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Der Israelit · 1894-12-06 · Heft 95 (6.12.1894) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 95 (6.12.1894)
Date
1894-12-06
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Als er bei seiner Rückkehr nach Europa sich im Dezember 1498 auf der kleinen Insel Anchediva, zwölf Meilen von Goa, aufhielt, näherte sich seinem Schiffe in einer Barke mit geringer Mannschaft ein Europäer von hoher S'atur mit langem weißen Bart, um im Aufträge seines Gebieters Sabayo, des maurischen Herrschers von Goa, mit den fremden Seefahrern in Unterhandlung zu treten. EL war dies ein Jude, welcher nach dem Berichte einiger Chronisten aus Posen, nach anderen aus Granada stammte. Des Bekenntnisses wegen vertrieben, wandelten seine Eltern nach der Türkei und Palästina; er selbst begab sich von Alexandrien, wo er nach Behauptung einiger Chronisten geboren wurde, über das Rothe Meer nach Mekka, von da nach Indien; dort gerieth er in Gefangenschaft und wurde später von Sabayo zum Admiral (Capitno mnr) ernannt. Sobald er in die Nähe der buntbeflaggten portugiesischen Schiffe gelangte, entbot er ihnen in kastilianischer Sprache den Schiffsgruß: „Gott segne die Schiffe und die Herren Kapitäne und die gesammte Mannschaft!" Groß war die Freude der Portugiesen, in einem so fernen Lande heimische Laute zu vernehmen: groß aber auch das Verlangen des Juden, Nachrichten aus der ihm theuern Heimath zu erhalten. Im Vertrauen auf das ihm von den Portugiesen gegebene Versprechen vollkommener Sicherheit bestieg er ihr Schiff. Er wurde mit allen Ehren empfangen und die Schiffsmannschaft lauschie mit Vergnügen seinen interessanten Erzählungen. Er zog aber dadurch die Unterhandlungen so sehr in die Länge, daß Vasco da Gama Verdacht schöpfte und ihn für einen Spion hielt. Nichts Arges ahnend, wurde er auf einen Wink des Oberbefehlshabers plötzlich an Händen und Füßen gebunden, entkleidet und von zwei Schiffsknechten unbarmherzig gegeißelt. Vasco da Gama schwor beim Leben seines Königs, daß er ihn so lange peitschen lassen würde, bis er die volle Wahrheit eingestanden hätte. Um den Qualen der Tortur zu entkommen, ging er endlich zu den Portugiesen über und um sein Leben zu retten, versprach er, sich taufen zu lassen: er erhielt den Namen Caspar da Gama, nach dem Admiral, der sein Taufpathe war. Der „jüdische Pilot" Gaspar, auch Gaspar de las Jndias genannt, wurde von Vasco da Gama nach Lissabon gebracht und von D. Manuel, der besonderes Gefallen an ihm fand und sich gern mit ihm unterhielt, mit Kleidern, Rossen und Dienern reich beschenkt, auch durch einen Freibrief ausgezeichnet. Er leistete, wie Peschel sich ausdrückt, Vasco da Gama und mehreren nachfolgenden Befehlshabern der portugiesischen Flotte unersetzliche Dienste. Dieser erfahrene, sprachkundige und mit den Verhältnissen in Indien vertraute Mann, welcher die auf seinen Reisen gemachten wissenschaftlichen Beobachtungen auch niedergeschrieben' hat, begleitete im Jahre 1500 Pedro Alvares Cabral auf seiner Expedition nach Indien, und zwar auf ausdrücklichen Wunsch des Königs, welcher Gabral die Weisung ertheilte, in allen wichtigen Angelegenheiten Gaspar's Rath einzuholen: er bediente sich seiner hauptsächlich als Interpret. Aufs prächtigste geschmückt, unterhandelte Gaspar mit dem Könige von Melinde, dem er aus seiner Stellung bei Sabayo bereits bekannt war. Durch eine List, indem er sich als Maure kleidete und Gebete wie ein Moslem verrichtete, entdeckte er in Calecut einen Aufstand der Eingeborenen und vereitelte ihren Anschlag, die Portugiesen niederzumachen. In Calecut ertheilte er dem Admiral den Rath, nach dem südlich gelegenen Cochin zu fahren, das bei günstigem Winde in einem Tage zu erreichen wäre; dort gäbe es einen^ guten Hafen und weit mehr Pfeffer und andere Gewürze als in Calecut. Auf Gaspar's Weisung setzte auch Cabral die Fahrt in der eingeschlagenen Richtung fort und gelangte an die Küste eines Landes, welches bis dahin weder die Spanier noch die Portugiesen kannten: es war Brasilien. Hätte Columbus nie gelebt, die Europäer wären im Frühling des Jahres 1500 sicherlich nach Amerika gelangt. Columbus suchte einen Seeweg nach Indien und fand unbewußr Amerika; Cabral fand einen Weg nach der neuen Welt, indem er dem Rathe des jüdischen Piloten Gaspar folgte und gleichsam über Brasilien stolperte. Auf seiner Rückfahrt nach Portugal begegnete Cabral am Grünen Vorgebirge den Schiffen, welche eigens zur Entdeckung Brasiliens von Portugal auSgeschickt waren. Amerigo Vespucci, der sich auf dieser Flotte befand, beeilte sich, von den Kenntnissen und Erfahrungen Gaspar da Gama's des intelligentesten Mannes der ganzen Schiffsmannschaft, Nutzen zu ziehen. Gaspar gab ihm die gewünschte Auskunft sowohl über die Lage und Beschaffenheit als über den Reichthum und den Handel der fernen Länder, welche er zu besuchen beabsichtigte. Vespucci, welcher, nebenbei bemerkt, Columbus und feine Entdeckung nie erwähnt, als ob er nie eristirt hätte, spricht von Gaspar mit hoher Anerkennung. „Ein vertrauenswürdiger Mann," heißt es in einem seiner Briefe, „der viele Sprachen spricht und die Namen vieler Städte und Provinzen kennt, der zweimal von Portugal in das Indische Meer gefahren und von Kairo nach der an der Küste des Indischen Meeres gelegenen Halbinsel Malacca sich begeben, auch die Insel Sumatra besucht hat, erzählte mir, daß er im Innern Indiens ein großes Königreich kenne, das reich an Gold, Perlen und Edelsteinen ist." Eine neue Fahrt nach Indien machte Gaspar im Jahre 1502 mit der unter dem Oberbefehle Vasco da Gama's ausgeschickten Flotte. In Ouiloa unterhandelte er mit dem dortigen als listig und verschlagen bekannten König und in Cochin fand er einige Tage spater — seine Frau wieder; dieselbe war nicht zu bewegen gewesen, das Judenthum zu verlassen und stand im Rufe der Gelehrsamkeit. Als der erste Vizekönig von Indien, D. Francisco d'Almeida, sich im Jahre 1505 aus seinen Posten begab, befand sich in seiner Begleitung auch Caspar und unter Anderen der Sohn des Doktor Martin Pinheiro, des Richters am Obersten Gerichtshöfe in Lissabon. Der junge Pinheiro führte eine ganze Kiste voll Thorarollen mit sich, welche aus den kurze Zeit vorher zerstörten Synagogen Portugals herrührten und welche er in Cochin, wo sich viele Juden und Synagogen befanden, verkaufen wollte. Gaspar's Frau vermittelte das Geschäft: für dreizehn Thorarollen loste Pinheiro die Summe von viertausend Pardaos. Sobald der Vizekönig davon erfuhr, machte er Pinheiro heftige Vorwürfe; er nahm den Betrag für den Staatsschatz in Beschlag und berichtete über den Vorfall sofort nach Lissabon. Gaspar kehrte mit Vasco da Gama nach Lissabon zurück. D. Manuel verlieh ihm in Anerkennung seiner bedeutenden Verdienste den Rang eines Cavalleiro de sua Casa. Zu der vierhundertjährigen Feier der Entdeckung Amerikas hat Herr Dr. Kayserling durch das soeben besprochene Buch einen sehr interessanten Beitrag geliefert. Sowie das kleinste Bruchstück eines Spiegels das Bild des Ganzen wiedergiebt, so sehen wir in den Episoden, welche der Verfasser mittheilt, die ewigen Werdegesetze der Nationen sich ausprägen. Wir sehen das tragische Bild eines alten, wegen seines Genies stets verfolgten und gebrandschatzten, vatcrlandslos herumgehetzten Volkes vor uns, wir sehen es mitten unter allerlei Drangsalen an dem großen Werke der Befreiung d-r Menschheit thätig und bewundern die List der Idee, welche das Anzünden der Scheiterhaufen zum Ausgangspunkt für die Entdeckung einer uns für immer erlösenden Welt zu machen wußte.

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