Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 66 (20.8.1894)
- Date
- 1894-08-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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ber weist und sie zur Bildung einer jüdischen Bereinigung begeistert. Aber wenn dann alles unter der bekannten jüdisch-nationalen Flagge segeln soll, dann ist die Heilung schlimmer als das Nebel. In dem ersten Grundsatz der jungen Herren: „Die Juden waren und bleiben ein Volk für sich, vermöge ihrer Abstammung, ihrer Geschichte, ihres Denkens und Empfindens!" fehlt das wesentlichste Kriterium, das den Juden zum Juden macht: sein Religionsgesetz. Die Juden waren und bleiben ein Volk vermöge ihres Religionsgesetzes. Dafür hat uns Gott erwählt und unsere Abstammung zum Gegenstand seiner besonderen Fürsorge gemacht. Unsere Geschichte ist vorzüglich eine Geschichte unserer Stellung, unserer Treue und Untreue gegen die Thora, und wenn unser Denken und Empfinden nicht leeren Hirngespinsten gelten soll, so kann es nur der Thora und ihrer Verwirklichung in unserem Kreise zugewandt sein. Wie könnte man auch diese schlichten, primitiven Wahrheiten verkennen, sich auf die Makkabäer berufen, sich gar nach ihnen benennen, und zugleich dasjenige verleugnen, wofür sie lebten, kämpften, siegten und starben? Weil man uns zwingen wollte den Sabbat zu entweihen, Schweinefleisch zu essen, Mila aufzuheben, deßhalb zogen die alten Makkabäer in den Kampf. — Und die jungen, neuen von Prag? Sollte sich in Prag wirklich Niemand finden, der die jungen Leutchen auf das Lächerliche ihres Theater-Heldenthums aufmerksam macht? Eisenftadt Große Freude herrscht seit dem Eintreffen des greisen Oberrabbiners von Stuhlweißenburg als ständiger Einwohner in unserer Gemeinde. Seit Jahresfrist war es sein Herzenswunsch von seiner Gemeinde, der er Jahrzehnte lang, als treuer Hüter und allgemein verehrter Seelsorger angehörte, sich zu verabschieden und in Ruhe, bei feinem Lublingsschwiegersohne dem hies. Oberrabbtner seine Greisenjahre, welche der allgüttge Vater zur Zierde des Judenthums rwa *iy pnx ^>nu verlängern möge, zu verleben. Am 7. d. M. zog er dahier ein, obgleich sich der greise pn» in Vorhinein jedweden Empfang verbeten, hatten sich die Zöglinge der hiesigen Talmudschule nyttr corporatiü am Bahnhof eingefunden und Spalier gebildet, sowie auch ihn eine Deputation der hiesigen Cultusgemeinde bestehend aus den angesehensten Gemeindemitgliedern, begrüßte. M. Schachner. Frankreich. Paris, 3. August. Gegenüber dem Treiben der kterikalanitsemitischen Richtung dürfte der folgende Briefwechsel zwischen einem katholischen Erzbischof und einem jüdischen Präfekten von charakteristischem Interesse sein: Der neue Erzbischof von Rouen, M. Sourrien, hat den nachfolgenden Brief an den Präfekten von Seine-Jlff«rieure gerichtet: „Chülons, 5. Juli 1894. Herr Präsekt! Die Mitglieder der geistlichen Administration von Rouen sagten mir, daß es zu den Vorrechten meines neuen Amtes gehören würde, an der Spitze des Departements Seine Jnsörieure einen Chef zu finden, der gewöhnt ist, die verschiedensten Angelegenheiten in einem entgegenkommenden und versöhnlichem Geiste zu behandeln. Dasselbe Gefühl hatte mich ergriffen in einer neuerlichen Audienz bei Herrn Carnot, dem Präsidenten der Republik, der durch den Tod, der alle für das öffentliche Wohl gefallenen Opfer vergrößert, noch an Größe gewonnen hat. Darum, Herr Präfekt, empfinde ich den Wunsch, unsere Beziehungen, die mich durch schöne Proben, welche ich von denselben empfangen habe, beglücken, damit einzuleiten, daß ich Sie versichere, Ihnen die gleichen Sympathien entgegen zu bringen. In Chälons haben die Präfektur und das Bisthum es zwölf Jahre hindurch vermocht, mit Hilfe eines gegenseitigen guten Willens in Uebereinstimmung alle Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Wir haben alle Knoten gelöst, ohne sie zu zerreißen. Ich erwarte die Erfüllung der letzten Formalitäten, die Abfertigung der Urkunden, welche im Staatsrathe sind, und werde dann die Ehre haben, Ihnen den Tag meiner Ankunft anzuzeigen. Genehmigen Sie, Herr Präfekt, die Versicherung meiner besonderen Hochachtung. Marie-Romain. Erzbischof von Rouen." — Herr Hendl«, der Präfekt von Seine- Jnf«rieure, erwiederte hierauf: „Rouen 7. Juli 1894. Euer Hochwürden! Ich bin durch Ihr so wohlwollendes und sympathisches Schreiben derart beschämt und gerührt, daß ich von Ihrer Größe mich weit übertroffen fühle. Man hat Sie nicht getäuscht, hochwürdigster Herr, wenn man Ihnen sagte, daß Sie im Departement Seine-Jns«rieure eine Umgebung und Atmosphäre finden würden, die einer Politik der Mäßigung günstig ist, und daß wir immer bestrebt sind, alle Schwierigkeiten zu vermeiden oder sie möglichst aufzulösen im gegenseitigen Wunsche nach Frieden und Einigkeit. Die gesammte Sympathie und die Hochachtung Aller erwarten Ew. Hochwürden auf dem erzbischöflichem Stuhle von Rouen. Ich bitte Ew. Hochwürden, die Versicherung meiner besonderen Hochachtung zu genehmigen. Der Präfekt des Departements Seine-Jnsörieure."