Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-12-24 · Heft 100 (24.12.1894) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 100 (24.12.1894)
Date
1894-12-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448503--39873-2488042
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1887 „Hauptperson ist er freilich nicht," erwiederte sie scherzend, „aber sicher xersova grata." „Sagen wir lieber gratissima, denn er versteht es, Dich ausschließlich für sich in Anspruch zu nehmen." „Das ist das Privileg der Kinder; dafür dürfen wir, wenn wir alt sind und selbst der Hilfe und Stütze bedürfen, diese von ihnen verlangen." „Verlangen wohl, ob wir sie aber erhalten, ist fraglich." „So Gott will, haben wir sie nicht nöchig. Es ist immer schlimm, wenn Eltern von ihren Kindern abhängig sind, denn das Sprichwort sagt: Es kann ein Vater eher zehn Kinder ernähren, als zehn Kinder einen Vater." „Das liegt in der Natur der Sache. Der liebe Gott hat uns in den zehn Worten deßhalb auch kein Gebot darüber gegeben, daß die Eltern ihre Kinder lieben sollen, wohl aber gebietet er den Kindern, ihre Eltern zu lieben." Die Frau des Anwaltes blickte lächelnd ihren Mann an und sagte dann: „Davon, daß Kinder ihre Eltern lieben sollen, steht doch auch nichts in den zehn Worten. Es heißt ja doch kabet es owicho wees imecho, ehre Deinen Vater und Deine Mutter." „Ei, ei, wie genau mein Weibchen Bescheid weiß, daß sie sogar ihren Mann corrigiren kann; aber Du hast Recht. Es liegt auch in der Natur der Sache, daß Kinder ihre Eltern lieben, und lieben und ehren ist himmelweit verschieden. Man kann jemand lieben, ohne ihn deßhalb zu ehren, und ehren ist doch noch mehr als lieben. Daß man die Eltern liebt, ist ein Naturgebot, daß man sie ehrt ist ein Gottesgebot, welches dem, der es hält, reichen Segen bringen muß." „Aber sprechen wir nicht, als ob Willy unser eigenes Kind, unser eigenes Fleisch und Blut wäre?" „Muß er uns nicht noch mehr lieben und verehren, als unser eigenes Kind es thun würde? Muß nicht die Dankbarkeit, ihn einem elenden Loose entrissen zu haben. —" „Dankbarkeit! Sprich nicht von Dankbarkeit bei den Menschen. Wir wollen unsere Pflicht thun ohne Rücksicht aus Dank und Lohn." Und das geschah auch; Willy wurde erzogen, als ob er das eigene Kind des Ehepaares wäre, und er bereitete seinen Pflegeeltern große Freude. Zwei Jahre sind vorüber. Der kleine Willy ist ein kräftiger Junge geworden, der an der Hand des Anwaltes täglich seine Promenade macht und von Alt und Jung gekannt und gerne gesehen wird. Er ist fast ein Wunderkind, denn seine Kenntnisse im Hebräischen sind erstaunlich. Obschon erst fünf Jahre alt, liest er fließend in der Tefillah, kann er das Tisch- und Nachtgebet vollständig auswendig und hat schon angefangen, das Pentateuch zu übersetzen. Sein Fleiß und seine Faflungskrast, seine Wißbegier und sein Gedächtniß sind eminent und Dr. Pretorius muß ihn zurückhalten, damit der rege Geist den jungen Körper nicht verderbe. Was ardern Kindern die größten Schwierigkeiten bereitet, begreift er spielend, so daß der Anwalt ihm nach einigen weiteren Jahren einen tüchtigen Hauslehrer engagirt, der die Ausbildung des Knaben übernehme und ihn zur Universität vorbereite. Denn Dr. Pretorius schickt seinen Knaben in keine öffentliche Schule, die nach seinem eigenen Worte „Mechallel Lebabbos-Anstalten" sind, in denen unsere Jugend fortwährend der Versuchung ausgesetzt wird, die Gesetze unserer heiligen Religion zu übertreten. Dr. Pretorius hat Glück. Er findet in Dr. Samuel Gans einen in jedem Fache tüchtigen, gewiffenhaften Lehrer, der seine Aufgabe mit Liebe erfaßt und mit Treue durchzusühren gewillt ist. Es ist rührend anzusehen, mit welchem Eifer das Kind den Worten des Lehrers lauscht und sie ihm fast von den Lippen ablieft. Dann richtete es wieder eine Frage an den Lehrer, die derselbe mit freundlicher Gewissenhaftigkeit beantwortet; einen Augenblick denkt es nach; jetzt hat es begriffen und dankbar lächelnd beantwortet es jede Frage deS geliebten Lehrers. Die Frau des Anwaltes kränkelte seit einiger Zeit und niemand war unglücklicher als Willy, wenn er die Mutter betrübt und leiden sah und doch kein Mittel wußte, ihre Schmerzen zu lindern. Dann eilte er zu seinem Vater und weinte bitterlich. Der Arzt, den Dr. Pretorius über das Leiden seiner Frau consulttrte, lächelte fein, als er die Untersuchung beendet und die Klage der^ Patientin vernommen hatte. Er tröstete sie und gab die Versicherung. daß binnen Jahresfrist die Krankheit gehoben sein und aus diesem Leid große Freude erwachsen werde. Der Anwalt dachte über diesen orakelhaften Ausspruch nach, ohne eineErklärung desselben finden zu können; seine Frau jedoch war wie mit Purpur übergossen. Sie senkte schamhaft den^Blick und ihre Lippen murmelten: Hajipoleh mead.. oi dowor? Als der Arzt sich entfernt hatte, erklärte sie ihrem Gatten den Ausspruch des Arztes, worauf dieser wie unsinnig im Zimmer herumsprang, seine Frau umarmte und küßte und sich geberdete wie ein Kind. Es war drollig anzusehen, wie der kleine dicke Mann sich wie ein Kreisel drehte, der Anblick brachte selbst die Frau zum Lachen. Endlich hatten sich die Ausbrüche der Freude des Anwaltes ein wenig gelegt. Ersetzte sich neben seine Frau, streichelte zärtlich ihre Hand uud sagte:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.