Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 79 (4.10.1894)
- Date
- 1894-10-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1470 die jüdische Concurrenz völlig brachlegen. Nun ist es wohl zweifelhaft, ob diese Projecte eine Realisirung finden, aber es ist doch für die gegenwärtige Lage der russischen Juden bezeichnend, daß die antisemitischen Blätter immer wieder von neuem von Beschränkungen unserer Rechte sprechen, obgleich das ruffisch-jüdische Elend vor Aller Augen bereits einen Grad erreicht hat, der nur zu phystschem Tode und moralischer Versumpfung führen kann. Mit Recht bemerkt der „Wos'chod": „Die Hauptsache ist bei allen diesen „Fragen" eine und dieselbe; den Juden stehen nach den Versicherungen der Zeitungen bestimmte Beschränkungen in der einen oder der anderen Thättgkeitssphäre bevor, die man gewöhnlich unproductive nennt, ohne daß man die Absicht hat, sie zu den productiven Beschäftigungen zuzulaffen." Herrscht doch noch immer das Gesetz in Rußland, wonach es den Juden verboten ist. auch nur ein kleines Landgut zur eigenen Bearbeitung zu kaufen. Anderseits strebt man danach, die Israeliten immer mehr von der Landwirthschaft fernzuhalten, bet welcher sie sich in den letzten Jahren selbst als Taglöhner aufs Beste bewährt haben. So verlautet, daß die jüdischen Colonien im Gouvernemennt Jekaterinoslaw sich auf Verfügung der Regierung hin zu einer einzigen verschmelzen sollen, während das Land derjenigen Colonisten, die ihr Feld nicht eigenhändig bearbeiten, angkkauft und sie selbst in die jüdlschen Städte zurückoerwiesen werden sollen. Aus demselben Grunde werden wohl auch keine Juden in die neu umgestaltete Petrowska Rasumow'sche landwirthschaftltche Hochschule und in die bessarabische agronomische Lehranstalt ausgenommen. — Die kürzlich ergangene Verfügung, welche den Juden selbst in Städten, wo sie in beträchtlicher Anzahl leben, das Recht nimmt, Stadtverordnete aus ihrer Mite zu wählen, scheint man auch auf die Juden im asiatischen Rußland, welche sich bis jetzt des vollen Bürgerrechtes zu erfreuen hatten, ausdehnen zu wollen. In Folge dessen herrscht unter den kaukasischen Juden große Erregung. Sie überreichten dem Bürgermeister von T'flis zur Weiterbeförderung an den Minister des Innern ein Gesuch, in welchem sie sich ans das Gesetz berufen, das allen Juden, welche sich vor dem Jahre 1869 im Kaukasus niedergelaffen haben, dieselben Reckte wie den anderen Bewohnern des Landes verbürgt. Sprechsaal. Gedruckte Rosch Hafchouoh-Graiulationskarteu. Unter obiger Ueberschrift brachte die Nr. 78 und 79 des „Israelit" einen interessanten Artikel, dem ich inhaltlich beisttmme. Wenn von einem Gegenstände ein getreues Bild entworfen werden soll, so genügt bekanntlich nicht bloßer Schatten, sondern es muß das Licht hinzutreten; es sei mir daher gestattet, auch die Lichtseiten der gedruckten ^-Gratulationen zu beleuchten. Sieht man von den ganz einfachen, gedruckten, lithographirten Karten, durch deren Herstellung schon viele Personen einen Theil ihres Erwerbes finden, ab, so gewinnt ein ganzes Heer von Menschen, besonders unser ärmere Glaubensgenosse im Jn- und Auslande, durch die Herstellung und den Verkauf der bessern, lithographirten und gedruckten, kunstvoll ausgeführten Gratulations-Karten für längere Zeit, 2—3 Monate, seinen Broderwerb. Die vielen Lithographen, deren ja auch jüdische daran arbeiten, Entwurf- oder Textverferttger, Corrcctoren, Drucker, Hausirer, Buchhandlungen (kleinere), alle meistens ärmere oder in sehr bescheidenen Verhältnissen lebende Personen, finden durch die gedruckten Rosch-haschono-Gratulationen ihren theilweisen Lebensunterhalt. Soll nun in der Zeit des hinreichend großen Hasses und Kampfes von anderer auch noch von unserer, von jüdischer Seite ein Kampf gegen so viele Glaubensgenossen oder Mitmenschen eröffnet werden, um ihnen die Nahrung zu rauben? Ist es vielleicht allen denjenigen, die so heftig gegen „gedruckteRosch-haschono-Gratulattonen" kämpfen, erwünscht, wenn eine große Anzahl Personen brodlos und die ohnehin große soziale Noth noch vergrößert wird2 Das wird keiner von allen Kämpfern wollen, und darum ist es besser, jeglichen Kampf gegen gedruckte Wünfchkarten- oder Briefe zu rr-i, namentlich den Kampf in der Presse, etnzustellen und es dem Belieben jedes Einzelnen zu überlassen, ob und auf welche Art er zum heiligen wn «ewi gratulieren will. Das edle jüdische Herz — reich an nuom — sorgt stets und überall, daß die Armen und Bedürftigen nicht zu kurz kommen; halten wir uns doch davon fern, Armen und Bedürftigen ihr ohnehin, schon so knappes Verdienst zu entziehen. M. Sulmann, Lechenich. Halberstadt, 30. September. Die Unsitte, nach Art der ntchtjüdtschen Neujahrskarten zu n"i banale Karten in, dem Ernste der Zeit wahrlich nicht entsprechender, witziger Form wie in Ch-ques, Postanweisungen, Obligationen, Postaufträgen u. s. f., zu versenden, verdient in der That nachgerade, kräftig gegeißelt zu werden. Im Freundeslager erregt solcher Unfug gerechten Unwillen, im gegnerischen Lager ebenso berechtigten Hohn; wie denn auch wirklich die „Reform" (Magdeburger Hetzblatt