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Der Israelit · 1894-08-30 · Heft 69 (30.8.1894) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 69 (30.8.1894)
Date
1894-08-30
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXXV, Jahrgang. Zweite Beilage M M 69 des „Israelit". An unsere Glaubensgenossen in Westphalen! Eine ansehnliche Zahl jüdischer Gemeinden Westphalens steht im Begriffe, einen Schritt zu vollziehen, der nichts geringeres als die äußere Loslösung von derJudenhett der ganzen Diaspora bedeutet. Einige zwanzig der ca. hundert Gemeinden zählenden Provinz Westphalen sind seit einiger Zeit zu einer Vereinigung zusammengetreten, welche sich „Verband der Synagogen-Gemeinden Westphalens" nennt. Ein solches Zusammentreten der Einzelnen zu Gemeinden und der Gemeinden zu besonderen Verbänden ist in unserer nach vielen Seiten hin so trüben, schweren Zeit gewiß mit Freuden zu begrüßen. Mehr vielleicht als je, ist ein solch einmüthiges Zusammengehen heute mit Freude zu begrüben, sowohl um die Verwirklichung des Judenthums bet seinen Bekennern wirksam zu fördern, als auch um die vitalsten Anliegen der Juden heil mit Erfola zu vertreten. — Wenn aber jüdische Gemeinden zu einem Verbände zusammentreten, um sich von der großen jüdischen Gesammtheit loszusagen, so ist das ein verantwortungsschwerer, verhängnißvoller Schritt, vor dem wir nicht innig und dringend genug unsere Glaubensgenossen warnen können. Was uns im Süd und Nord, im West und Ost eint und verbrüdert, das ist unser Gott, der unser aller Vater ist, dessen Kinder wir sind, der uns zu Brüdern und Schwestern macht, wie sehr uns nationale, soziale und territoriale Abstände auch trennen mögen. inrr 'r> 's 'n ym Höre es Israel, Gott unser Gott ist der Einzige, Einige und alle Einende! Wie fern und fremd wir uns durch Sitte, Sprache, Lebensart, Bildung und Besitz auch einander gegenüber stehen mögen, der Gedanke an Gott macht uns alle gleich. Im Gotteshause erkennt der Bruder den Bruder, die Schwester die Schwester wieder. Hier sind wir nicht Bürger und Politiker, nicht Millionäre und nicht Bettler, hier sind wir Kinder einer großen in ihrem Vaterhause versammelten Familie, welche etn'Gedanke durchzuckt, eine Hoffnung belebt, die sich in eine und dieselbe Sprache kleiden: "thn 'n ‘x m Dieses Band will der „Verband der Synagogen-Gemeinden Westphalens" zerreiß en! Derselbe will nicht mehr in der Weise betend vor unseren himmlischen Vater treten, wie es die Bekenner des Judenthums auf weitem Erdenrund seit Jahrtausenden thaten und noch heute thun. Er hat für seine Gemeinde ein besonderes Gebetbuch anfertigen lassen, das soeben die Presse verlassen hat und demnächst in den in Rede stehenden Gemeinden zur Verwendung kommen soll. In diesem Gebetbuch ist dasjenige ausgemerzt, was unsere Thora und sämmtltche Propheten als Zukunftsideal Israels gelehrt haben. Die Ewigkeit und Verbindlichkeit des in der Thora niedergelegten Gotteswillens wird geradezu in Abrede gestellt. Durch Verstümmlungen, Auslassungen, Zusätze und Voranstellungen jeder Art, ist unter dem Titel: rfen -no hier ein Monstrum geschaffen worden, das jedes jüdische Gemeinwesen, welche es an Stelle des alten, jüdischen Gebetbuches einführen wollte, in Gegensatz zur aesammten Judenheil bringen würde. Die Unwissenschaftlrchkeit, PietätSlosigkcit und Geschmacklosigkeit, sowie die schweren Bedenken, zu welcher dieses westpfälische Gebetbuch in dogmatischer Hinsicht Anlaß giebt, dieses alles eingehend nachzuweisen, wird einer besonderen Darstellung Vorbehalten bleiben. *) Für jetzt möge nur auf Folgendes hingewiesen werden: Es giebt wenige Gegenden Deutschlands, in welchen der religiöse Verfall so furchtbare Dimensionen angenommen hat, als in den meisten Gemeinden Westphalens. Es giebt wenige Gegenden Deutschlands, in welchen der Judenhaß so ostentativ auftritt und so schamlos seine Orgien öffentlich feiert, als gerade in Westphalen. — 1) Man vergl. den Aufsatz: „Jüdischer Antisemitismus an der Arbeit" in der heutigen Nr.

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