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Der Israelit · 1894-12-06 · Heft 95 (6.12.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 95 (6.12.1894)
Date
1894-12-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1775 ihm es nicht gestattet habe, und daß er gehorchen solle, augenblicklich, wie die Ordensregel es vorschreibe, sonst werde er von schwerer Kirchenstrafe betroffen. Er ordne an, daß Alles so geschehe wie der König befohlen habe, und daß Jeder dem jüdischen Mädchen mit Ehrfurcht begegne, der zufällig mit ihr zusammen treffen werde. Wer es wage, sie nur im geringsten zu verletzen und ihr Uebles zu» zufügen, für den werde es keine Verzeihung geben! Da wagte auch Guido nichts zu erwiedern; er knurrte nur leise und unwillig dagegen wie ein Hund, der gezüchtigt worden war. Die Blicke der Mönche aber sahen unruhig Und erwartungsvoll auf ihn, denn sie waren überzeugt, daß Guido bei seinem widerspenstigen Charakter und bei der Heftigkeit seines Temperaments nicht so ganz gehorchen würde, wie der Abt es verlangte. Nachdem nochmals der Abt zu Ruhe gemahnt und nochmals alle verpflichtet hatte, genau so zu bandeln, wie der König es befohlen, entließ er die Versammlung und zog sich in das Innere feines Gemachs zurück, um zu beten, und die Mönche schritten gemeinsam durch den Klostergang, die Netteren gingen in ihre Zellen und zerstreuten sich immer mehr, während die Jüngeren Guido folgten, der ihnen mit den Augen mancherlei verstohlene Zeichen gegeben hatte. Endlich, nachdem alle Netteren hinweggegangen und nur solche in seiner Gefolgschaft geblieben waren, auf die er sich verlassen konnte und deren Ergebenheit er sicher war, führte er sie nach einer abgelegenen Stelle im Kreuzgange des Klosters und sprach mit dumpfer Stimme, so daß man den heftigen Groll, der fein Inneres bewegte, herauöbören konnte: „Wer von euch ein Christ ist und von Liebe erfüllt zu unserem Herrn, der thue, was sein Gewiffen ihn heißt! Wer aber nicht unseres Sinnes ist, der gehe hinweg und störe unser gutes Werk nicht. Da ging der Eine oder der Andre von dannen, die Uebriggebltebenen aber schaarten sich dicht um Guido und er führte sie hinunter nach der Krypta, wo die Leichen der verstorbenen Aebte ruhen, und dort schloß er sich mit ihnen ein; sie berieten lange und heftig, und endlich nach langer Berathung waren sie zu einem Entschluß gekommen, Guido ging mit einem der Mönche allein zurück, die Anderen aber blieben in der Krypta und verthetlten sich in den einzelnen Grabeszellen und verbargen sich hinter Särgen und Gemäuer. Guido selbst aber ging nach dem Garten. Da der König schon am nächsten Tage eintreffen wollte, so durfte keine Zeit verloren werden und es mußte noch in dieser Nacht geschehen, was die Mönche für nothwevdig hielten. Wie wir wissen, war das Unwohlsein Esther's nur ein leichtes gewesen, und einige Stunden der Ruhe hatten genügt, sie die Strapazen des Marsches vergessen zu lassen. Nachdem sie den Tag über in der Zelle zugebracht, schritt sie gegen Abend in Begleitung Eltscha's nach dem Klostergarten hinab, denn sie sehnte sich darnach, die frische, freie Luft zu genießen. Stumm und traurig schritt sie in dem Garten umher, und weder sie noch Elischa redeten ein Wort. Was sollte sie nun beginnen, denn an ein Entkommen aus dem Kloster war nicht zu denken. Doch selbst, wenn es ihnen gelungen wäre, den Mönchen zu entgehen, die Beamten des Königs harrten an den Thoren und verhinderten jeden Fluchtversuch. Aber so weit die Gedanken Elischa's und Esthers früher auseinander gegangen waren, jetzt dachte jeder von ihnen dasselbe. Es schien, als ob sie stch's an den Augen absähen, daß die gleichen Gedanken sie beherrschten, und plötzlich reichte Esther Elischa die Hand und sagte: „Nicht wahr, mein Freund, wie Gottes Wille es über uns verfügt, so werden wir es ertragen, ohne eine Hand zu erheben, um unser Loos zu ändem. Komme, was da wolle, wir wollen uns ergeben in den Willen des Herrn. Denn Er allein ist groß, mächtig und gewaltig und wir sind nichts vor seinem Angesichte." Elischa drückte ihr die Hand, und leise flüsterte er ihr zu: „Das ist es, Esther, was ich soeben gedacht. Ja fürwahr, Du hast recht geredet. Gottes Wille geschehe und wir sind Nichts vor seinem Angesichte. Was immer auch kommen möge, wir wollen uns still ergeben in seinen Willen und nicht die eigne Kraft so hoch überschätzen, daß wir vermeinten, ändern zu können, was Er über uns beschlossen. — Dir aber, Esther, sei Heil und Frieden!" „Nun hast Du Alles gesühnt, was Du früher Uebles begangen. Der Herr segne Dich!" In diesem Augenblicke trat Pater Guido auf die Beiden zu und verneigte sich tief vor Esther. „Edle Herrin!" begann er, „es ist eine hohe Ehre für unser Kloster, daß Dein Fuß die Mauern desselben betreten hat, und wir Alle wissen diese Ehre zu schätzen. „Nicht Jedem zeigen wir die Schätze und Merkwürdigkeiten, die unser Kloster birgt, aber wenn Du o Herrin geruhen willst, sie zu betrachten, so wird es uns allen eine Freude sein." Esther betrachtete erstaunt den Mönchen. Trotz seiner freundlichen Miene lag etwas Heimtückisches und Listiges in seinem Blick, doch Esther störte sich nicht daran.

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