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Der Israelit · 1894-08-23 · Heft 67 (23.8.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 67 (23.8.1894)
Date
1894-08-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1251 Durch den Prior des Klosters hatte Pater Franziskus den Obersten des Gerichts daran erinnern lassen, daß die Geistlichkeit und das Volk auf das energischste verlangten, daß strenges Recht über die frevelhaften Juden gesprochen werde, die cs gewagt hätten in einem christlichen Reiche ein Ehriftenkind ihrem scheußlichen Kulte zu opfern. So zögerte denn auch der Oberrichter von Krakau nicht, wie es der König bestimmt hatte, das Gericht zasammenzurufen auf den Katharinentag, und kaum hatte König Kasimir das Schloß verlassen, als schon Boten des Richters kamen, um Rabbi Jehoschua und Esther einzufordern in das Gerichtsgebäude und sie wieder hinter starken Mauern gefangen zu setzen. Vergebens widerstand Esther, vergebens forderte sie, daß man Boten an den König in das Feldlager sende, um seinen Willen zu erfahren. Pater Franziskus sorgte dafür, daß sich kein Bote fand und daß der König, der schon weit entfernt war, nichts von dem hörte, was sich während seiner Abwesenheit in Krakau begab. Hatte Franziskus nicht erreichen können, daß der ihm so verhaßte König Kasimir zerschmettert würde, so wollte er wenigstens voll und ganz seinen Blutdurst, seinen Fanatismus an den beiden gefangenen Juoen stillen; sie sollten seine Wuth in ihrer ganzen Schwere bügen. Aber selbst, wenn König Kasimir in Krakau anwesend gewesen wäre, so hätte er es doch nicht vermocht, dem Gerichte Einhalt zu Lhun, denn die Geistlichkeit verlangte dasselbe und auch dem Gerechtigkeitssinn Kasimir» entsprach es, daß unbedingt die strengste Untersuchung in dieser Sache öffentlich gehalten werden mußte. Lag es doch auch im Interesse der Juden, daß diese ungeheuerliche Anschuldigung nicht verheimlicht, sondern daß öffentliches Gericht über dieselbe gehalten würde. So war denn eine große Reihe von edlen Rathsherrn und Richtern am Katharinentage im Rathhaus zu Krakau versammelt. Der große Saal war, wie dies stets für Gerichtsverhandlungen, die um Leben und Tod gingen, zu geschehen pflegte, mit schwarzem Tuche äusgeschlagen. In der Mitte befand sich ein Kreuz, auf welchem zwei gekreuzte Schwerter lagen und zwischen diesen stand ein Todtenschädel. Unter den Richtern befand sich auch der würdige Erzbischof von Gnesen, sowie der Kanzler des Reichs. Und der Oberrichter hieß alle schweigen und nachdem die Angeklagten vor die Schranken des Gerichts geführt waren, begann er zu sprechen: „Im Namen Gottes, des Allmächtigen, der die Wahrheit kennt, und die Menschen prüft bis auf das Herz und die Nieren, vor dem es' keine;. 00 Lüge giebt und kein Verheimlichen, der aber auch--——^ die Unschuld schützt ebenso, wie er das Verbrechen bestraft bis in das vierte Geschlecht, vor Ihm wollen wir ein strenges Gericht halten, das untersuchen wird einen großen Frevel, der vor unsren Stuhl gebracht wurde. Ich verkünde, daß der Spruch dieses Gerichts gehen wird auf Leben oder Tod und daß sein Ausspruch unfehlbar sein wird, denn da der König nicht in diesen Mauern weilt, so hat er sich hierdurch nach den Gesetzen des Rechts der Gnade begeben. Den Ausspruch, den wir thun, der wird sofort vor allen Augen vollstreckt werden!" Nachdem er dies gesprochen, setzte er sich nieder und begann: „Stehe auf, alter Mann, der du einer der furchtbarsten Frevelthaten angeklagt bist. Du wirst beschuldigt, ein christliches Kind im Walde gemordet zu haben, denn die Spuren des Thäters führten nach deiner Hütte. Sprich, was hast du darauf zu erwidern?" Rabbi Jehoschua war von der langen Kerker. Haft ganz gebrochen, und wenn ihm auch später in dem Schlosse Kasimir's es an nichts fehlte und er unter den Händen Esthers der besten Pgege theilhaftig wurde, so lastete dennoch die Furcht vor dem Gericht wie ein drückender Alp auf dem so schwer heimgesuchten Manne und er vermochte es nicht sich zu erholen. „Ihr edlen Herren" begann er, „als ich noch ein Knabe war, hatte ich auszustehen die furchtbarsten Verfolgungen. Man hat mich vertrieben von Haus und Hof und meine Eltern sind aus dem Wege gestorben, auf den sie durch die Härte der Kreuzfahrer hinaus gestoßen wurden. Als ich Mann geworden war, da glaubte ich, es sei die Zeit der Ruhe und des Friedens über mich gekommen. Ich war Rabbi in einer Stadt an dem schönen herrlichen Rhein und lebte glücklich und zufrieden mit meiner Tochter. Da kamen wiederum wilde Schaaren von Kreuzfahrern und überfielen die Gemeinde, in der wir lebten, und wiederum wurde ich hinausgestoßen in das Elend und ich bin gewandert viele Monate in furchtbarer Roth und Entbehrung und endlich glaubte ich eine Ruhestätte für mein greises Haupt hier in Polen gesunden haben. Kaum aber war ich angelangt in diesem Lande, da hat man mich wiederum ergriffen und hat mich auf Grund einer furchtbaren und für den menschlichen Verstand ganz unglaublichen Anklage gefangen gesetzt und nun soll ich mich vertheidigen vor Gericht. Was soll ich Euch sagen, Ihr edlen Herrn, oder, was soll ich sprechen, meine Kraft ist zu Ende,

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