Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 76 (24.9.1894)
- Date
- 1894-09-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. M 76 Der Israelit. Gin Genlrat-Hrgan für das orthodoxe Iudentßum. Begründet von Dr. Lehman« in Mainz. Montag, de« 24 September 5654 (1894). Da mit dem 1. Okt. 1894 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Abonnenten daraus aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. In der Postzeitungsliste pro 1894 eingetragen unter Nr. 3304. Leitender Artikel. |>ie Settcholfi-Hage. Mainz, 23. September. Die Tage des letzten Monats im Jahre find uns als yisn 'v', als Tage besondern göttlichen Wohlwollens aus den frühesten Anfängen der Geschichte Israels bekannt. Als Israel wenige Wochen nach der Offenbarung am Sinai Gottes-Verehrung dem Bilde eines GraS freffenden Thieres entgegengebracht und damit jedes Anrecht auf die Zukunft verscherzt hatte, lieh sich der Allmächtige durch das Bitten von Führer und Volk in diesen Tagen bestimmen die schwere Schuld zu verzeihen. Seitdem sind diese Tage der Bitte um Verzeihung gewidmet, für alle Vergehen des ganzen nun bald entschwundenen Jahres und der letzte der 40 mit dem 1. Ellul beginnenden Tage der Vergebung ist der Tag der Versöhnung, ist q’Tied oy. Vsn heißt nun ursprünglich nicht Wohlwollen, sondern: Wille. Auf Gott bezogen, fallen die beiden Bedeutungen zusammen. Wenn Gott will, und was auch Gott will, immer will er wohl. Es gibt bei Ihm kein anderes Wollen, als Wohlwollen. Diese herrliche, tröstliche Wahrheit ist älter als die Geschichte Israels, sie ist so alt als das Universum. Die Schöpfung desselben vollzog sich nach der von uns reciptrten Ueberlieferung in den letzten Ellul-Tagen und erreichte am ersten Tischri mit der Schöpfung des Manschen ihren Abschluß. Es gibt nun keinen schöpWschen Akt, ohne daß ihm ein Wille seitens des Schöpfers vorausgegangen ist. Während bei Menschen jede Schöpfung einem Mangel entgegentreten will, welcher sich bisher fühlbar machte, ist diese Annahme bet der Weltschöpfung durch Gott ausgeschloffen. Bei Gottes vollendeter Vollkommenheit kann kein Mangel denkbar sein, dem durch eine neue Schöpfung erst abgeholfen werden soll. Das Motiv der Wellschöpfung, der ihr vorausgehende Wille, kann daher nicht in der Vergangenheit, sondern nur in der Zukunft gesucht werden. Der Mensch ist Ziel und Zweck der ganzen Schöpfung, der vollendete Mensch, der aus freien Stücken das Gesetz seines Gottes ""füllt, dem alle anderen Kreaturen instinktiv und gezwungen dienen. Das ist der tiefe Sinn der Anmerkung unserer Weisen, die sie an das erste Wort der Thora knüpfen: rmn biw nwu. Der Gedanke an Israel, der Gedanke an Menschen, die das einst zu offenbarende Gottesgesetz treu verwirklichen, war das allererste, war das Motiv der ganzen Schöpfung, ist der Gegenstand des Willens, welcher der ganzen Schöpfung vorausging. Dieses Wollen Gottes bedeutet demnach ein Wohlwollen, dessen unergründliche Tiefe wir kaum zu ahnen, geschweige denn zu erfassen vermögen. Er erschafft eine Welt, um einen Boden für Menschen zu gewinnen, die noch nicht vorhanden, um ein Gesetz durch sie zu verwirklichen, dem noch die Träger fehlen. Er bereitet die unerläßlichen Voraussetzungen zur höchstem Glückseligkeit von Menschen vor, denen alles, denen die Existenz selbst fehlt, um sich durch irgend welche Hingebung dieser unermeßlichen Gottesliebe würdig zu zeigen, sie zu verdienen! Deshalb hat die sinnige Vätersitte gerade diese Tage herausgegriffen, um Sühne und Milde, um Gnade und Erbarmen für die neue Zukunft von Gott zu erbitten und mit Zuversicht zu erhoffen. Und wenn unsere ganze Vergangenheit ver-