Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 67 (23.8.1894)
- Date
- 1894-08-23
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448473--39153-2487291- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XXXV. Jahrgang. Zweite Beilage ju M 67 -es „Israelit“. Zeitungsnachrichten und Correfpondenze« Deutschland. Hardheim. Daß Hardheim das beste Produktionsfeld für Grünkerne, wtro in den weitesten Kreisen anerkannt. Noch anerkennungswürdiger dürfte sein, konstattren zu können, daß, während ein großer Theil von Deutschlands Gauen vom rohen Geschäfts- und Radauantisemitismus heimgesucht — Hardheim nebst dessen Umgegend, deren Bevölkerung meist der kath. Kirche zugehörig, von jener gefährl. Krankheit verschont ist. Konfessionelle und antisemitische Hetze findet in htes. Gegend keinen Boden. Es erfreuen sich die isr. Einwohner bei ihren chr. Mitbürgern in jeder Beziehung des besten Einvernehmens. Jene sind fast ausnahmslos Mitglieder der verschiedenen Vereine; seit jeher schon ist wenigstens ein Jsraelite im politischen Gemetndeverbande. Somit findet der alte tolerante Grundsatz: „Der wahre Katholik kann niemals Antisemit sein" auch bei uns seine praktische Anwendung. Daß aber auch der Jsraelite stets in entsprechender Weise den Tribut der Dankbarkeit und Toleranz zu zollen als Gewissens- Pflicht erachtet, bezeugten unter anderm die schöne Beflaggung und Dekoration aller isr. Gebäude, als Sr. Hochw. Dr. Justus Knecht, Weihbischof von Freiburg, anfangs lfd. Mts. zur Abhaltung der Firmung hierorts weilte. Ein Jsraelite hatte sogar die Ehre, bei den Empfangs und Abschiedsfeierlichkeiten des hohen Kirchenfürsten demselben vorgestellt zu werden und dem Ordnungscomitee eingereiht zu sein. Die gebührende Würdigung fand entsprechenden Ausdruck. Ehre, dem Ehre gebührt! Was Eingangs mit Genugthuung von der Immunität des Antisemitismus in der chr. Bevölkerung gesagt, findet in Bezug auf den sog. Jndifferentismus, der an der Neige des 19. Jahrhunderts als Feind der Moral und positiven Religion so sehr eingenffen, des großen Feindes des orth. Judenthums in hies. Gemeinde und in Bezug auf den Rabbinatsbezirk des Herrn Dr. Löwenstein, (Mosbach) der mit aller Energie für die Interessen des unverfälschten Judenthums eintritt— im Großen und Ganzen seine Anwendung. In Hardheim selbst wird den Institutionen der Gemeinde und Synagoge in althergebrachter Weise Rechnung getragen. — Es befinden sich zwei nron — ein Männer- und ein Frauenverein dahier, die in den engsten und weitesten Kreisen jedwede humanitäre Bestrebungen unterstützen, ebenso eine Armenkasse für durchreisende Almen, und erhält jeder derselben auf Wunsch ein Billet, für welches er unentgeltlich Mittag- und Abend-Brod resp. Mahlzeit empfängt. Der Armen des hl. Landes wird durch zweimalige jährl. ,-^ri-Geldsammlung gedacht. Der Allianz und dem Waisensttfr Bruchsal gehören die meisten Gemeinde-Mitglieder als active Unterstützungsorgane an. In der Synagoge haben gemischter Chorgesang und Orgel keinen Eingang gefunden — indessen findet der täglich vorschriftsmäßige Gottesdienst mit Minjan statt. An Sabbat und Feiertagen wird außer einem religiösem Lehrvortrag (Schiur) vor dem Nachmittagsgottesdtenste, seit diesem Sommer auch nach dem Morgengottesdtenste von Seiten des Lehrers Wertheimer je 1 Std. vttn und y'vxp mit erwachsenen Personen gelernt. Diese Einrichtung erfreut sich lebhafter Sympathie. „Die Grundsäulen der sittlichen Weltordnung: Die Gotteslehre, der Gottesdienst, die allumfassende Menschenliebe mögen sich hier und überall immer mehr befestigen. T'dn non *121 ami r6s Oefterr.-Ungar. Monarchie. Prag. Am 26. Januar beging eine städtische Sanilätscomrmssion einzelne Häuser der hiesigen Josefstadt, um die sanitären Gebrechen aufzudecken und für deren Beseitigung zu sorgen Als sie in das Haus Nr. 207—V. kam, wurde sie von dem Besitzer deffelben, Herrn Eduard Wehrich, Wäschewaarenhändler in der Waffergaffe, nicht besonders freundlich empfangen, und wurde der Bezirksarzt Dr. Brummel von ihm mit den Worten angefahren: „Wos wollen Sie hier? Sie gehören gar nicht in dieses Viertel! Sie find ein Jude! Was würde man dazu sagen, wenn in Jerusalem ein Christ Arzt wäre!" Wegen dieses ungastlichen Empfanges wurde gegen Eduard Wehrich die Anklage nach 312 St.-G. (Beleidigung einer Amtsperson) erhoben und derselbe vom Bezirksgerichte fürUebertretungen zu einer Geldstrafe von 5 fl. verurtheilt. Gegen dieses — in Anbetracht der großen Strenge mit welcher man hierzulande die Würde der Behörden wahrt — erstaunlich milde Urtheil führte der öffentliche Ankläger Polizeikommissär Fahoun die Berufung durch, zumal Wehrich wegen desselben Delictes bereits vorbestraft war. Das Appellationsgericht ordnete eine neue Verhandlung an, welche am 6. d. M. stattfand. Der Angeklagte war zur Verhandlung nicht erschienen, und sein Vertheidiger legte ein ärztliches Zeugniß vor, in welchem bestätigt wird, daß Eduard Wehrich an hochgradiger