Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 100 (24.12.1894)
- Date
- 1894-12-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgaxg. Erste Beilage M M 100 des „Israelit^. Leitender Artikel. Krels-Thierarzl Schultz Stzn ras MW». Reich enbach, 12. Dezember. In der letzten Sitzung der „Philomathie" am 4. Dezember hielt Herr Kreisthierarzt Scholtz einen sehr lehrreichen Vortrag über „das Schächten". Ausgehend von dem in den letzten Jahren bezüglich des Schächtens entbrannten Kampf, der von einigen Thierschutzvereinen angefacht und durch die antisemitische Agitation weiter geschürt wird, giebt der Herr Referent eine kurze Geschichte des Schächtens: Das Gebot des Schächtens gründet sich auf die Stelle im 5. Buche Mosis 12, 21, wo es heißt: „So schlachte von deinen Rindern oder Schafen, die dir der Herr gegeben hat, wie ich dir geboten habe." Die Juden nehmen an, daß unter den Geboten, welche Moses aus dem Munde des Herrn auf dem Berge Sinai empfing, sich die auf das Schächten bezüglichen Verordnungen befanden, und es ist für die Israeliten das rituelle Schächtgebot göttlichen Ursprungs und ihnen durch ihr ReligionZgesetz vorgeschrieben. Der Gesetzgeber bezweckte mit dem Schächten dreierlei: 1. „Das Thier bei dem Schächten vor unnützen Qualen zu bewahren, so daß, obwohl die Thierschutzvereine in jetziger Zeit oft nur Gutes schaffen, diese zur Zeit Mosis vollständig überflüssig gewesen wären, denn damals hatte sich die Religion der Thiere angenommen und zum Schutze der Thiere Gesetze erlassen, welche noch heute nach 3000 Jahren als unübertroffen dastehen; 2. das Thier reiner ausbluten zu lassen, weil der Genuß des thierischen Blutes (die Seele, als Konzentration des thierischen Lebens betrachtet) streng untersagt war; 3. Menschen vor Ansteckung durch den Genuß von Blut kranker Thiere zu bewahren". Nach einigen Bemerkungen über die Vorbereitungen zum Schächten, führt der Vortragende über den eigentlichen Schächtungsakt etwa folgendes aus: Obwohl bei dem Halsschnitt plötzlicher Schmerz im Moment der Hautdurchschneidung entsteht, so kommt jedoch diese Schmerzäußerung während des Schnittes weder zur Wahrnehmung des Beobachters noch kaum zum Bewußtsein des Thieres infolge der alsbald eintretenden Hirnanämie. Die durch den Halsquerschnitt entstehende klaffende Wunde mag vielleicht dem Laien schreckenerregend Vorkommen, jedoch beweist die Physiologie, daß infolge Durchschneidung der hauptsächlichsten Blutgefäße am Halse, welche dem Hirn Blut zufuhren und von ihm zurückleiten, nach einigen Sekunden Blutleere im Gehirn und hiermit Lähmung des Gehirns resp. Ohnmacht und Bewußtlosigkeit erfolgt, so daß die Thiere sich während des Ausstromens des Blutes in einem Zustande der Bewußtlosigkeit befinden. Vielfach werden von Unkundigen die nach dem Schächten sich kundgebenden heftigen Bewegungen als Schmerzäußerung angesehen, jedoch lehrt wieder die Physiologie, daß d'e mangels genügender Zufuhr sauerstoffhaltigen Blutes zum Gehirn eimretenden epileptiformen oder fallsuchtähnlichen Zuckungen nichts weiter als Zeichen des geschwundenen Bewußtseins sind. Die Kornea-Reaktion, welche von Gegnern der Schächtung stets als Zeichen des noch bestehenden Bewußtseins angeführt wird, ist weiter nichts, als eine Reflexthätigkeit der Augenmuskelgebilde, welche nichts mit dem Bewußtsein und dem Angstschweiß eines dos zu thun hat. Wie steht es nun mit dem sofortigen TodI bei der Keulung und bei der Tötung mit der Maske aus, welches Totschlägen im Gegensatz zur Schächtung von jedem Schlächtergesellen ausgeführt wird? Daß bei diesen Tötungen oft dem menschlichen Gefühl widerstrebende Thierquälereien resp. Schindereien Vorkommen, ist Allen bekannt: schauerlich ist es, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß unter Umständen ein, zwei drei und noch mehr Keulen- oder Axtschläge in Zwischenräumen von oft ca. 11/2 Minuten (habe ich in Schlachthäusern selbst beobachtet) geführt werden müssen, um das Thier zum Zusammenstürzen zu bringen, worauf dann noch im Liegen mit 4 bis 8 wuchtigen Schlägen auf das Schädeldach dem Thiere der GarauS gemacht wird, nicht selten unter scherzhaften Redensarten des Hinriwtenden. Wie wohl den Thieren zu Mute sein mag, wenn sie beim Gebrauch der Stirnmaske oder Axt nicht betäubt werden, kann sich Jeder selbst sagen. Sollten die Thiere, wenn sie bei dem ersten Schlag nicht zusammenstürzen noch Schmerzen haben? Ich sage: Ja. Was nun den entscheidenden Punkt in dem Suchen nach der besten Schlachtart betr fft, daß nämlich die Tötung jedes Mal unfehlbar sofort gelingt, so ist nach meiner Ansicht der Halsschnitt beim Schächten die einzige bis jetzt bekannte Schlachtmethode, welche durch die Art der Fesselung der Thiere und Fixierung des Kopfes niemals mißlingen kann, weswegen gerade die Vorbereitung zum Schächten, in sachverständiger Wise ausgeführt, einen sehr großen Vorzug vor allen anderen Schlachtmethoden hat, und weswegen kein Grund zu finden ist, das Schächten zu bekämpfen. Gehe ich nun auf den quantitativen BlutauSt'itt bei den Schlachtungen über, so ist bekannt, daß keine Schlachtmethode einen so schnellen und reichlichen Blutaustritt gestattet wie gerade das Schachten. Vom ökonomischen Standpunkte aus ist das Betäuben zwar rationeller, weil das Thier mit dem nicht abgelaufenen Blute schwerer ist und der Verkäufer einige Mark mehr aus dem Fleische einnehmen kann; dem gegenüber ist aber hervorzubeben, daß, wie allen veterinärmedizinischen Autoritäten hinlänglich bekannt ist, das Fleisch der geschächteten Thiere wegen des vollständigeren Ausblutens und des geringeren Feuchtigkeitsgehaltes weniger zur Aufnahme von Fäulnisbakterien neigt wie das Fleisch anders geschlachteter Thiere Ferner ist bekannt, daß nach vorheriger Betäubung gestochene Thiere häufiger in den Brusthöhlen mit Wasser gewaschen werden müssen und hierdurch das Fleisch leichter dem Verderben anheim fällt; auch ist nicht ausgeschlossen, daß mit cholerabaeillenhaltigem Wasser bei solchen Reinigungen Uebertragungen der Cholera auf Menschen stattfinden können, da überhaupt Fleisch ein sehr guter Nährboden für Mikroorganismen ist. Aus dem Gesagten geht hervor, daß das Schächten bei einem Thiere nicht mehr Qualen hervorruft, wie jede andere Schlachtart, vorausgesetzt, daß es wirklich so vollzogen wird, wie es der jüdische Gesetzgeber hat durchgeführt wissen wollen. Wenn nun diejenigen, welche das Schächten als eine Thierquälerei ans-hen, hiergegen zu Felde ziehen, so kann es sich bei Unparteiischen doch nur um den vorbereitenden Akt handeln, welcher auf Anregung dieser Herren sehr leicht durch Belehrung der Behörden und des Schlachtpersonals in andere Formen gebracht werden kann, so daß dann auch andere Leute, die aus verwerflichen Gründen das Schächten abgeschafft haben wollen, zufriedengestellt werden. Um nun mein Thema, ob der Kampf gegen das Schächten gerechtfertigt ist, zu erledigen, so beantworte ich dieses aus den angeführten Gründen mit „nein". Den Herren Betheiligten aber möchte ich empfehlen, dafür zu sorgen, daß