Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 99 (10.12.1894)
- Date
- 1894-12-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1856 sie endlich kennen lernt, daß der von ihr so sehr verabscheute Judaismus auch seine guten Setten nicht nur habe, sondern daß er in vieler Beziehung anderen Religionen noch vorzuztehen sei und daß er tbenso, wie ein anderer Glaube, gute Menschen erziehen könne. Dort lernt sie auch den Bruder ihrer Brodherrin, einen Mediziner kennen und lieben. Durch Gespräche mit diesem über soziale und Religionssachen zu der Ansicht bekehrt, daß jeder Mensch in den Grenzen seines Glaubens Gutes für die Menschheit und das Vaterland stiften kann, hält sie sich der Liebe des jungen Mannes für nicht Werth und verläßt heimlich das Haus, um ihren Vater aufzusuchen und ihn um Verzeihung zu bitten. Auf ihrer Durchreise in Lemberg fällt ihr ein Zeitungsblatt in die Hände, worin angezetgt steht, daß an demselben Tage Verhandlungstermin vor den Geschworenen gegen ihren Vater wegen Beschimpfung der kath. Kirche und Aufruhrs ansteht. Sie eilt nach dem Gerichtssaal. Ihr Vater wird freigefprochen und gewährt ihr Verzeihung. Gleichzeitig erscheint der Bräutigam Klara's, der ihr gefolgt war, auf der Bill fläche und hält um ihre Hand an, die ihm auch zugestanden wird. Der Einband des Werkes ist sehr hübsch und wohl für den Verkauf in Bahnhofsbuchhandlungen berechnet. Zeitnugsuachrichten und Correspouderrzeu. Deutschland. Würzburg, 16. Dez. „O Zöllner, o Zöllner, entfleuch geschwind, Sonst bist Du verloren mit Weib und Kind." Gegen den aniisemischen Agitator in Würzburg, Landl sproduktenhänler Karl Zöllner, wurde am Mittwoch von dem Würzburger Schwurgericht wegen betrügerischen Bankerotts verhandelt. Der Fall ist in sofern besonders charokteristisch, als es sich um eine derjenigen Strafthaten handelt, welche die Antisemiten mit Vorliebe den Juden zur Last zu legen Pflegen, und anderseits dadurch, daß die von dem antisemitischen Agitator Geschädigten — Juden waren. Zöllner betrieb, wie wir dem Bericht des „Frank. Kur." entnehmen, seit dem Jahre 1892 in Würzburg ein Landcsprodukten- und Getreidekommissionsgeschäft, das er später mit einer Mehl- und Hülsefrüchtenhandlung verband. Das Geschäft des Zöllner, der fast vermögenslos war, prospertrte lndkssen nicht. Im April und Mat d. I. nun machte Z. bei einer großen Anzahl auswärtiger (israelitischer) Getreide firmen Bezugsc fferten für Weizen, Hafer, 2c., wovon acht zur Realisirung gelangten und zwar gegen Netto-Kafsa. Unmittelbar nach Bezug der Lieferungen setzte Zöllner die Waren erheblich unter dem Selbstbl zugspreise ab, setzte aber in den Büchern höhere Preise ein, ohne die auf den Leim gegangenen Lieferanten zu bezahlen. Am 21. Mai stellte er seine Zahlungen ein, da er einige Tage zuvor von seiner Wohnung in der Augustinerstraße bis zur Stadtpost ein Packet mit ca. 17.000 Mk. in Bargeld und Wertpapieren verloren haben wollte, das natürlich niemand fand. Nachdem ein seinen Gläubigern angebotenes Arrangement mit 20 pCt. keine Annahme gefunden, erfolgte Anzeige wegen betrügerischen Bankerotts gegen Zöllner und dessen Verhaftung. Die vertrauensieligen Firmen sind um ca. 12.000 Mark geschädigt. Würden die Zöllner'fchen Bestellungen sämtlich ausgeführt worden sein, so würde das Dkfizit wohl über 50.000 Mark betragen, wie der Sachverständige feststellte, der das Geschäftsgebahren als ein sehr unreelles bezeichnete, durch welches die Geschäftsleute „hineingelegt" werden sollten. Z. wollte auch vor dem Schwurgericht das Märchen von dem verlorenen Gelde, womit die Gläubiger hätten bezahlt werden sollen, glauben machen. Das Urtheil lautete nachdem die Schuldfrage bejahenden Ausspruche der Geschworenen auf 2lU Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust. Dre Staatsanwaltschaft hatte 4 Jahre Zuchthaus beantragt. In dem Plaidoyer des Staatswalts kam folgende Stelle vor: „Unter dem Schutze des Schildes reinen Deutschthums und der Devise der Bekämpfung der Korruption wurden von dem Angeklagten Schurkereien verübt, wie sie ähnlich groß mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen sind". N. Memel, 12. Dez. Der hier vor ungefähr sechs Monaten ins Leben gerufene Verein für rr6aj dhdh hat Sonntag den 11. Ktslew seine constttuirende General-Versammlung im Hause des Herrn Rabbiner Feinberg abgehalten. Zu derselben waren ca. 100 Mitglieder erschienen. Der bisherige Vorsitzende des Vereins, Herr Gerson Millner, eröffnete die Versammlung durch Mitthetlung über die Nothwendtgkeit und die Geschäftsführung des Vereins und forderte die Versammlung aus, sich zu constituiren. Herr Rabbiner Feinberg wurde darauf zum Ehren Vorsitzenden, Herr Rabbiner Dr. Rülf zum Vorsitzenden der Versammlung gewählt. Die Versammlung beschloß einstimmig, daß der Verein in der bisherigen Weise fortbestehen soll und genehmigt mit großer Majorität die vom Vorstande entworfenen Statuten mit einzelnen unwesentlichen Abänderungen. Zur Organisation des Vereins ist zu bemerken, daß derselbe von einen Vorstande aus 11 Mitgliedern, sämmtlich hiesige junge Leute, und einen Ehrenrathe aus 10 Mitgliedern geleitet wird. Zum Ehrenrath gehören die angesehensteu Mitglieder der hiesigen Gemeinde, an der Spitze die Herren Rabbiner Feinberg und Dr. Rülf, welche sich von An-