Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 1 des „Fsraelit." Kerrilietou. ,,y*. Anfer Leutnant. Von Arnold Kitz. Aus dem Ungarischen von Z. B. A. (Schluß.) Die wetterharten Soldaten, die sonst furchtlos in den Tod stürmten, weinten wie Kinder, als sie den bleichen, jungen Leutnant mit verbundener Stirne, zerschossener Hand erblickten, wie er, jeden körperlichen Schmerz überwindend, mit klagender Stimme, das alte, tausendjährige Gebet wiederholte: wie am Roschhaschono das grosse Buch geöffnet und darin verzeichnet Wird, wer da leben und wer sterben, wer durch Feuer, wer durch Wasser, wer durch das Schwert sein Ende finden werde . . . Noch gestern Abend war die Erzählung von Rabbi Amnon eine Legende und nun stand es vor uns als blutig dampfende rote Wirklichkeit. Er, der Erzähler, stand dort schmerzdurchzuckl, von nagender Pein der brennenden Wunden gemartert und sang mit vibrirender Stimme: „Staub ist der Mensch. Sein Ende ist Staub. Mit seiner Seele kämpft er um Brot. Er gleichet dem Scherben, dem welkenden Halm, der dorrenden Blume, dem weichenden Schatten, der fliehenden Wolke, dem schwebenden Hauch, dem flüchtigen Traum. Nur Gott, der König lebt ewig dauernd, immerdar." Und immer schwächer wurde der Lautimmer klangloser seine Stimme. Sein Gesicht entfärbte sich. Doch ließ er nicht nach. Heute wollte er alles zu Ende beten. Beim Schlüsse der Schmonne-Esre brach er zusammen. Seine Stimme, die nur mehr aus seiner Brust hervorkeuchte, wollte versagen. Nur der Wille blieb noch übrig. Gestützt auf zwei Kameraden blieb er beim Betpult. Jetzt hielt er beim Duchnen. Er wendete sich um. Sein Gesicht war leichenfahl. Alles Blut war daraus geschwunden. Aus seinen Augen glühte flammende Begeisterung und himmlische Anc>acht. Er zog den Talis über. Leicht und mit ganzer Seele sang er di: alte, heilige Melodie des Priestersegens. Israel Rottmann, der Kohen, unser Leutnant segnete uns mit den lapidaren Worten der heiligen Schrift: „Es segne der Ewige und behüte dich . . . Er lasse leuchten, der Ewige, Dein Antlitz über dich und sei dir gnädig. ... Er wende, der Ewige, sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden." Wie ein vom Feindespfeil getroffener Aar aus den Lüften, brach unser Leutnant zusammen. Wir waren um ihn. Er sprach in abgerissenen abgebrochenen Sätzen zur andächtig lauschenden Gemeinde. Es war kein Gebetes starre nicht in der Tfilo und klang doch, wie aus dem Machsor geholt. Es war der letzte Wille unseres jungen, sterbenden Leutnants. „Kinder! Liebe, gute Kameraden .... ES geht zu Ende . . . Lebet wohl! ... Ich sterbe fürs Baterland . . . Mir gönnte Gott einen ruhmvollen Tod . . . Kämpft heldenhaft . . . Ihr müsst dann den gerechten Sieg einer heiligen Sache erleben . . . Wenn ihr dann heimkehrt . . . grüßt mir Mütterchen . . . das gute, fromme Mütterchen, dort in der Nähe von Sziget . . . Sie wartet — ich weiß es — die fromme, gute Frau, auf ihr Kind, auf ihr Glück . . . Sagt es ihr, daß ich mit einem Gebet für sie gestorben ... mit ihrem Namen auf der Lippe.... mit ihrem Bilde im | Herzen, vor den umnebelten Augen . . . Saget ihr, Sie solle nicht viel weinen . . . Mein Ende war so schön . .. O süßes, gutes Mütterchen . . ." Und Israel Rottmann, unser Leutnant, war tot. Er trug an dem Herzen ein von Tränen und Küssen vergilbtes Bild einer mildblickenden Matrone . . . Eine Kugel hatte das Bild gestreift, und so schon einmal den Sohn vom Tode gerettet. Es war feine gute, alte Mutter, die Roschhaschono Abend zwischen Oelflämmchen und Kerzenlichtern betet und mit nassem Blick zur Türe schaut, von wo sie ihren Sohn, ihr Glück erwartet. . . Me es Zofeph Kraft in der „feindlichen" Synagoge erging. (Einem Feldpostbriefe nacherzählt.) Nach scharfem, tagelangem Marsche waren sie in früher Abendstunde in der belgischen Stadt G. angelangt und hatten sofort in einem leerstehenden Fabrikraum Quartier bezogen. „Vorsicht! Bevölkerung feindlich. Nicht unnötig auf die Straße!" hieß der Tagesbefehl. Nach erquickendem achtstündigem Schlafe auf rischem Stroh erwachte Joseph Kraft, früher riedsamer Weinhändler zu W., jetzt Gefreiter in einem bayerischen Infanterieregiment und Ritter des eisernen Kreuzes, so wohlausgeruht und voller Behagen, als wäre er im weichen Federnbette daheim. Wie wohl das tat nach den endlosen Märschen und Kämpfen und aufregenden Potrouillengängen! Einen Rasttag gab es heute. Eigentlich hätte er die Ruhe dazu benutzen sollen, sich nach so Langer Zeit wieder einmal mit seinen Lieben daheim schriftlich auszusprechen. Aber da musste er erst Nachdenken, ob das heute auch ging. Sie lebten so aus aller Zeit heraus. Den Kalender hatte er mehr oder weniger im Kopfe. Der richtige, der Rödelheimer Luach, war mit anderen Sachen tnr Tornister vor Antwerpen geblieben. Also mußte er den Kalender drin nachschlagen, d. h. scharf Nachdenken: Am Roschhaschono hatten sie sowas wieFeldgottesdienst gehabt. Dann lagen sie sieben Tage vor B. und er betete Tags darauf allein aus dem Jomkippurmachsor. B er Tage ununterbrochenen Marsch?? bis K. Dort musste Sukkoth begonnen ha? n. Seitdem zwei Tage Rau, drei Tage im Schützengraben, ein Tag Schützengefecht mit Bajonettenangriff als Nachtabfchluß. Es mußte die Hauschanorabbonacht gewesen sein .... Dann wieder dreitägiger ununterbrochener Marsch. Nach allerem musste heute Simchas Thora sein. Die Lieb n werden sich noch einen Tag gedulden müssen- Was aber mit der Rast des Festtages beginnen? Hier, gleich den Kameraden, im Schlafen, Essen, Singen verharren, mochte er, wiewohl sonst ein lustiger, geselliger Kamerad, heute nicht. Er empfand auf einmal so tiefes Sehnen nach seinesgleichen, nach Juden, nach einer Synagoge, nach gemeinsamen Beten. Hier gab es zuweilen so etwas wie Frldgottesdienste, bei denen ein Mann, der am Feiertage per Auto angesaust kam, gar salbungsvoll von Mut und patriotischer Pflicht sprach, um nachher mit dem Hauptmann beim Sette zu sitzen ... Er konnte an diese Art von Gottesdienst nicht ohne widerliches Gefühl denken. Aber er wollte heute nicht bitter sein, er wollte sich nur der Ruhe erfreuen und verspürte nur wieder das tiefe, brennende Sehnen nach richtigen Juden, nach richtigen Gebeten, wo man sich trotz Fremde und. Ferne so warm, so nahe, so daheim fühlte . . . Er wußte, daß sich in der Stadt eine jüdische Gemeinde befand, also auch eine Synagoge, die heute Festgottesdtenst abhalten mußte. Wie wäre es? . . . Freilich der Tagesbefehl — feindliche Bevölkerung — Franktireure ... Aber was hat dies alles mit ihm, mit Joseph Kraft, Weinhändler aus W. zu tun, der am Thorafeft Juden sucht, um mit ihnen gemeinsam zu beten? Die Rechte am Seitengewehr, den geladenen Revolver in der Lasche, so schlenderte er durch die schmalen, hügeligen, verschlafenen Straßen, v <n giftigen Blicken aus allen Enden verfolgt. Er sah auch hier und da sich eine Faust ballen. Eine Frau mit einem Korbe aus dem Kopfe, fuhr, nach dem Wege zur Synagoge befragt, so erschrocken zusammen, daß ihr die Last vom Kopfe fiel. Kinder, die herbeigeeilt waren, nahmen beim Anblicke des feldgrauen Riesen schleunigst Reißaus. In irgend einem Hofe schlug eln Hund an, dem aus allen Ecken und Enden Antwort entgegenheulte. Die ganze Straße schien rebellisch. Joftph Kraft umfaßte noch fester den Knauf des Seitengewehrs und ging auis geratcwohl wetter die zackige Straße hinan. Da oben stand der bescheidene, etwas altersgraue Kuppelbau mit der hebräischen Aufschrift am Eingänge. Die Töne, die aus dem Hause drangen, ließen keinen Zweifel mehr darüber. Hier war es. Er trat ein. Wie einen Ruck tat es im dunkel abgetönten, hochgewölbten Raum beim Eintritt des deutschen Soldaten, wodurch die Andacht für eine Weile stillgelegt war. Böse durchbohrende Blick; trafen ihn von allen Seiten. Dann tat man, als hätte man nichts gesehen und betete, etwas aufgeregt haftend, weiter, ohne vom Eindringling weiter Notiz zu nehmen. Kinder, die ihre Augen vom fremden Krieger nicht lassen konnten, wurden von ihren Vätern mit unsanften Rippenstößen zurechtgewiesen. Was scherte das alles Joseph Kraft? „Durch!" hieß die Parole. Sie galt auch der fremden Synagoge. So bahnte er sich gewaltsam einen Weg durch die feindlichen Reihen, die nicht weichen wollten, „nahm" eine „unbesetzte Stellung" in einer der vordersten Banke, hob in aller Gemütsruhe den Pultdeckel, der unter seinen Fäusten krachte, in die Höhr und „requierierte" sich Talith und Gebetbuch. Der Nebenmann zuckte verächtlich mit den Achseln, getraute aber kein Wort über die bebenden Lippen zu bringen. Und merkwüroig! Kaum war der graue, b eite Rücken vom »chwarzumbordeten Weiß des v> betmannls umbüllt. uls d-rs Bösblrcken und Achselzucken und T-.scheln cu störte. Mnn begann mit andern, vielleicht mehr jüdischen Augen zu sehen auf den Mann, den Juden, der gekommen war, um mit seinen Brüdern zu beten. Und als Joseph Kraft nun eine Bewegung machte, den Thorarollen entgegen, die jetzt unter Ges"ng um das Almemor getragen wurden, mach e ihm sogar der Nebenmann Platz, und der Borveter senkte seine heilige Last und hielt sie ihm zum Kuß hin. Auch diese Handlung kümmerte Joseph Kraft wenig, er merkte sie kaum. Er war gekommen, um mit Juden zu beten. Was lag ihm an der Leute Haß oder Liebe? Sie sollten ihm nur kommen.- Da kam auch wirklich einer, von hinten herangeschltchen, ganz leise, katzenartig. Was, ein Franktireur im Gotteshause, mitten im Gebete? Mit der Hand am Seitengewehre ließ Joseph Kraft den Feind ganz nahe herantreten. Dieser huschte jetzt langsam heran, reckte sich auf den Zehen zu der Riesengestalt des Deutschen empor und näselte in fremder Sprache, wohl in Flämisch, etwas ganz unverständliches. „Was gibts?" schrie Joseph Kraft in dröhnendem Kasernentone den Mann an, daß dieser wie gelähmt zurücktaumelte und alles, von jähem Schreck erfaßt, aufhorschte. Der Nebenmann, der Deutsch verstand, klärte Joseph Kraft auf: „Es ist der Schames, er fragt nur, wie sich der Herr aufruft . . . ." Fast wollte Joseph Kraft die Schamröte ins Gesicht steigen, hätte er sich nicht noch rechtzeitig daran erinnert, daß er — Gefreiter eines bayrischen Infanterieregiments sei ... .