Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 64 (13.8.1894)
- Date
- 1894-08-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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VWWWW m XXXV, Jahrgang. M 64. Der Israelit. Ein Genlrat-Hrgan für das orlhodoXe IudentHum. Begründet von Dr. Lehman» in Mainz. Montag, den IS. August 5654 (1894). Leitender Artikel. Jas neue, alte Lied. Von Bezirks-Rabbiner Dr. Ehrmau« in Baden (Schweiz.) Daß das Weh, das tausendjährige Weh Israels einst in ein Helles, lautes Lied ausklingt, ist eine Verheißung, die uns an vielen Stellen unseres heiligen Schrtftthums verbrieft wird. Wer will den Antheil ermessen, den diese Verheißung an der Kraft und Ausdauer, ja an der heiteren Zuversicht hat, mit welcher das jüdische Volk sein Martyrium sondergleichen trug und trägt und tragen wird, bis Gott von jedem Antlitz die Thränen trocknen und die Schmach seines Volkes tilgen wird?! Aus der Höhe jener Anschauung, aus welcher die Weisen dieses neuen Liedes klingen, wandelt sich die Wüste in ein Eden und die öde Steppe in einen Gottesgarten um; da werden die Denktage unseres nationalen Niederganges und Zusammenbruchs zu Tagen der Wonne und Freude, auf den Schwingen dieses neuen Liedes sind sie es schon heute. Und diese Anschauung ist nicht etwa ein Privilegium der Dichter und Denker der Geistesfürsten, welche die Masse des Volkes überragen, sie ist Gemeingut aller, welche ihren Idealen die alte Treue bewahrten. „Halleluja!" lautet dieses neue Lied, wie es aus dem 149. Psalm zu uns spricht, „Halleluja! singet Gott ein neues Lied, sein Lob in der Gemeinde der Frommen!" Es versetzt uns dieses Lied in eine Zeit, in welcher Israel als mp Dy, als das Volk dem Gott nahe war und nahe ist, in deren Schilderung der unmittelbar vorangehende Psalm 148 ausklingt. Es sind nicht nur die Frommen Israels, es sind alle seine Frommen, denen dieser hoch strahlende Glanz seines Volkes das Lob Gottes abringt; .rr-Mn mp Dy im-,«" rvon^rtain ivyi» pp rrn Aber die Chasstdtm, die Frommen,, die überwältigt von Gottes Walten in der Geschichte und dem Geschick Israels sich Seiner Leitung nun ganz htngeben, sind dann nicht mehr sporadisch in alle Zeiten und Zonen verstreute Einzelne, sie bilden D'TDn Vnp eine ganze Gemeinde Gleichgesinnter. Dieser Verband, diese Vereinigung Gott ergebener, gleichgesinnter Menschen ist die Frucht und das endliche Ziel allcs Ringens und Kämpfens, dessen Summe die Welt- und Menschengeschichte darstellt. An Israels Beispiel haben sie sich gebildet, an Gottes wunderbarem Eingreifen in Israels Geschick sind sie erstarkt, sie rufen das, was sie an diesem Volk gesehen und erfahren, als etwas bis jetzt unerhörtes Neues, in die Kreise der gesammten Menschheit hinein. Dieses neue Lied beginnt daher mit dem Rufe: d^ds ib'I »ja vanya na«" „Es freut sich Israel seines Schöpfers, die Söhne Zijons jubeln ob ihres Königs!" Die Jahrhunderte, die Jahrtausende, eine ganze Welt hat sich gegen dieses Volk verschworen, ihm sein Leben zu verbittern, ihm sein Dasein zu vergällen, es zum Stichblatt allen Spotts und Hohns zu machen, und warum? Lediglich weil es an seinem Gotte und an dessen Gesetz festhält. Auf der einen Seite alle Schrecken und aller Jammer eines thränenreichen Exils mit der unwandelbaren Treue gegen seinen Gott und dessen Wort; und auf der andern Seite alle Köder, alle Lockmittel, alle Güter und Reize, aber erkauft durch den Abfall von Gott und der Huldigung der Tagesgötzen, und das Volk bleibt Jahrhunderte, Jahrtausende treu seinem Gotte, treu seiner Bestimmung, treu seiner Vergangenheit, treu seiner Zukunft! Ohne Land, ohne Tempel, ohne Priester und Altar, hat es Gott hinausgewiesen und es der Willkür einer Welt überliefert, die ihm seine Anhänglichkeit und Treue als trotzigen Eigensinn anrechnet, sie sogar zum Verbrechen stempelt, und sie