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Der Israelit · 1894-09-06 · Heft 71 (6.9.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 71 (6.9.1894)
Date
1894-09-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Erste Beilage ju M 71 des „Israelit". Leitender Artikel. Per Antisemitismus betrachtet vom sittliche« Standpunkt.*) 8. Es ist nicht zum ersten Male, daß der Vers, der freireligiösen Zeitschrift „Es werde Licht" ans den Plan tritt, gegen den Antisemitismus seine Stimme zu erheben. Wenn der Vers, sich aber veranlaßt steht, wiederum die Erbärmlichkeit der Autoritäten, auf welche die Antisemiten schwören, zu zeigen und einen gegen den Antisemitismus gehaltenen Vortrag dem Druck zu übergeben, so ist es vorwiegend ein persönlicher Grund, der ihn zu diesem Vorgehen bestimmte. Ein in Nürnberg neu erscheinendes antisemitisches Blatt „Die Wahrheit" (luous a non Ineenäo) machte im Beginn seines Erscheinens seinem Titel durch maßlose lügenhafte Entstellung eines Vortrags des Verfassers gegen den Antisemitismus die gebührende Ehre. Dies bewog ihn, denselben gedruckt dem Publikum zu übergeben. Weniger war es dem Vers, darum zu thun, sich von dem schmählichen Verdacht, er trete als bezahlter Apostel für die Juden auf, mit dem die wahrheitsliebende „Wahrheit", die inzwischen nach kurzem Dasein den Weg alles Irdischen gegangen ist, den Vers, zu verunglimpfen sucht, sich zu reinigen. Wer Carl Schölls L.bensgang kennt, wer weiß, wie er um seine Ansichten und Ueberzeugung nicht preiszugeben, seine und seiner Familie Lebensstellung opferte, der wird für die Behauptung der Bestechlichkeit dieses Mannes nur ein verächtliches Achzelzuckcn haben. Scholl, dessen Charakter auch dem entschiedensten Gegner seiner politischen und religiösen Ansichten Hochachtung einflößt, wird durch bübische Verleumdung nicht verunglimpft. Daß aber die verlogenen Geschäftsantisemiten es nicht fassen können, daß jemand um Recht und Wahrhaftigkeit willen ohne Anspruch auf klingenden und ohne Gewinn für Verfolgte auftrete, das ist ihnen zu verzeihen, denn sie können ihren Natur- und Charakteranlagen nicht anders. — Wenn der Veif. an diesem Anwurf stolz vorübergeht, so wird er damit den Beifall jedes red-- ltchen Menschen ernten. — Was nun den Inhalt des Vortrags betrifft, so erweist er in seinem ersten Theile, daß der Antisemitismus den ersten Forderungen der Sittlichkeit entgegen ist, es fehlt ihm nicht nur die Wahrheit, die Gerechtigkeit, Duldung und Liebe, er bethätigt sich vielmehr in den Gegensätzen dieser *).Bon,Carl Scholl.^ Bamberg. Handelsdruckerei. Forderungen. Dieses wird durch literarische und historische Belege erhärtet. Der zweite Theil führt den Rohling-Blochfchen Prozeß in kurzen Umriffen vor, für den Außenstehenden aber vollständig genug, um zu erkennen, welche Früchtchen die gelehrten Autoritäten des Antisemitismus: Rohling und Ecker, sind. So sehr die vorliegende Schrift Anerkennung verdient, so muß aber doch auf zwei Punkte, die, genau erwogen, unrichtig sind, aufmerksam gemacht werden. Ueber den Vorwurf der Gewiffenslostgkeit jüd. Geschäftsmänner im Handel bemerkt der Verf.: „Wie steht es mit der Wahrheit dieses Vorwurfs? Wer es aufrichtig und wohl meint mit seinen jüdischen Mitbürgern, der würde ihnen den denkbar schlechtesten Dienst erweisen, wenn er leugnen wollte, daß Angesichts der unwiderlegbarsten Thatsachen dieser Vorwurf nicht schlechtweg abgewiesn werden kann. Und es bedarf auch gar nicht dieser Abweisung, dieser Ableugnung! Ja, es ist wahr, es ist nur zu wahr: Juden haben, zu allen Zeiten und besonders auch heute noch, meisterlich sich darauf verstanden, ihre HandelS- und Geldgeschäfte auf Kosten ihrer nichtjüdischen Mitbürger zu betreiben, haben eS verstanden, auf gewiffenlose Weise, mit Hintansetzung aller rechtlichen Grundsätze, durch List und Betrug, durch Schacher und Wucher, durch Erpressung und Ausbeutung sich zu bereichern. Das darf von nichtjüdischer Seite umso ungescheuter ausgesprochen werden, da Juden selber, Juden, die auf die Ehre ihres Stammes etwas halten, mit demselben Vorwurf gegen ihre Stammgenossen nie zurückgehalten haben, und namentlich auch in unseren Tagen e8 an Vorstellungen und Warnungen nicht haben fehlen lassen. Wir wissen es aus persönlichen Mittheilungen, daß solche wohlgemeinte Warnungen, namentlich in neuester Zeit nach Oesterreich, nach Wien ergangen sind, wo das unverantwortlich gewissenlose Treiben vieler ihrer Stammgenossen sie Alle in Mitleidenschaft zieht, und dem Antisemitismus für feine hetzerische Agitation Beweise zuführt, wie er sie nicht besser sich wünschen kann. Dieses nichtswürdige Treiben von Gründern, Spekulanten und Lieferanten, das vielen Juden zu unverdienten Reichthümern auf Kosten ihrer Mitbürger, auf Kosten der Ehrlichkeit und Redlichkeit verholfen, es kann nicht energisch genug gebrandmarkt werden. Das ist der faule Punkt, auf den der Antisemitismus mit vollstem Recht hinweist, daS ist die Giftgrube, aus der er diejenigen seiner Waffen holt, deren Berechtigung nicht geleugnet werden kann." Der Verf. führt nun allerdings weiter aus, daß das Unrecht darin bestehe, daß man die Schuld des Einzelnen der Gesammtheit aufbürde, daß man blind sei gegen die Betrügereien vieler Christen, daß das Mittelalter die Juden zum Schacher und zur Plusmacherei gezwungen, indem ihnen bis auf wenige Zweige das Handwerk untersagt, derLänderankauf ihnen verboten war, daß der Gewinn aus dem Zinsnehmen zum kleinsten Theil ihnen, zum größten Theil der christlichen Herrschaft, unter der sie standen, zu Gute kam. Aber eben aus all den

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