Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 87 (8.11.1894)
- Date
- 1894-11-08
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448490--39587-2487742- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zion ist die Verkörperung dieses Gedankens. Man darf sich darum nicht darüber wandern, dass man hier unter L. Z. die vereinte materielle und geistige Kraft aller wahren Zionsfreunde vermuthet, und jeder Bedrängte auf sichere Hilfe Seitens L. Z’s. zu hoffen sich berechtigt glaubt. Leider aber stehen die Einnahmen L. Z’s. zu den an den Verein gestellten Forderungen in einem so ungleichen Verhältnisse, dass gar zu oft selbst die berechtigtsten Ansprüche abgewiesen werden müssen. Unsäglich ist darum die Bekümmerniss der in stetem Kontakt mit den Hilfesuchenden stehenden Organe Lemaan Zions. Welch’ tiefe Wehmuth erfüllt ihr Herz, wenn sie dem Jammer von Personen, von deren höchster Achtbarkeit sie die persönliche Ueberzeugung gewonnen, hilflos gegenüberstehen! Die natürliche Folge ist, dass sie, dem Zuge ihres Herzens folgend, sich hie und da dazu bestimmen lassen, auf eigene Rechnung und Gefahr zu handeln, mit dem peinlichen Bewusstsein, sich dadurch bei der Vereinsverwaltung mancherlei Unannehmlichkeiten auszusetzen. — So sah ich mich im Laufe des vergangenen Jahres gezwungen, sechzehn junge Leute, die ihre Befreiung aus der Mission erflehten, mit den nöthigsten Kleidern zu versehen und in ihre Heimath zurückzusenden. — Ein anderer Fall, der sich in voriger Woche ereignete, verdient nicht minder hier mitgetheilt zu werden. Ein junger Mann von achtzehn Jahren, Namens J. Weinberg aus Kairo, Holzschnitzer von Profession, kam zu mir und bat mit von Thränen erstickter Stimme, um Errettung aus den Händen der Mission. Er sei, so erzählte er, eine vaterlose Waise und bereits drei Jahre in der protestantischen Mission, wohin die Noth ihn getrieben, und wurde ihm gestern der nächste Sonntag als der zu seiner Taufe bestimmte Tag angekündigt. Nun sei das Gewissen bei ihm erwacht, und habe er, nachdem er schlaflos, in Thränen gebadet, die ganze Nacht verbracht, beschlossen, eher zu verhungern und sich von wilden Thieren zerreissen zu lassen, als diesen Schritt zu thun. Ich frug ihn, was er unter „wilden Thieren“ meine? und erfuhr darauf zu meinem grössten Erstaunen, dass er in dem naiven Glauben war, den Weg von hier nach seiner Heimath durch die arabische Wüste zu Fasse zurücklegen zu können! Wenn ich erst einmal zu Hause bin, fuhr er in seiner naiven Erzählung fort, dann werde ich wieder das um meinen sei. Vater sagen können. — Auf meine Frage, ob er denn dieses Gebet noch kenne? fing er es mit der Bemerkung zu recitiren an, dass er dasselbe während seiner Anwesenheit in der Mission öfters wiederholte, um es ja nicht zu vergessen. — Aus diesen und ähnlichen Aeusserungen war leicht zu erkennen, in welcher SeelenpeiA d&r atme junge Mann sich befand, und wer, dem jüdisches Herz im Busen schlägt, könnte kalt nnd gefühllos genug sein, um einen in solch’ verzweifelter Lage ihn um Rettung anflehenden GlaübShsbruder in den Abgrund seiner Gewissenspein ztiÄckzustossen! Ich vermochte es nicht. — Die meisten durch mich aus der Gewalt der Mission Befreiten befanden sich in ähnlichen Umständen. Durch den gewaltsamen AusMtk verlieren sie alle ihre bei der Gesellschaft durch**' mehrjährige Arbeit erworbenen Ersparnisse, die ihnen eist nach der Taufe ausgehändigt werden. Sie geben damit ferner ein gutes, sorgloses Leben auf, um einer ungewissen, mühseligen Zukunft entgegenzugehen und fast nackt (die so übermässig oft und laut betonte „christliche Liebe“ der Mission lässt den Austretenden auch nicht die nöthigsten Bekleidungsstücke!) in die rauhe Fremde hinauszuziehen. — Leider vermag ich trotzdem öfter, aus Mangel an Mitteln, den um ihre Befreiung Flehenden nicht die rettende Hand entgegenzustrecken, und muss sie mit blutendem Herzen ihren Gewissensqualen und ihren Seelenschmerzen überlassen. Ich richte darum an alle edlen und frommen Glaubensbrüder die Herzensbitte, mich in meinem Rettungswerke gütigst unterstützen und mich, bez. „Lemaan Zion“ in Stand setzen zu wollen, den in das Netz der Mission Gerathenen und um ihre Befreiung daraus verzweifelt Ringenden die beglückende Erlösung bringen zu können. Eingedenk des Ausspruches unserer Weisen : 2*)nrn vb? nbvn rm trs: pTTHjE) NDpi? DMP- »Wer eine jüdische Seele erhält, erwirbt sich ein Verdienst, als hätte er eine g anze Welt am Dasein erhalten“, konnte und durfte ich nicht länger schweigen, sondern empfand es als heilige Pflicht, diesen öffentlichen Hilferuf ergehen zu lassen. Möchte er nicht ungehört verhallen! Briefkasten. Lehrer «I. T. in MT. Ich bitte wiederholt höflichst, die nb“-Gelder mindestens halbjährlich einzusenden und keine Inhaberin eines nt>n -Büehschens im „Rückstände“ zu l -.ssen, da dies das Sammelergebniss mehr oder weniger beeinträchtigt. Auch vermisste ich diesmal das von Ihnen s. Z. erbetene Verzeichniss der Spenderinnen, das Sie der nächsten Sendung gütigst beifügen wollen. Ii. J. in B. Sehr gern hätte ich Ihnen in der fraglichen Angelegenheit gedient, wenn sich hier die Gelegenheit dazu geboten hätte, was aber leider nicht der Fall ist. — Druck der Joh. Wirth’scken Hofbuchdruekerei Actien-Gesellschaft, Mainz.