Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-09-27 · Heft 77-78 (27.9.1894) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 77-78 (27.9.1894)
Date
1894-09-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448483--39365-2487513
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1439 „Dein Nachfolger kann, wenn er judenfeindlich ist, die Juden vernichten oder verjagen. Gteb uns ein Land, o König, in welchem wir in Frieden wohnen dürfen, wo wir nach den eigenen Bräuchen, nach der altehrwürdigen Sitte unseres Väter leben können, wo alle Angehörigen des so schwer verfolgten Stammes Israel sich sammeln können von allen vier Enden der Erde, und wo sie leben unter einem eignen Fürsten, ein selbstständiger Staat, nur Deiner Person zum Gehorsam und zum Tribute verpflichtet. Wir wollen frei und selbstständig werden. Wir wollen ein Volk sein und neu gründen das Reich Israel!" Mit sprachlosem Staunen halte Kasimir dem Sprecher zugehört. Er antwortete nichts. Mit tiefem Schmerze bemerkte Elischa, wie der König ihn starr vor Erstaunen anblickte, und daß er wohl weit davon entfernt sein möchte, die Bitte zu gewähren. „O, Majestät", rief er wieder aus, „wenn es nicht der Dank ist für die Dienste, die ich Dir geleistet, der Dich bewegen kann meine innigste Bitte zu erfüllen und so das Ziel meines Lebens zur Wahrheit zu machen, so laß es das Mitleid sein mit den Hundertausenden, die in der weiten Welt in Noth und Elend leben, und die Du erretten kannst mit einem einzigen Worte. Und es wird ein Werk sein, so groß und edel, daß nach Jahrhunderten, nach Jahrtausenden die Geschichte keinen wird rühmen dürfen, als den selbstlosen, edlen Herrscher Kasimir den Großen. „Kriege geführt und Schlachten gewonnen, das haben schon Hunderte vor Dir. Blutige Lorbeeren errungen, haben auch die Heiden und die wilden, sittenlosen Völker der ältesten Zeit. Aber ein großes, edles Werk des Friedens gestiftet, einem unschuldig verfolgten und schwer bedrückten Volke zum Recht verbolfen zu haben, das wird Deinen Namen unsterblich machen, für alle Zeit bis in Ewigkeit. Du wirst nicht allein „der Große", Du wirst auch „der Gute und Edle" genannt werden. O. erschrick nicht vor der Ungeheuerlichkeit meines Begehrens, das Gewöhnliche, das Alltägliche kann Jeder thun. Du aber, den man den Großen nennt. Du thust auch das Große, das ganz Außerordentliche, worüber alle Völker in Bewunderung und Erstaunen gerathen werden. ..Wärest Du kleinlich, wärest Du nicht der, der Du bist, ein Mann mit kühnem und gewaltigen Denken, nie würde ich es gewagt haben mit einer so außerordentlichen und ungeheuren Bitte vor Dich zu treten. Ich weiß aber. Du liebst das Ungeahnte, das Große und Ueberraschende zu vollführen; o, so gewähre meine Bitte, und so thue, um was ich Dich anflehe." Der König hatte den Worten Elischa's, die dieser in hoher Begeisterung vorgetragen, mit gespanntester Aufmerksamkeit zugehört. Einige Zeit schwieg er; offenbar hatte die zündende Rede des Juden einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. „Ja," sagte er endlich, ..es wäre eine ungeheure, eine große und edle That." Elischa stieß einen Schrei der Freude aus, daß er weithin durch die Hallen des Königsschloffes tönte. „Du willst," rief Elischah, „Du willst, mein König- „Wohl ist es mein Wunsch, wohl ist es mein Wille, Eltschah, aber bin ich denn an Gottes statt? Er hat versprochen, Euch zurück zu führen in euer Heimathland, und nur er kann es vollbringen. Ich bin nur ein Mensch und meine Kraft, mein Können ist begrenzt." „Bist Du nicht König, muß Dir nicht Jeder gehorchen in diesem Lande, kannst Du nicht befehlen, und Dein Wille wird ausgeführt!" „Wohl bin ich König, und kann mancherlei vollbringen, was anderen Menschen unmöglich wäre, aber was du verlangst, das vermag auch kein König. „Hätte ich ein Land irgend wo unter den Sternen, oder auf dem Monde, wohin nicht das Wort der Priester dringen kann und das Schwert guter Christen, mit Freude möchte ich es Dir dahin geben; was aber würde mit Dir, was würde mit mir geschehen, wenn ich hier im Polenlande Deine Bitte erfüllte? „Ein neuer Kreuzzug würde gepredigt gegen Kasimir und gegen Eltschah, und mein Blut würde fließen, wie das Eure. „Verstehe mich nicht falsch, Elischah. Wohl weiß ich Dein Vorhaben zu würdigen. Wohl hat Dein Wunsch einen liefen Nachhall in meiner Seele geweckt. Vielleicht daß über hundert und hundert Jahren man ein Land entdecken wird, jenseits der Sterne, oder jenseits des Meeres; dort mag irgend ein kühner Mann Deinen Plan ausführen und ein Land erwerben und mit den Juden, die ich jetzt nach Polen gezogen habe, bevölkern, auf daß sie frei und glücklich dort leben und die Erde bebauen. „Hier aber ist es unmöglich, zu dieser Zeit und in diesem Lande kann kein König vollbringen, was Du begehrst." „Du willst nicht?" schrie Elischa auf. Der Gedanke, daß der Plan, mit dem er sich getragen, auf dem er all sein Denken bei Tag und Nacht conceutrirt, nun scheitern werde, benahm ihm alle Ueberlegung und jede Rücksichtnahme, die dem König gebührt. Und als der König schwieg, da fuhr er in I wilder Leidenschaft fort:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.