Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 98 (17.12.1894)
- Date
- 1894-12-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448501--39817-2487984- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XXXV. Jahrgang. Erste Beilage j« M 98 des „Israelit“. Leitende Artikel. Hliiiiiifliiiöfs üls mediMislye Aütoritilt. Von Dr. I. Münz 1 2) Maimonides war die größte talmudische Autorität und der gedankenreichste Philosoph nicht nur seiner Zeit, sondern auch des ganzen jüdischen Mittelalters. Auf beiden Wissensgebieten trat er mit souveräner, schöpferischer Kraft auf und hat geradezu epochemachend gewirkt; weder vor ihm, noch nach ihm ist hierin ein jüdischer Gelehrter ihm gleichzustellen. Aber noch auf einem anderen Gebiete hat unser Weise einen ausgezeichneten Namen sich errungen und leuchtet als Stern erster Größe hervor. Er war auch einer der gelehrtesten und berühmtesten jüdischen Aerzte des Mittelalters. Die Arzneikunde stand im Judenthum seit den ältesten Zeiten in hohem Ansehen. Schon der Talmud hat uns die Namen mehrerer jüdischer Aerzte aufbewahrt, unter welchen Mar Samuel (gest. 257 n.), das Schuloberhaupt in N'hardea, der bekannteste, aber wohl nicht der bedeutendste ist. *) Zuerst im Orient unter den Arabern, etwas später in Spanien und sodann in allen europäischen Staaten sehen wir hervorragende jüdische Aerzte auftreten, die zur Erhaltung und Verbreitung der medizinischen Kenntnisse im Mittelalter sehr viel begetragen haben. Sie hatten sich nicht nur als vortreffliche praktische Aerzte einer großen Beliebtheit im Volke zu erfreuen, sondern entfalteten auch auf dem Gebiete der Heilkunde eine sehr fruchtbare literarische Thätigkett und fliegen zu hohen, einflußreichen Würden und Aemtern empor. Der ärztliche Stand unter den Juden war in jener Zeit so allgemein verbreitet und beliebt, daß in einigen Ländern die Arzneikunde fast ausschließlich in jüdischen Händen lag undselbst geistiliche Fürsten, Prälaten und Päpste, nahmen keinen Anstand von jüdischen Recepten stch heilen zu lassen. Viele jüdische Gelehrte, die auf dem Gebiete der rabbtntschen Literatur einen klangvollen Namen besitzm oder als Dichter und Philosophen hervorragen, waren gleichzeitig viel beschäftigte Aerzte und schrie- 1) Die nachfolgende Darstellung bildet ein Kapitel meiner größer» Arbeit über das Leben und Wirken des Maimonides, die von mir für den Druck vorbereitet wird. 2) Vergl. Wunderbar, Biblifch-talmudische Medicin und den Artikel: Hervorragende Aerzte aus der talmirdischen Epoche in der medicinischen Wochenschrift, Wien 1879 Nr. 7. den neben ihren andern wiffenschastlichen Werken auch Bücher medizinischen Inhalts. In diesem Ruhmestempel der jüdischen Aerzte erblicken wir in vorderster Reihe auch unseren Maimonides. Schon in Spanien beschäftigte stch der junge Moses mit der Heilkunde und den zu ihr vorbereitenden Naturwissenschaften, wie Anatomie, Phystk und Botanik. Außer dem Talmud und der Philosophie war es vorzüglich die medizinische Wistenschaft, der er stch mit großem Eifer zuwandte. Wie er stch in die Getsteswerke der griechischen und arabischen Philosophen versenkte, so vertiefte er stch in die medizinischen Schriften des GalenuS (200 n.) und AWcena'S (11. Jahrh.), die als Grundlage und Ausgangspunkt der Herlknnde im ganzen Mittelalter betrachtet wurden. Fast alle arabischen Philosophen, mit deren Getstesprodukten Maimonides sich so eingehend beschäftigte, waren gleichzeitig berühmte Aerzte und wirkten auch in dieser Beziehung anregend und belehrend aus ihn. So ging bet unserm Maimonides das medtzinische und philosophische Wissen Hand in Hand. Während seines fünfjährigen Aufenthaltes in Fes (1160—1165) wo er gezwungen war, sein Religionsbekenntnitz za verheimlichen, bot sich unserem Gelehrten mannigfache Gelegenheit, seine Kenntnisse auf dem Gebiete der Heilkunde zu bereichern und wohl auch als praktischer Arzt aufzutreten. Er pflog Umgang mit den einheimischen, muhamedanischen Gelehrten und machte stch mit der vielgerühmten Heilkunde der Araber, die um diese Zeit ihre Glanzperiode erreicht hatte, im vollsten Matze vertraut. Die Heilkunde war ihm eine höhere, edlere Kunst, ja das Studium derselben wird von ihm geradezu als eine religiöse Pflicht angesehen. Maimuni erkannte mit der ihm eigenthümltchen Klarheit und Entschiedenheit, daß die Medicin einen sehr wichtigen Faktor der Ethik bilde und so ein höheres religiöses Interest-: beanspruche. Sie lehre den Menschen die zügellosen Leidenschaften, die die Gesundheit untergraben, bezähmen und die richtige Wahl der Nahrungsmittel; sie erhalte die Rüstigkeit des Körpers und mache den Menschen fähig, an der Veredelung und Versittlichung seiner Kräfte zu arbeiten; sie führe ihn also seiner höheren moralischen Bestimmung, der Erkenntniß der Wahrheit und der Giückseltakett entgegen. Uiser Arzr macht daher bet jeder Gelegenheit auf die hohe Bedeutung und W chtigkeit der Arzneikunde aufmerksam. Schon 3) Vergl. meine Schrift: Ueber die jüd. Aerzte im Mittelalter, Berlin 1887.