — die Naturalien sind nicht häßlich. Nein, im Gegenteil, sie erfreuten sich sogar einer großen Beliebtheit, und es wurde mit ihnen wie mit einer ganz bestimmten Einnahmeguelle gerechnet. Aber schon vor ca. 10 Jahren begannen die bayrischen Juden ihre Aecker zu verkaufen, und heute ist wohl in dem hintersten Winkel Bayerns die Naturalletstung abgeschafft. Die Gemeiudemitglieder n üssen ihre Lebensbedürfnisse selbst sehr teuer - sie sind auf dem Lande teurer als in der Stadt — bezahlen und können nicht daran denken, den Lehrer in der früher üblichen Weise zu erfreuen. Die Naturalien wurden durch die jetzt so angefeindeten rwre in barem Gelde abgelöft. Anfangs der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts begann nämlich der finanzielle Aufschwung der bayrischen Juden. Da war es keine Seltenheit, daß ein reicher Mann, — reich nach den Begriffen jener Gegend — der seine Tochtergut versorgt hatte, dem Lehrer nach der Hochzeit 30 50 fl in die Hand drückte. Er gab es ja vom “itpya! Heute gehören solche Gaben zu den Ausnahmen. Genau so verhielt es sich mir der Entlohnung des Lehrers bei anderen freudigen Gelegenheiten. Mit welcher Freude schmetterte der Letztere denanrnea aTtaa» heraus an dem Sabbath, an dem eine Frau „ausging", den "jrvta^B, wenn es einen Bräutigam im Dorf gab, den Tn' nns am Sabbath nach der Hochzeit. Man war sehr freigebig bei solchen Gelegenheiten. Heute knausert man, denn die Zeiten sind sehr schlecht geworden für den Stand der Viehhändler, aus dem sich noch heute ein nicht unbeträchtlicher Teil der Gemeindemitglieder auf dem Lande rekrutiert, und er kämpft sehr schwer um seine Existenz. Unter diesen Verhältniffen haben besonders diejenigen Kollegen zu leiden, die seit 30 oder 40 Jahren aus ihren Stellen in den Landgemeinden nusgeharrt haben, dabei alt und grau geworden sind und sich nichts erübrigen konnten. Es wäre freilich übertrieben, wollte man ganz allgemein in Bayern von einem „Lehrerelend" sprechen. Nein, soweit sind wir G. L. noch lange nicht, dank dem Umstand, daß dort früher auch besser bemittelte Eltern ihre Söhne aus religiösen Gründen dem Lehrerberuse zuführten und daß die Lehrer auf dem „Heiratsmarkt" ein sehr gesuchter Artikel waren. Aber bei ben'jeniQen Kollegen, die nicht so vorsichtig in der Wahl ihrer Ellern oder Schwiegereltern waren, oder die nicht von ihren gutsituierten Kindern unterstützt werden, ist Schmalhans oft Küchenmeister. Ihr sestes Einkommen beträgt noch immer 5—600 Mk. und das unständige hat sich, wie ich gezeigt, eher vermindert, während der Preis der Lebensmittel und der anderen Lebensbedürfnipe reichlich um das Doppelte gestiegen ist. Wie man unter solchen Umständen den Haushalt bestreiten und den Heranwachsenden Kindern noch eine entsprechende Ausbildung angedeihen laffen soll, das ist ein Rätsel, dessen Lösung man den betreffenden Lehrern überläßt. . Dabei ist jenen Kollegen jede Aussicht auf eine Besserung ihrer Lage genommen, denn ihre Gemeinden können beim besten Willen nicht mehr leisten. Die reichen Gemeindemitglieder sind in die benachbarte Großstadt gezogen, und die Zurückgebliebenen seufzen schwer unter der Last der Kultussteuern. „Wie stark ist deine Gemeinde" frage ich einen befreundeten Kollegen mit 39 Dienstjahren auf einer Konferenz." „Sechs Familien unberufen" war die prompte Antwort, „aber ich habe noch eine Filiale mit acht Familien". Ich kenne ein ganzes Dutzend bayrischer Lehrer, die in keiner besseren Lage sind. Ehre den wackeren Kollegen, die auf verlassenem Posten ausharren, aber von Ehre allein kann man nicht leben. Sie alle kennen wohl die verdienstvollen statistischen Veröffentlichungen Ding, felders. Sie sind, soweit das feste Einkommen in betracht kdmmt, durchaus zutreffend, und wir können ihm gar nicht genug dankbar dafür sein, daß er dunh sein zielbewußtes Borgehen die Frage der Besserstellung des jüdischen Religionslehrerstandes in Fluß gebracht hat. Wenn er aber, allerdings auch auf grund von statistischen Erhebungen, behauptet, daß 42 % der Religionslehrer ein Gesamteinkommen von wettif als 1000 Mk. beziehen, so wage ich das in aller scheidenheit zu bezweifeln. Einige Stichproben werden Sie überzeugen, daß selbst Zwerggemeinden noch immer 12—1400 Mk. aufbringen. Bor ca. 6 Jahren war die Religionslehrerstelle in Sch. — 36 Seelen — mit einem festen Gehalt von 365 Mk. ausgeschrieben. ALS ich gelegentlich der Schweinfurter Konferenz auf dieses Riesengehalt hinwies, teilte mir der damalige Inhaber der Stelle mit, daß sein Einkommen nach seinen ge» nauen Aufzeichnungen ca. 1300 Mk. trage. V. mit 45 Seelen gehört zu jenen Gemeinden, die deii jüdischen Zeitungen ziemlich viel zu verdienen geben, da sie fast alljährlich ihre Stelle ein- oder zweimal ausschreiben. Selbst neugebackene Kollegen harren dort nicht länger als einige Monate aus. Anläßlich eines Streitfalls erfuhr ich von einem solchen, daß die Genieinde mit einer kleinen Filiale dem Lehrer noch immer etwas mehr als 1300 Mk. an Einkommen gewährt. Eine Gemeinde in der Rhön hatte sich mit ihrem Lehrer in eine Pretzfehde eingelassen und den Kürzeren gezogen. Da ließ sie sich von einem Rechtsanwalt ein Promemoria ausseven, dessen Veröffentlichung in „Erziehung und Lehre" sie wünschte. Sie wies darin nach, daß ihr Beamter sich viel besser stehe als sein gleichaltriger christlicher Kollege an der Volksschule und mehr als 1200 Mk. p. a. verdient habe. Das schöne Schriftstück blieb unveröffentlicht. Der betreffende Vorstand hatte übersehen, daß der Bolksschullehrer nach einer steigenden Skala besoldet wird und sich deshalb mit einem geringen Anfangsgehalt begnügen kann, während der jüdische Lehrer häufig sehr zufrieden sein muß, wenn er im Alter ebenso viel verdient als in der Jugend. Und damit komme ich zum Kernpunkt der ganzen Frage: Es gibt eine Menge von Stellen, auf denen Anfänger recht gut ihr Auskommen finden; das Unglück ist nur, daß Leute mit 40 Dienstjahren auch nicht mehr haben. Sie kommen auch damit aus, aber fragt mich nur nicht wie. (Fortsetzung folgt.) Aus der Praxis. Pentateuch auf der Oderftufe. Von Hauptlehrer B. Wolff-Aurich. Das Wort a^aa wv tb^bv „Durch meine Schüler sind »»eine Kenntnisse mehr bereichert worden, als durch den Unterricht meiner Lehrer und die Belehrungen meiner Kollegen", ist ein Erfahrungsfatz, den vwle Lehrer namentlich beim Pentateuch auf der Oberstufe an sich erprobt haben mögen. Namentlich geweckte Schüler, in deren Elternhäusern das Thoralernen noch etwas gilt, und wo es dem Vater wenigstens am Sabbat Pflicht und Bedürfnis ist, sei es durch Hilfeleistung bei der Vorbereitung für die nächste Unterrichtsstunde oder durch sog. „Verhören", sich von den Fortschritten seiner Söhne zu überzeugen, wissen wohl nicht selten auf Schwierigkeiten in der Schrift die Aufmerksamkeit des Lehrers durch Fragen zu lenken, die dem Lehrer bei der Vorbereitung entgangen, und deren Beantwortung ihm im ersten Augenblicke nicht möglich : 2 s " K'; A ÜM