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Der Israelit · 1894-12-03 · Heft 94 (3.12.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 94 (3.12.1894)
Date
1894-12-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXT. Jahrgang. Beilage;u M 94 ües „Isrneltt“. Waööi David. „Wahrheit! Liebe! Menschlichkeit!" „Diese Worte, in welchen der Schluß des Schauspiels „Rabbi David"*) ausklingt, könnte man als Motto der ganzen Dichtung voraussetzen; sie klingen mahnend und versöhnend durch alle Stürme der aufregenden und erschütternden Handlung hindurch" wie die Botschaft einer besseren Welt! — „Der Stoff dieses neuen Dramas (das kürzlich auf der Meininger Hofbühne aufgeführt würde), der Ritualmord, ist gerade in heutiger Zeit wieder aktuell geworden und im höchsten Grade geeignet, die Aufmerksamkeit der literarischen und politischen Welt auf sich zu ziehen! Und wie ist dieser Stoff dichterisch behandelt! Wenn Friedrich von Holzschuher im Gertchtsakt mit wildem Schmerz ausruft: „der einz'ge Ritualmord in der Welt — es ist der Frevel an der Liebe!" so ist damit die Idee des Dramas klargelegt! Von einer Tendenz im unlautern Sinne kann also keine Rede sein! Der Dichter ist ein echter Vertreter und Verfechter des Ideals — und aller Zorn und Schmerz dieser flammenden, oft verzehrenden Poesie wendet sich gegen die „übermütige Tyranneides frechen Materialismus", von dem sie sehr zutrlffend sagt, daß er nur deshalb „das Ideal, die Sonne der Menschheit als überwundenen Standpunkt verschwärze, damit sein phosphorisches Glimmen der Fäulnis als Licht erscheine!" Ja, der Autor des Rabbi David ist „ein streitbarer Dichter" (wie eine Kritik sich ausdrückte), aber wahrlich, er dient keiner Partei, sondern wollte, wie er im Vorwort selbst sagt, nur „eine warnende Tragödie schreiben; warnend, weil sich der Todeskampf der Parteien in das Gebiet des Glaubens wagt, wohin er absolut nicht gehört!" — Wer Heines Novellen- Fragment „Der Rabbi vou Bacharach" wirklich gelesen hat und nicht nur vom Hörensagen kennt, der weiß, daß man dasselbe höchstens als Exposition eines Dramas verwerten kann. Der Dichter des „Rabbi David" hat auch nur wenig aus dem Heineschen Torso benutzt — und manches sogar geändert, — und zwar zur Verschärfung des dramatischen Konfliktes, den er allein ersonnen, und von dem sich in Heine keine Spur vorfindet! — Rabbi Davids Tochter Lea ist aus einer heimlichen Verbindung mit einem christlichen Arzt Mutter eines totgeborenen Kindes geworden, an welchem der verworfene jüdische Diener Joel den Schachtschnitt ausführte, um den Ktndsmord seiner Ge¬ *) Reclam'S Universal-Bibliothek Nr. 3271. liebten zu verheimlichen. Der Rabbi flüchtet mit seiner Tochter nach Frankfurt, wo er durch einen getauften Juden vor Gericht anqeklagt wird. Es erfolgt nach der Verhandlung Freisprechung, aber in der folgenden Nacht dringt der aufgeregte Pöbel mit Flagellanten, Raubgesindel und Landstreichern ins Judenviertel und insceniert eine Judenschlacht. Erst durch Aufgebot kaiserlicher Macht kann der Aufstand gedämpft werden. Im Angesicht der brennenden Synagoge reichen sich der Rabbi, der Erzbischof und der Stuhlherr des Reichsgerichtes die Hände zum Bunde — es tagt ein neuer Morgen, aus Blut und Schutt steigt sieghaft das Dreigestirn „Wahrheit! Liebe! Menschlichkeit!" So sehr wir nun auch den Autor dieser vom Geist der Menschenliebe durchwehten Tragödie verehren müssen, so ideal und schön auch das Werk ist, mit der Hauptfigur dem Rabbi David wird sich kein echter Jude einverstanden erklären können. Ein Rabbiner, der nur die Religion des Herzens gelten läßt und jede positive Religion leugnet, ein Rabbiner, der freudig darüber erregt ist, daß feine fromme Tochter mit einem edlen Christen eine Mischehe eingehen will, wäre auch heutigen Tages unmöglich. Im fünfzehnten Jahrhundert aber, in dem das Stück spielt, ist er geradezu undenkbar. — Auch ist der verehrte Verfasser mit jüdischen Religionsbräuchen wenig vertraut und begeht in der Schilderung derselben manchen Fehler. Dies alles aber darf uns nicht abhalten, dte edle, reine Absicht des geheimnißvollen und, wie man wissen will, sehr hochstehenden Verfassers gebührend anzuerkennen und ihm für seine hochherzige That den tiefempfundenen Dank seiner jüdischen Hörer und Leser auszuspcechen. — Wir wollen noch hinzufügen, daß der Herzog von Meiningen die Dichtung selbst inscenierte, daß 21 Hervorrufe nach dem unbekannten Verfasser erfolgten und daß das Werk die glänzendsten Kritiken erhielt; so nennt es der Dichter E. v. Wald-Zeitwitz „ein dramatisches Ereigniß ersten Ranges, das einen phänomenalen Erfolg erzielte." Zeitungsnachrichten und Corresponbenzen Deutschland. Ans Bayern, 27. Nov. Da die Agitation der Antisemiten gegen das Schächten und ihr Bestreben, ein staatliches Verbot des Schächtens in Bayern zu erwirken, das Ziel bis jetzt nicht erreichen konnte, sucht man, wie es scheint, auf Um-

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