Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 80-81 (12.10.1894)
- Date
- 1894-10-12
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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1518 und um seinen breiten Mund spielt gewöhnlich ein gutmüthiges Lächeln, wobei er seine Nasenflügel aufbläst. Sein Haar ist an den Schläfen schon ergraut, unter der Mütze quellen aber doch noch schwarze Locken hervor. Die Jacke, die Isaak trägt, ist von unbestimmter Farbe; in der Sonne gelblich, im Schatten grün. Wenn es sehr warm ist, zieht er eine blaugestreifte Blouse an, die sehr geflickt aber sauber ist. Weiße breite Hosenträger halten Pantalons, die erstmals schwarz gewesen, nun aber röthlich schimmern und deren Nähte zu rufen scheinen: „Wir haben einstmals vornehmere Beine bekleidet." — Jeder, der Isaak kennt, weiß, daß er ein ehrlicher Schuhputzer ist, fröhlich stets aufgeräumt, Optimist von reinstem Wasser, gewandt und mit Geistesgaben ausgestattet, die seinem Volke eigen. Eigentlich ist er Philosoph, ohne es selbst zu wissen, und ein Beobachter, der in seiner Naivität stets den Nagel auf den Kopf trifft. Ich habe lange seine Eigenheiten studirt und bin zur Ueberzeugmig gelangt, daß es wohl der Mühe werth ist, ihn urthetlen zu hören über das, was er auf dem Damm beobachtet hat. Schenk auch du ihm einige Augenblicke, lieber Leser, ich lasse Isaak nun selbst zu dir sprechen: Da steh' ich nu wieder, Gott seg'n dich, 's ist keine Kleinigkeit; siebenunddreißig Jahre lang komme ich nun alle Tage auf den Damm. Soll ich gesund bleiben noch siebenunddreißig Jahre! Wie oft haben die Leute schon gesagt: „Isaak bist Du denn verheiratet mit dem Damm? Warum stehst Du nicht lieber an der Bahn? Es ist doch da mehr zu verdienen." Stuß! ich weiß es besser! Wozu brauch' ich wo anders hinzugehen? Js mir doch der Damm lieb geworden, is er doch meine ganze Existenz. Hab' ich doch schon als zwölfjähriger Junge meinen Schuhputzkasten auf dem Damm stehen gehabt, um zu putzen, was zu putzen ist, und denn Hab' ich Brod zu verdienen für meine Frauleben und für meine geliebten Kinder, Gott lass' sie gesund sein! Ich Hab auf'n Damm allezeit meine Kost verdient und Gott sei Dank noch mehr! Mit de Polizei Hab' ich nie was zu thun gehabt, ehrlich währt am längsten. Auf Betrügereien sitzt kein Pfennig Verdienst, hörst de? Was das betrifft, kannst du mir gestohlen werden — aber doch sollst de gesund bleiben, bis hundert Jahr! Stehst de, ich bin nur ein armer Kerl, der nicht viel gelernt hat. Lesen? Nu ja! wenns gedruckt ist. Schreiben? für den, der's lesen kann. Aber doch Hab' ich so bei mir selbst gestudirt und aus meinem eigenen Kopf gedacht, wenn ich an der Schuhbank beim Monument steh' und nichts zu thun habe: Isaak, Mann, du kennst den Damm, du weißt, was zu verkaufen ist und was hier vorgeht den ganzen lieben Tag, alles siehst de. Wissen denn die Amsterdamer, was der Damm eigentlich ist? Sie rennen darüber weg, Zeit ist Geld. Denkst de, daß sich einer umsteht? I bewahre! Nur Isaak thut das. 's Morgens um halb sechs bin ich da. Gott soll euch alle bewahren vor so'n leeren Magen, wie ich gewöhnlich mitbrtnge. Nu! 's ist gesund, sagen de Doktoren, ein bischen zu warten vor's Frühstück. Dann sch' ich meine Bank ins Monumentbecken. Das Monument ist 'ne schöne Pfefferbüchse, die mitten auf dem Damm steht. Jungfrau Eintracht steht oben. Hab' ick schon oft gedacht: sind die Menschen mcschugge? Setzen de Eintracht auf'n Monument, das durch die Zwietracht gekommen. Wie 'ne Meschugas. Nu, ich hab's nicht bauen lassen; mein Sorg'! Weißt de, was ich so durch de Bank am frühen Morgen zuerst sehe? De Nachtschwärmer. Pfui, wie die aussehen! Blaßblaue Ringe um die Augen und stöhnen und ächzen thun ff. Wo se die Nacht gewesen, brauchst de erst nicht zu fragen. Wenn ich se dann so hin und her wanken sehe, denkt Isaak an seine Familie, an seine lieben Jungens. Ja, es sind wahrhaftig auch alte Kerls dabei — dann wird mir mieß, denn Isaak ist auch Vater. Gott lass' mir die Kinder gesund! Und dann denk ich, ehe ich so 'n Rumtreiber hätte werden sollen, i's besser, daß ich keine Cente habe. Was glaubst de nu, was ich mit de sauberen Herrchen thue? Ich lauf' se nach und ruf so laut ich kann: „Putzen, mein Herr, abbürsten, reinmachen!" Und wenn ich se dann abbürste oder die Stiesel reinmache, kann ich mich nicht bezwingen, um ihnen nicht einen Stoß mit der großen Bürste zu geben, obgleich se Kunden sind, die ein Dübbclje bezogen. Später kommen dann die Arbeiter, die auf Arbeit gehen, brave, anständige Menschen, die nach der heiligen Schrift leben, denn es heißt, im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brod verdienen. Wenn ich se denn so mit ihre Handwerkszeuge gehen seh, dann denk ich: da gehen se, schwitzen thun se, aber Brod verdienen? — das ist noch die Frage. Aber Isaak hat mehr Respekt vor die Menschen als vor die anderen, die aus „de Nes" kommen. Wenn so'n Arbeitsmann geputzt sein will, mach ich ihn blitzblank für drei Cent. Grade so schön wie andere für ein Dübbelje. Für'n Arbeitsmann muß man was über haben. — Dann kommen de Wagen von de Straßenreinigung. Das sind meine Konkurrenten — se putzen doch auch! Aber ich bin nicht ängstlich, ich lach' mich aus, denn oftmals machen se's noch schmutziger, als es schon ist, und dann verdiene ich wieder von wegen de schmutzigen Füße, die die Leute kriegen.