Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 82-83 (25.10.1894)
- Date
- 1894-10-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448486--39492-2487643- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXV. J-Hrgavz. Weite Seil.;u M 82 & 83 ües „Israelit" Leitender Artikel. Pie rutschen Juden in London. Mainz, 24. October. Wir lesen in der „Posener Zeitung." Sehr merkwürdige Aufschlüsse über die Colonie der aus Rußland vertriebenen Inden in der Hauptstadt gewährt ein amtlicher Bericht, vom britischen Handelsamt auf Verlangen des Parlaments erstattet. Der Bericht ist veranlaßt worden durch die torystische Agitation gegen die Zunahme der Einwanderung fremder Arbeitskräfte, von der die englischen Lohnarbeiter allerdings bedrückt werden. Die werthvollen statistischen Ergebnisse der amtlichen Untersuchung erhalten eine Ergänzung durch die Commentare, die ein Glaubensgenosse der dort geschilderten Menschenklasse, ein Herr M. Beer, in der „Neuen Zeit" aus eigener Anschauung der Verhältnisse veröffentlicht. Die Thatsachen sind auch für deutsche Leser von Interesse, weil die wirthschaftlichen Zustände, unter denen diese Auswanderer leben, bereits anfangen, auf unsere eigenen Wirthschaftsverhältniffe zurückzuwirken. In den Ostdistrikten Londons zählte im Jahre 1891 die aus Rußland und Polen stammende jüdische Bevölkerung 23,666 Köpfe. Nach den Ermittelungen Beer's ist jedoch diese Ziffer, die bet der Volkszählung von 1891 heraus kam, viel zu niedrig angesetzt, und er rechnet für das Ostend Londons heute mindestens 35,000 jüdische Zuwanderer. Die statistische Tafel des Handelsamts gibt die Beschäftigung dieser Leute bis ins Kleinste an. Die übergroße Mehrheit ist im Handwerk und in der Industrie thätig, ein paar Dutzend auch als Ztmmerleute, Matrosen, Kellner rc. Die Einzelzahlen können übergangen werden; dagegen ist hervorzuheben, daß ungefähr 60 Procent sämmtlicher russisch-polnischer Juden in der Bekleidungsindustrie beschäftigt sind. Diese Concentration der Juden in dem einen Gewerbe hat sich aus verschiedenen Ursachen herausgebildet. In ihrer Unkenntniß der englischen Sprache und Verhältnisse wenden sich die jüdischen Einwanderer zunächst an jüdische Arbeitgeber, die eben hauptsächlich der Bekleidungsindustrie angehören. Sodann thun sie es, um den Sabbat feiern zu können; die englischen Fabrik-Akte befreien die Werkstätten, die hauptsächlich jüdische Arbeiter beschäftigen, von der Sonntagsruhe, damit die Angestellten nicht zwei Tage in der Woche feiern müffen. In London geht die Redensart um, daß der eingewanderte Jude entweder ein Ausbeuter oder ein Ausgebeuteter sei. Diese Ansicht hört neuerdings auf, völlig zuzutreffen. Eiue ganz sonderbare Gährung unter den russisch polnischen Juden macht sich bemerkbar, ein Drang nach der Cultur, den auch der amtliche Bericht der Regierung hervorhebt. Daß diese Bewegung zunächst in sozialistischer, theilweise auch anarchistischer Richtung geht, kann sie dem Zuschauer natürlich nicht sympathisch machen, braucht uns ferner Stehende aber nicht näher zu kümmern. Der Anblick der seltsamen Mauserung dieser ärmsten und elendesten aller Menschen ist an und für sich interessant. Eine Reihe von plötzlich ausgebrochenen und energisch durchgefüdrten jüdischen Strikes hat in den letzten Jahren fast durchgehends höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit und gesündere Arbeitsräume zur Folge gehabt. Eine der sichtbarsten Wirkungen der jüdischen Einwanderung ist der für unsere betreffende Industrie so verbängnißvoll gewordene Aufschwung der Londoner Confection. Früher war London auf die Berliner Mäntelindustrie angewiesen. Erst seitdem sich die russischen Juden dieser Branche bemächtigten. wurde England in Stand gesetzt, der deutschen Concurrenz die Spitze zu bieten. Der Bericht des Handelsamtes sagt darüber: Sie (die jüdischen Werkstätten) liefern für große HandlungShäuser in der City Mäntel, die bisher hauptsächlich von Deutschland importirt wurden. . . . Im Vergleich zu den englischen Arbeiterinnen in der Hausindustrie führen sie eine bessere Art der Arbeitsorganisaton und ein besseres Produkt ein. Nach Mittheilungen von drei Londoner Firmen eröffnen sie die Aussicht auf erfolgreiche Concurrenz in Deutschland." Das wäre denn ja eine wundersame Verschlingung von Ursachen und Wirkungen. Weil Pobedonoszew die Juden aus Rußland vertreibt, müssen unsere deutschen Bekleidungsarbeiter einem harren Wirthschaftskampfe entgegensehen, in dem sie vielleicht unterliegen werden, wäre es da nicht doch richtiger gewesen, wenn Deutschlend dem russischen Kaiser rechtzeitig energische Vorstellungen wegen seiner Judenverfolgungen gemacht hätte? Die russisch polnischen jüdischen Einwanderer haben ziemlich schnell angefangen, ihre unglaublich verkümmerte „Cultur," mit der sie ihre orientalische Hetmath verlassen haben, gegen Art und Sitte des neuen Wohnortes einzutauschen. Neben mehreren englischen Abendschulen für Erwachsene wirken die Freischulen für Juden, die von etwa 8500 Kindern besucht werden. Die Lehrer dieser Schulen richten ihre ganze Energie darauf, den Kindern die englische Sprache beizubringen, und ihre Bemühungen werden von Erfolg gekrönt.