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Der Israelit · 1894-09-03 · Heft 70 (3.9.1894) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 70 (3.9.1894)
Date
1894-09-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. M 70 Der Israelit. m Kenlrat-Hrgan für das orthodoxe Audenlßum. Begründet von vr. Lehmann in Mainz. Montag, de« 3. September 5654 (1894). Leitender Artikel. Die religiösen Zustände in Westphaken ii. Aus Westphalen, 31. August. Wir haben bisher das Attentat auf unser überkommenes Vätererbe mit Rücksicht auf die Beurtheilung ins Auge gefaßt, welche dasselbe bei unseren Feinden extra muros erfahren dürste. In Wirklichkeit erscheint dieses Bedenken von untergeordneter Bedeutung im Vergleich zu dem flagranten Chillul Haschem, welchen das Vorgehen des Verbandes, an und für sich bedeutet. Für eine große Zahl von Gemeinden Westphalens kommt dieses eigentliche religiöse Moment erst in zweiter und oft noch späterer Reihe. Das Alpha und Omega ihres Hangens und Bangens, ihres Höffens und Fürchtens ist: wie denkt man in außerjüdischen Kreisen über uns? Von dem Standpunkt dieser Anschauung aus, galt es zunächst nachzuweisen, daß diese geringschätzige Act und Weise, mit der wir unser Judenthum den Götzen des Tages opfern, uns keine Lorbeeren, wohl aber die berechtigte Verachtung der nichtjüdischen Welt einbringt. Aber füglich ist es nicht diese Rücksicht, welche über die Zulässigkeit und Unzulässigkeit unseres Thuns und Lassens entscheidet. Was wollen die Anfeindungen und Gehässigkeiten, die wir seit Jahrtausenden heiter ertragen, auch bedeuten, wenn der Gegensatz und Widerspruch nicht uns, sondern der göttlichen Wahrheit gilt, die wir vertreten und in unserem praktischen Leben zum Ausdruck bringen? Und wie könnte uns der Beifall einer ganzen Welt für den Bundesbruch und die Fahnenflucht entschädigen, mit dem wir diesen Beifall zu erzwingen vermeinen? Gibt es noch eine zweite Erscheinung, von so imposanter, ergreifender Wirkung, wie eS daS in alle Richtungen der Windrose zerstreute, betende Israel ist? Ohne Land, ohne äußeres Land, ohne Boden, ohne Mittler, stehen die in alle Richtungen der Windrose zerstreuten Söhne und Töchter deS Gottesvolkes und dreimal täglich, wenn die Sonne emporstetgt, wenn sie fällt und untergeht, im Süd und Nord, im Ost und West stehen sie nach einer und derselben Richtung gewandt und — beten! Ihr aller Antlitz ist nach den Ruinen des Gottesheiligthums gewandt, dessen Trümmern noch heute die Kraft innewohnt alle Geister und Gemüther sich zuzuwenden, alle Gedanken und Empfindungen eines ganzen Volkes zu beherrschen, sie sind wie das herrliche Wort der Weisen lautet bn .nvs^n Vjid nrs die Trümmer, dem sich jeder Mund zuwendet, um Gottes Herrlichkeit an seiner einstigen Stätte zu suchen und zu finden. Alle sprechen sie eine und dieselbe Sprache, es ist die Sprache ihrer heiligen Urkunden, es ist die Sprache, in der sich Gott den Ahnen, der Menschheit offenbart hat, es ist die heilige Gottessprache, deren Laute das ganze Universum ins Dasein riefen. Welch ein Anblick, dieses einzige Gottes-Volk, vor dem einzigen Gott in der einzigen, heiligen Gottessprache durch alle Zielen und Zonen vertheilt, sein Gebet zum Himmel richtend. Wie klein, wie kleinlich, wie gering und verächtlich erscheint in diesem imposanten Bilde des betenden Israels das winzige Fähnlein treubrüchiger Fahnenflüchtiger, die mit ihren Brüdern und Schwestern nicht mehr zusammen beten wollen! Sie wollen ihr apartes Gebetbuch haben! Braucht man dasselbe erst zu studtren, zu kritisiren oder auch nur zu öffnen, um seine Verwerflichkeit zu erweisen? Und wenn es besser, edler, geläuterter wäre, als die alte Ttfilla, in welche die Väter und Großväter ihre Seufzer gehaucht, ihre Thränen geweint und aus der sie ihre Lebenskraft geschöpft, wäre es dann nicht dennoch schlechter?

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