Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 99 (10.12.1894)
- Date
- 1894-12-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448502--39838-2488006- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXV. Jahrgang. Erste Beilage M JSs 99 des „Israelit". Literarischer Bericht. „Mein Anstritt aus der antisemitische« Partei von Wilhelm Georg (früher Redakteur des Vöckel'schen Reichsherold" und des „Deutschen Tageblattes.)" — so ist ein soeben in Hannover (Gebr. Schmidt) erschienenes Schriftchen betitelt, das sehr interessante Mittheilungen über die agrarische Agitation in Hessen und die Herren Böckel und Hirsche! macht. Wenn auch viel schmutzige Wäsche in dieser von einem ehemaligen Adjutanten Böckels verfaßten Schrift gewaschen wird, so können wir dem Verfasser als einem „Wahrheitssucher" unsere Achtung doch nicht versagen. In seinem offenen pater peeeavi heißt es: „Ich habe es dutzendmal erfahren, daß der Geschäftsnetd die Wurzel des Antisemitismus ist, ich schrieb Artikel, zu denen mir christliche Geschäftsleute das Material lieferten und wurde vom Schöffengericht verurtheilt, weil ich den Beweis der Wahrheit nicht antreten konnte. Wenn seitens der Antisemiten das „Sündenregister" des Judenthums erschöpft ist, dann pflegt man gewöhnlich auf Oesterreich hinzuweisen. Nun, auch hier mußte ich Lehrgeld bezahlen. Da ich rein garnichts beweisen konnte, wurde ich wegen Beleidigung des Barons v. Suttner-Wien zu 100 M. Geldstrafe verurtheilt. Hieran und an die Mtttheilung, daß er wegen der hessischen Güterschlächterliste der Antisemiten verurtheilt wurde, weil er, wie es in dem Erkenntniß heißt, unwahren Behauptungen Vorschub geleistet, schließt der Verfasser seinen Wiederruf, der den Eindruck der Wahrheit macht: „Was ich geschrieben habe, ist meine heilige Ueberzeuguna und Niemand hat das Recht, daran zu rütteln. Wer verdient am meisten Achtung? Der, welcher eine Gesinnung heuchelt, die nicht sein eigen ist. oder der, welcher offen und frei seinen Jrrthum bekennt, sobald er weiß, daß er gefehlt hat." — Zu dem belustigenden Theil der Schrift gehört die Schilderung der agrarischen Agitation in Hessen. Die „Kuhschwanzrede" hatte der Abgeordnete Bindewald die einzige Rede getauft, welche der jetzige Redakteur des antis. „Bad. Volksboten" für die hessischen Bauern vorräthig hatte, da in derselben die Geschichte von einem betrogenen Bauer wiederkehrte, dem ein jüdischer Handelsmann eine Kuh mit angeleimtem Schwanz verkauft haben sollte. Ueber das Rechtschutzbüreau und das Berkaufsbüreau des „Mitteldeutschen Bauernvereins" bei denen Herr Georg thätig war, schreibt er: Es wäre sehr gut, wenn sich die Mitglieder des Vereins angelegentlich bemühen wollten, sich über diese Institution, wie sie jetzt in Marburg besteht, und wo dieselbe eigentlich zu finden ist, etwas näher zu informiren. Wer während meiner Thätigkeit in Hessen vom „Verkaufsbüreau" sprach und das den Vereinsmitgliedern empfahl, der flunkerte einfach." Ebenso werden lustige Mittheilungen über die judenfreien Vtehmärkte in Lang-Göns Schwalbach, Homburg u. a. O. u. s. w. gemacht, bei denen es Böckelwetn mit dem Btldniß des hessischen Bauernführers auf der Flasche zu trinken gab. Von den parteipolitischen „Enthüllungen" des Herrn G., die für uns keine Enthüllungen sind, seien auch zwei hier angeführt. Als der Verfasser bei den „Deutsch-Sofialen" Redacteur war, schrieb er an den Partetchef, den Abg. Liebermann v. Sonnenberg und erbat Antwort, ob er auf einen Angriff Ahlwardt's, den nunmehrigen Hospitanten der neuen „einigen" Antisemitenpartei antworten soll. — Der Abg. L. v. Sonnenberg schrieb zurück: „Les chiens, qui aboient ne mordent pas. Lassen Sie den fetten Mops bellen." — Noch ein Stückchen. Der „Mitteldeutsche Bauernverein" hatte angefangen, im Wahlkreise W.-H.-W. zu agittren. Dr. Böckel wurde darauf aufmerksam gemacht, daß H. v. H, der streng nattonalliberal ist, diesen Wahlkreis nicht aufgeben werde, er wußte ferner, daß der Bruder dieses Fabrikanten im Kreise M.- A. -B. kandidirt habe. Mit Geld ausgerüstet, wurde der Verf. zu folgendem Kuhhandel nach W. geschickt. B. sollte Herrn v. G. plausibel machen, daß für eine anständige Summe die weitere Agitation unterbleiben solle, ferner sollen die Antisemiten im Kreise B.-A.-B. für Herrn v. H's. Bruder stimmen. Den äußern Anlaß zu dieser Reise sollte eine Kartoffelofferte bilden, die das Verkaufsbureau des Mitteldeutschen Bauernvereins an den Herrn in W. machen wollte. Was Herr Georg sonst aus Briefen hessischer Antisemit. Abgeordneter mitthetlt, imeressirt uns, so sehr es die Corruption der Partei enthüllt, weniger, uls sein offenes pater peccavi: „Ich bedauere jeden Tag und jede Minute, die ich in dieser Partei zugebracht habe." Es scheint auch bei anderen Agitatoren der Partei bereits zu dämmern. Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Hirschel aus Frankfurt a. M. hat dem Verfasser im letzten Winter erklärt, daß auf die Dauer die ewigen Judengeschtchten bei den Leuten den Reiz verlören und daß er nicht Architekt geblieben, hätte er schon bitter bereut." Der Verfasser der Schrift ist heute 26 Jahre alt und war 23 Jahre alt, als er als Postbeamter in Groß-Steinheim einer Versammlung