Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1894)
- Date
- 1894-08-16
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1216 wie ein fremder Ausdruck, mit Strichlein versehen ist, und die römischen Juden, welche keinen Diphtong kennen, zu jener abweichenden Aussprache geführt hat. (In älteren orientalischen Ritualien B"5nrw b'bb no'b tid). Referent, der das Glück hatte, die geistreichen Vorlesungen des Verfassers im Seminar zu hören, möchte hierbei den vom Letzteren einmal erbrachten Beweis erwähnen, nach welchem das Wort „Jahrzeit" bereits im ll. Jahrhundert in einem schweizerischen Klosterbuche als Bezeichnung für alljährlich wiederkehrende Todtenfeier gebracht wird! — In der Geschichte des 14. Jahrhunderts wird uns ein Märtyrer, Elia ben Samuel, bekannt; es ist die Zeit, da die Päpste ihre Residenz nach Avignon verlegt hatten, und in Rom eine Schreckensherrschaft wüthete. Der Ein fluß des Cola di Rienzi, dessen Mutter im Ghetto als sogenannte „Sabbatmagd" ihr spärliches Brod verdiente, mehr noch der des Cardinal Albornos, gibt sich in der Berücksichtigung der Juden bei der Feststellung des ersten städtischen Statuts zu erkennen. Die Priviligien jüdischer Aerzte, für die der römische Senat besondere Bürgerbriefe ausstellt, werden bckanut. wie zugleich auf die Bedeutung der jüdischen Aerzte in Rom hingewiesen wird. Die Vereinigung mehrerer Gemeinden, zu denen auch Rom gehörte, zu einem Bunde für gemeinsame Maßnahmen gegen die Exzesse der Bandenführer, beweist, was in Zeiten der Noth durch vereinte Kräfte erreicht wird. Erst mit Martin Y. wird die Ordnung auch zum Heile der Juden wieder hergestellt. Durch mehrere Schutzbullen zeigt dieser Papst seine Toleranz gegen die Juden; aus diesen seinen Bullen spricht ein Geist, der noch heutigen Tages gewissen Kreisen zur Beherzigung zu empfehlen wäre. In der Geschichte seiner Nachfolger lernen wir Moses da Rieti, den bekannten Arzt und Nachahmer Daytes im vpv tcnpa als den Abgesandten an alle Juden außerhalb Roms kennen, und zwar aus einem Circularschreiben, welches aus dem päpstlichen Geheimarchiv mitgetheilt wird. Die Juden werden immer mehr bedrückt, immer größere Summen werden von ihnen gefordert, für welche sie eine erträglichere Lage, wenn auch immer nur für eine kurze Dauer, sich schaffen konnten. Marranen werden, wenn auch gegen den Willen der einheimischen Juden, gern ausgenommen, ebenso Flüchtlinge aus Tripolis, Portugal und Neapel. Durch diese neuen Elemente entwickelt sich eine regsamere Erwerbsthätigkeit, womit auch die mamaterielle Lage der Juden in Rom sich bessert. Eine Reihe von bedeutenden Männern ersieht, vorzüglich jüdische Aerzte, die durch ihre klassische Bildung, wie in der Ausbildung ihres Berufes, eine für ihre Zeit hervorragende Stellung einnehmen. Bei der Ausführung Elia Bachurs erfahren wir, daß in seiner Zeit in Rom eine bedeutende Gemeinde existirte, deren Mitglieder alle den Beinamen „Aschkenasi" in der Unterschrift führten, daher auch Elia sich so nennt, wie auch sein Sohn Jehuda in einer Unterschrift aus dem Jahre 1557. David Rüubeni und Salomo Molcho waren auch in Rom, und auf ihre Agitation will der Verfasser die kabbalistische Richtung zurückführen, welche sich jetzt breitmacht, und für die auch christliche Gelehrte schwärmen. Von einer ganz besonderen Wichtigkeit sind die Bestrebungen für eine Organisation der durch großcn Zuzug inzwischen bedeutend gewachsenen Gemeinde, welche durch Papst Clemens VII. wesentlich gefördert werden, nachdem er einen hervorragenden Mann, namens Daniel sa Pisa, für die Leitung dieser Angelegenheiten berufen hat. Eine Gesammtgemeinde mit einer geordneten Centralverwaltung wird geschaffen, wohingegen den bisherigen neuen Synagogen, (welche ausführlich geschildert werden), ihre Sp'zialverwaltungen gelassen werden. Reiche Mittheilungen folgen, welche das Archivio urbano in 22 Bänden, sogenannten Notariatsbüchcrn, bewahrt. Ein jüdischer Notar war nämlich amtlich beglaubigt, um die verschiedensten Akte freiwilliger Gerichtsbarkeit abzunehmen; ein solches, hebräisch, ganz nach talmudischen Normen und Formen abgesaßtes Protokoll bietet viel interessante Einzelheiten. Verträge der jüdischen Bankiers, wie schriftliche Uebereinkommcn zwischen den christlichen und jüdischen Schneidern und andere Verhandlungen, oft von christlicher Seite mit italienischer Unterschrift vollzogen, welchseln mit einander ab. Aber aus diesen besseren Zeiten, in denen der freie Verkehr oft bis zum vertrauten Umgang sich steigerte, ging in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein unglücklicher Wechsel der Verhältnisse hervor; nicht selten erfolgten freiwillige llebertritte, der Papst begründete das Haus der Karachumenen zur Aufnahme der in der Vorbereitung zum Ucberiritt begriffenen Juden, hebräische Bücher wurden konfiszirt, und am jüdischen Neujahrstage 1553 verbrannte man alle talmudischen Schriften. Noch traurigere Zeiten waren im schnellen Anzuge: Im Mai 1555 gelangte der kirchlich-fanatische Carafsa unter dem Namen Paul IV. auf den Petrusstuhl: „eine Schmach der Päpste, ein Scheusal in der Menschheit!" „Was er in den vier Jahren seiner Regierung angeblich zur Glorie seiner Kirche ausgcübt, bildet den Inhalt der schwärzesten Blätter in der Geschichte. Was seine Vorgänger im Einzelnen gethan, um die Juden ihres Glaubens wegen zu verfolgen, wollte er allein im Ganzen ausführen, ja noch darüber hinausgehen — darum sperrte er die Juden in's