Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 90 (19.11.1894)
- Date
- 1894-11-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448493--39650-2487809- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1692 wenn ihm Arnim ein magyarisches Volksliedchen vorsang, so schimmerten in den Augen des alten Barons Thränen, die ebenso von Lust wie von Leid erzählten. Vielleicht wußte der alte Herr, der jedenfalls geistig schon sehr geschwächt war und seinen ihm so theuren Glauben nicht mehr mit voller Manneskraft zu vertheidigen im Stande war, damals schon, daß sein Sohn für den jüdischen Glauben, an dem er selbst so treu und fest hing, verloren sei, und daß er nur die Augen schließen müsse, damit sich der „ungarischen" Linie seines Hauses die Kirchenthür öffne. Er hat dies auch in seinem Testament berücksichtigt. Seine Liebe für den Sohn, dessen liebes Weib und Enkel war zu groß, um auf den gefürchteten Schritt eine bedeutsame Strafe zu setzen; aber eine Million sollte die Taufe den Abtrünnigen doch kosten, eine Million, welche Armen und Unglücklichen zugute kommen sollte, eine unbegreifliche Schwäche, bet welcher der alte Herr wohl nicht bedachte, daß er damit den Glaubenswechsel sanctiontre. Und jetzt rüstet sich Baron Hermann Königswarter im Sinne des letzten Willens seines Vaters, diese Million Wohlthätigkeitszwecken zu widmen, und zwar 400,000 Gulden zur Gründung eines Spitals für Kranke jeder Konfession, 200,000 fl. für das von seinem Vater gegründete Blindeninstttut und 400,000 Gulden in Mtndestbeträgen von 50,000 Gulden für verschiedene Wohlthätigkeits^ Institute. Die Taufe des Universalerben des Königswal - ter'schen Vermögens und seines Sohnes steht nämlich vor der Thür. Frau Melanie kehrt zum Katholizismus zurück und wird bald wieder vor dem Altar der Domktrche in Großwardein niederknieen. WentgstcnS ist die zweite Schwiegertochter des alten Barons, Gretchen Formes, die ehemalige Naive des Burgtheaters, eine fromme, fast orthodoxe Jüdin geworden, und jeden Freitag Abends begrüßt sie im alten Tempel zu Frankfurt a. M. den Sabbat. Nyiregyhaza, 11. Okt. Der Beamte unserer 8tatu8-guo-Geme!nde, Herr David Steiner, hat kürzlich, da er schon in vorgerückteren Jahren stand und da es immer sein heißester Wunsch war, in Jerusalem (u"uin) auf dem Oelberge (oma -iri) daselbst begraben zu werden, auf seine einträgliche Stelle verzichtet, und griff er nun zum Wanderstabe. Er verließ sammt seiner Familie die theuere Heimat und schiffte sich in Trieft nach Jaffa ein. Dort angekommen, wurde ihm jedoch das Landen unter dem Vorwände verboten, daß die Einwanderung nach Palästina bis auf Weiteres untersagt sei. Er begab sich hierauf nach Beirut, wo ihm tndeß das Landen gleichfalls verboten wurde. Die türkischen Behörden dort schiffcen ihn sogar mit Gewalt auf einem englischen Dampferein, der eben nach Australien abging. Auf sein inständiges Bitten setzte ihn jedoch der Capitän in Port Said wieder in Freiheit. Herr Sreiner bat daher die hiesige Gemeinde, ihm doch die Rückkehr nach der Heimath zu ermöglichen, damit er wenigstens, da er doch auf dem Oelberge nicht begraben werden könne, neben seinen Eltern seine ewige Ruhestätte finden möge, »öw »a« aap ay ’-pya nmoeii (Nach Schluß der Redaetion.) A. F. Warschau, 10. November. Als Kaiser Nikolaus noch Thronfolger war, hatte er die Präsidentenstelle des BaukomitSs der sibirischen Eisenbahnen inne. Eines Tages theilte ihm der Bauleiter mit, daß viele Polen und Juden bet dem Baue beschäftigt seien, und er fragte, ob der Großfürst nicht geneigt wäre, sie durch Russen zu ersetzen. Der Thronfolger war durch diesen tendenziösen Vorschlag unangenehm berührt und verweigerte in der entschiedensten Weise die Entlassung dieser bisher beschäftigten Leute, denen man nichts Anderes vorwerfen könne, als ihre Nationalität oder Konfession. Erzürnt rief er: „Sollen wir diese Leute vielleicht auch noch aufhängen?" Es wurde denn auch keine Entlassung vorgenommen. Vermischtes. Berlin, 3l. Oktober. Die Armenkommission der hiesiegen jüdischen Gemeinde hatte gegen die minderjährigen Kinder des Oberstabsarztes Professor Dr. Hermann Rabl- Rückhardt und dessen geschiedene, jetzt an einen Rechtsanwalt in Hamburg verheiralhete Ehefrau, eine Pflegetochter des 1684 verstorbenen Kommerzienraths Moritz Gerson, mit dem Antrag geklagt, die Verklagten zu verurtheilen, darein zu willigen, daß aus der Nachlaßmafse des Verstorbenen sofort 600,000 Mk. zu Gunsten einer in dieser Hohe zu Wohlthä» tigkeitszwecken gemachten Zuwendung ausgeschieden werden. Das Landgericht I erkannte hieraus dahin, daß aus dem Erlöse des Grundstücks Thiergartenstraße 4 a von der Streitmaffe von 600,000 Mk. 52905 Mk. nebst Zinsen sogleich, der Rest aber nach dem Tode zweier bestimmter Personen ausgeschieden würden, sobald die landesherrliche Genehmigung der „Moritz und Rosa-Gerson-Stiftung" ausgesprochen sei. Nun hat das Kammergericht in der Berufungsinstanz in Gemäßheit des in erster Instanz von der Klägern gestellten Antrages, also auf sofortige Ausscheidung der 600,000 Mk. erkannt. Zur Pflege deS Familiensinnes. Von Anna Nitschke. Guhran, Be;. BreSlau. Max Lemke. Preis 40 Pfg. Eine treffliche Schrift, von der man wünschen möchte, daß sie jedem Neuvermählten Paare mitgegebrn würde. Gegenüber der leider immer mehr um sich greifenden und von gewisser Seite systematisch geförderten Auflösung tes Familiensinnes betont die Verfasserin die Wichtigkeit der Familie als Grundlage aller socialen Verhältnisse und zeigt, wie das Familienleben beschaffen sein soll. Möchte die seh: beachtenSwerthe Broschüre in den weitesten Kreisen Beachtung finden!