Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 89 (15.11.1894)
- Date
- 1894-11-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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oc?»«s> W$m ^orthodoxe ^uderrthumÄ -OM OSESv'l- AFONO- ISaSEOZEard; 15. Nov 1894 ] lNr. IO. Columbus und dir Juden. G-4- Es ist eine merkwürdige Eigenschaft des in der ganzen Welt zerstreuten Judenthums, daß es trotz aller Unterdrückung und Verfolgung sich immer und überall an den höchsten Kulturbestrebungen betheiligle. Diemerkwürdige Doppeleigenschaft des Juden, rasch Reichthum und rasch Wissen zu erwerben, begründete ihr Glück undElend in der fast zweitausendjährigen Zeit der Diaspora. Nicht selten sehen wir die Juden des Mittelalters in dominirenden Stellungen, als Leibärzte, Bankiers, höchste Rathgeber der Könige, immer wieder wurden sie durch Neid und Fanatismus gestürzt. EinemkurzenAusleuchtenfolgteoftdiefin st erste Nacht Nichts Tragischeres als die Geschichte der Juden in Spanien. Noch kurz vor ihrer Austreibung, weiche sich später so bitter durch den Niedergang einesweltbeherrschenden Landes rächte, besaßen sie die größte Macht, den unseligen Einfluß des Geldes. Kein anschaulicheres Bild hierüber, sowie über die eingewurzelten Kulturneigungen der Juden kann man sich verschaffen, als indem man die neueste Schrift des jüdischen Seelsorgers Herrn Dr. M. Kayserling*) liest. Der Pester Lloyd berichtet über dieselbe Folgendes: Der gelehrte, durch weitläufige, gründliche historische Arbeiten berühmte Verfasser hat sich selbst nach Spanien begeben, um dort den ..ntheil der Juden an der Entdeckung Amerikas quellenmäßig feststellen zu können. Es liegt etwas Dramatisches darin, daß ein später Enkel in das Land zurückkehrt, das seine Ahnen so schmählich behandelt und ausgewiesen hat und daß nun dasselbe Land den Gelehrten mit allen Ehren empfängt und ihm die Archive bereitwilligst öffnet, welche den blutigen Untergang des Judenthums erzählen, die letzten Strahlen seiner Sonne aufgefangen haben. Mit welcherWehmuth muß der jüdische Gelehrte in diesen vergilbten Pergamenten, in d ie sem Andenken andieletzten spanischen Volksgenossen gewühlt haben. Doch kein Tropfen von Bitterkeit ist in der Feder des Schriftstellers zurückgeblieben. Mit voller Objektivität und Ruhe erzählt Kayserling die Geschichte jener Tage, als die reichen Juden Spaniens sich für das Projekt des Columbus *) „Christoph Columbus und der Antheil der Juden an den spanischen und portugiesischen Entdeckungen." Nach zum Theil ungedruckten Quellen von Dr. M. Kayserling. Berlin, Cronbach, 1894. bei demselben Hofe verwendeten, der bald daraus das Beispiel des grausamsten Fanatismus gegen Andersgläubige liefern sollte. Freilich trug die herzlose Verfolgung der Juden in Spanien dazu bei, die Eigenschaften der Glaubenstreue in diesem Volke auf das höchste zu entwickeln. Die Geschichte der Marannen, das ist der übergetretenen spanischen Juden, die im Geheimen den Satzungen der angestammten Religion treu blieben, ist voll erhabenster und ergreifendster Tragik. Doch folgen wir den Auszeichnungen Kayserling'sl Die Spanier und Portugiesen gehörten von je zu den eifrigsten seefahrenden Nationen und der nautische Geist ergiiff bald auch die unter ihnen ansässigen Juden. Der jüdische Reisende Benjamin von Tudela galt sur den Vorläufer Marco Polo's. In der Entwicklung der Seemacht Spaniens leisteten die Juden wesentliche Dienste. R. Jehuda aus Valencia, oder Don Jehudano, wie die spanischen Historiker ihn nennen, der reichste Jude Aragoniens, rüstete auf Befehl des Königs Jaime I., deffen Freund und General- Schatzmeister er war und der seine» Rath in den wichtigsten Staatsangelegenheiten einholte, im Jahre 1263 die Flotte aus, welche unter den Oderbefehl des Jnfanten D. Fernando Sanchez gestellt wurde; drei Jahre später betraute ihn sein König mit den Vorbereitungen zur Belagerung Murcias. Als D. Alfonso, Sohn und Nachfolger D. Jaime's II.. zur Eroberung Cerdenas im Jahre 1323 eine große Flotte ausrüstete, zeigte Tortosa mehr patriotischen Eifer als irgend eine andere Stadt des Königreichs: die dortige reiche jüdische Gemeinde stellte auf eigene Kosten zwei Schiffe mit der nöthigen Mannschaft. Bevor die Flotte noch unter Segel ging, gab der König den Juden Tortosas Beweise seiner Anerkennung und Dankbarkeit. Die Juden Aragoniens förderten aber das Seewesen nicht blos durch ihre materielle Hilfe, sondern auch durch ihre persönliche Theilnahme; so hatte, um nur ein Beispiel anzuführen, Juceff Faquin, ein Jude auS Barcelona, die ganze damals bekannte Welt umschifft, wie Jaime III., der letzte König von Mallorca, selbst ihm bezeugt. Wie die Juden Aragoniens trugen auch die Kastiliens zur Entwicklung des Seewesens wesentlich bei. AlS der König D. Sancho IV. Tarif« den Mauren entreißen wollte und es ihm an Mitteln fehlte, die Kriegsflotte auszurüsten,