Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 66 (20.8.1894)
- Date
- 1894-08-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Beilage ju M 66 des „Israelit". Fenitteto». Werschmähte Millionen. Wien, 11. Menachem Ab. So schwer ist noch kein Mensch ein paar Millionen los geworden wie Baron Nathaniel Rothschild in Wien. Seit drei bis vier Jahren unternimmt Baron Nathaniel Rothschild förmliche Bitt- und Fußgänge, daß man ihm seinen herrlichen Besitz bei Reichenau abnimmt und etwas über eine Million dazu. Man hatte sich aber gegen den armen Baron verschworen! Je heftiger nunmehr sein Geschenk abgelehnt wurde, umsomehr kaprizirte er sich, dasselbe an den Mann zu bringen. Es ist vielleicht nicht übertrieben, daß er schlaflose Nächte verbrachte, daß er Orientreisen unternahm, um seine Ruhe wieder zu finden- Die Sache ist nicht so lächerlich, wie sie aussieht. Ein Billionär setzt sich in den Kopf, ein paar Millionen in dieser oder jener Form einem bestimmten Zwecke zu schenken und man refustrt Er appellirt gegen den RefuS und rekurrirt sich durch alle Instanzen hindurch. Er will sein Recht haben! Der arme Billionär darf nicht vorurtheilsvoll behandelt werden, eben weil er ein Billionär ist. Wer darf ihm daraus einen Vorwurf machen? Hat er diese Laufbahn gewählt? Was nützen alle Beweisgründe. Der arme verfolgte Rothschild kann nicht seiu Recht finden, er kann sein Geld nicht los werden. Das ist die Ungleichheit vor dem Gesetze! Verstehen wir uns recht: Es ist nichts leichter, als in Wien sein Geld los zu werden. Je größer die Stadt, je zahlreicher die Bevölkerung, umso mehr ist die Kunst des „Fechtens" zur Vollendung gelangt. Dem Vater der jetzigen Wiener Rothschilds, der allwöchentlich seine fixen jom-s für die Fechtbrüder aller Gesellschaftsklassen hielt, wird nacherzählt, daß er einmal in seiner bekannten Milde einem polnischen Juden sagte: er werde sich um jede Unterstützung bringen, wenn er so oft und unter so unglaubwürdigen Vorwänden um milde Gaben vorspreche. „Herr Baron", sagte der polnische Jude betreten, „Sie können mir geben und können mir nicht geben, das ist Ihre Sache! Wie Sie sich dann mit dem Himmel abfinden, das will ich nicht untersuchen; aber Eines bitte ich: geben Sie mir keine Lehren, wie ich zu schnorren habe. Das versteh' ich bester als Sie, Herr Baron, das ist mein Geschäft!" Die Kunst des Schnorrens ist nicht im Verblasten' begriffen. Im Wiener Armendepartement des Hauses Rothschild könnte man Bände schreiben über die Vollendung, welche diese Kunst erreicht hat. Das Rothschild'sche Vermögen, daS bekanntermaßen sehr respektabel ist, würde nicht hinreichen, den Anforderungen zu entsprechen, die im Verlaufe eines halben Jahres von Schnorrern im Kaftan und im Frack, in der Uniform und im Künstlerrocke unter den kuriosesten Begründungen an das Haus Rothschild gestellt werden. Baron Nathaniel Rothschild, der ein Millionengeschenk nicht anbringen konnte, hätte somit keinen Anspruch auf unser Mitleid. Vielleicht doch! Es wird — ich möchte keinem der geschätzten Leser nahetreten — den Meisten schwer fallen, sich in die Lage des Barons hineinzufinden. Immerhin wird man annähernd die Situation verstehen nach der nachfolgenden Schilderung. Baron Nathaniel Rothschild besitzt bei Reichenau ein Gut. Der Ausdruck ist vielleicht nicht ganz richtig gewählt. Es ist ein Paradies, in dessen Mitte sich ein Zauberschloß befindet. Ganz Reichenau ist ein Paradies. Auf der reich gesegneten Lokalstrecke der Südbahn, wo sich ein Eden an daS andere schließt, ist Reichenan wohl das schönste Stück- Schmucke Villen lugen aus dem saftigen Grün, grüßen unvermittelt von den Höhenzügen herab, liegen anscheinend wie Adlernester eingebettet zwischen grünem Gestein, und wenn man näher kommt, findet man sie aus wohlgepflegten Boskets und zierlichen Sträuchern hervorragen, von alten Baumriesen gedeckt. Sanft aufsteigende Wege führen überall empor. Man meint geradeaus zu wandeln in dichtem Walde und steht plötzlich vor einer berauschenden Aussicht, die tief zu unseren Füßen beginnt und sich zu einem großen, herrlichen Panorama ausdehnt, das sich in nebelhafte Ferne verliert. Die eine Seite des Reichenauer Hügels ist mit Villen und Hotels voll gespickt, die andere Seite bietet natürliche Romantik. Je weiter man die gut gepflegte Straße hinauswandert, umso eintöniger und stiller wird eS. Kaum daß man noch einem kleinen Gehöft begegnet von jener Reinlichkeit, welche die österreichischen Bauerngehöfte kennzeichnet. Plötzlich stehen wir vor einem einfachen, massiven Gitterthor, dessen Flügel weit geöffnet sind. Es ist die Lieblingsresidenz des Erzherzogs Karl Ludwig. Der Garten erstreckt sich lange hin und führt zu einem einfachen, massiven Gitterthor, deffen Flügel weit geöffnet sind. Es ist die LieblingSresidenz des Erzherzogs Karl Ludwig. Der Garten strecki sich lange hin und führt zu einem einfachen, geräumigen Schlosse, in dem die zahlreichen Mitglieder der erzherzoglichen Familie oft genug restdiren. Unmittelbar an den erzherzoglichen Besitz, jedoch weit höher und imposanter gelegen, grenzt der Besitz des Barons Nathaniel Rothschild, aus dem ein prächtiger Bau hervorblickt. Weitgedehnte Waldungen, ergiebige Jagden gehören zu dem Besitze. Nun will man, wie das Pesther Politische Volksblatt, dem wir diese Betrachtung, entnehmen, berichtet, in Wien misten, baß man sich in der erzherzoglichen Familie einmal sehr abfällig über den benachbarten Grundherrn aussprach und daß es diesem zu Ohren kam. Daraufhin wäre die großartige Schenkung erfolgt, die vor drei Jahren in Wien Sensation erregte, aber hinterdrein abgelehnt wurde.