Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 97 (13.12.1894)
- Date
- 1894-12-13
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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1831 er noch so gediegen, fördert eine so genaue Kenntnis von der inneren Natur und Verfassung des Kindes zu Tage, als die Beobachtung des von allen Fesseln des erziehlichen Zwanges befreiten Kindes. Das sich frei fühlende Klnd spielt, und das Spiel ist das Spiegelbild der inneren Kindesnatur. Wie unbezahlbar ist dieses Bild für den Erzieher.' In diesem Bilde treten ihm die Spuren der Zukunft entgegen, es bietet ihm die beste und verläßlichste Antwort auf die Frage: Was meinest du, will aus dem Kindlein werden? Und mit dieser Antwort hat er die Fingerzeige, die ihm andeuten, wo er zu pflegen, wo er zu beschneiden hat; er hat in ihr die Fehler vor Augen, die es zu bekämpfen und zu unterdrücken gilt, aber auch die verheißungsvollen Triebe, welche die pflegende Hand des Gärtners herausfordern. Ich habe einen Elementarlehrer gekannt — er ruht längst in der kühlen Erde — der in seiner Klasse 210 sechs- bis achtjährige Knaben zu unterrichten hatte. Ich habe auch einst während einer Pause seine Klaffe besucht. Es war wie in einem Ameisenhaufen, es ging drunter und drüber. Der Lehrer stand bei seinem Pulte, verzehrte ruhig sein Frühstück und schaute seine Kinder an, als sähe er sie nicht. Aber ein paar Schläge mit dem Rohrstabe auf den Tisch, und wie durch einen Zauber entwirrte sich das Gewimmel und alles saß still, fröhlich und lerngemut auf den Plätzen. Bet Gott, das war ein Elementarlehrer! Er kannte seine Kinder, so viele ihrer auch waren, und er hat etwas geleistet. Ich habe auch Lehrer gekannt, die in den Ruhepausen die Zügel ebenso fest angezogen, als in den Lernstunden. Die haben mir nicht gefallen, ihre Schulen waren Zuchthäuser und ihre Schüler wurden Duckmäuser. Strenge und Nachsicht, jedes an seinem Orte, und die Kinder sind in guten Händen. Auch außerhalb der Schule reifen die besten Früchte, wo man im Meere der Strenge der Freiheit Inseln gönnt. Vor vielen Jahren war ich als Zuschauer bei einem Manöver deutscher Bundestruppen anwesend. Es war vor der Zeit des neuen Deutschen Reiches. Da zog ein Dragoner- Regiment — meine Landsleute — auf das Manöverfeld. Die Kerle hingen elend auf ihren Pferden, jeder machte sichs bequem und ging nach Neigung mit seinen Gedanken spazieren. Ein strammer preußischer General sollte das Armeekorps inspizieren und rümpfte verächtlich die Nase, als er die rotbefrackten gemüthlichen Dragoner sah. Aber da ertönte die Trompete, und wie mit einem Schlage gab es ein anderes Bild. Das Regiment schloß sich zu einer erzenen Linie zusammen, nahm Stellung und griff in die Bewegung ein. Und wie! Nach der Parade ritt der General vor die Front dieser Reiter und legte salutierend die Hand an den Helm. Der Pädagoge kann aus einem solchen Erlebnis etwas lernen. Die Pause in der Schule bedeute für das Kind die Freiheit, sie sei der Apfel neben dem Stabe. Wer ein Kind nicht als Kind, als ein zwanglos sich auslebendes Wesen sehen kann, der hat als Lehrer seinen Beruf verfehlt, der soll die Schafe hüten. Aus iöfairf mit» Cmti». Ans Waben, 7. Dezember. Bet den öffentlichen Verhandlungen der seit einigen Tagen stattfiadenden „Badischen ev. Generalsynode" stellte Dekan Einträchter den Antrag um Errichtung von Consicmandensälen, und erklärte: Er sei in seiner Gemeinde (Hüffenhardt) durch die jüdische Gemeinde mit Hilfe des Staates aus dem Schulhause verdrängt worden. Die kleine jüdische Gemeinde, die sieben Schulkinder zählte, habe den Antrag auf Überlassung eines der beiden Schulsäle gestellt, gerade für die Zeit, wo er allein den Confirmandenunterricht habe ertheilen können. Der Gemeinderath sei fest auf seiner, des Dekans Sette gestanden. Der Bezirksrath aber habe erkannt, da der Conficmanden-Untericht nicht staatlich geschützt ist, wohl aber der jüdische Religionsunterricht. so muß der evangelische Geistliche mit seinen 25 Confirmanden den sieben jüdischen Schulkindern weichen. Er habe den Unterricht in einem Familienzimmer geben müssen und der Oberamtmann habe ihm geschrieben, er solle sich vor der Majestät des Gesetzes beugen. Diese Bemerkung aber habe in ihm trotz seiner conservativen Gesinnung und seiner Loyalität ganz andereGefühle erregt, als die der Ehrfurcht vorder „Majestät des Gesetzes." Prälat Dr. Doll entgegnete unter Anderem, daß es nicht zutreffend sei, daß der Geistliche durch die Staatsgewalt aus dem Schulhause entfernt worden sei, es sei nur für die betreffende Stunde der Konfirmanden-Unterricht unmöglich geworden. Präsident Dr. Kiefer. In solchen Angelegenheiten müsse man in erster Linie nach Verständigung streben. Er möchte nicht haben, daß diese Synode mit einem Anklang des Antisemitismus schließe und mit einer Klage über die gemischte Schule, dieses kostbare Besitzthum unseres Volkes. Die Vertreibung eines christlichen Unterrichts aus der Schule halte erffür eine Unmöglichkett. Wenn allerdings Jemand sage, er wolle zu einer gewissen Stunde keinen Unterricht ertheilen, so werde der Betreffende leicht als eine Persönlichkeit erscheinen, mit der nicht gut anszukommen ist. Hinsichtlich der Stun-