Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 61 (2.8.1894)
- Date
- 1894-08-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Zweite Beilage M M 61 ües „Israelit". Zeitungsnachrichten und Gorrefpondenzeu. Deutschland. Aus Tüddeutschlaud, 27. Juli. V'liv utoa ins ^x ahn “inx nx x^n vnax ma ^bnb rnxa «rx. (Maleachi, Kap. 2, Vers 10.) Ich glaube kaum an die Spitze meiner heutigen Ausführungen einen besseren Satz stellen zu können, als die Warte, die der Prophet Maleachi im 2. Kap. gebraucht. „Haben wir nicht Alle einen Vater, schuf uns nicht Ein Gott u. s. w." Wenn man den Annoncentheil der jüdischen Blätter durchlieft, da kommen dem Leser sehr oft Ausschreiben von jüd. Gemeinden vor Augen, in welchen Cultusbeamte gesucht werden und sehr oft findet sich hiebei die Bemerkung: „Polen werden nicht berücksichtigt." Schreiber ds. beabsichtigte schon vor längerer Zeit diese kurze, aber vielsagende Bemerkung in diesem gefch. Blatte etwas näher zu beleuchten; er dachte jedoch, es würde sich einmal eine berufenere Feder hiefür finden. (Geschah bereits vor Jahren von uns. Red.) Nachdem sich aber von keiner Seite eine Stimme gegen dies Gebaren hören läßt, muß ich mir schon gestatten da^ Wort zu ergreifen. Allenthalben existiren Vereine zur Abwehr des Antisemitismus, man verfolgt mit Recht die pöbelhaften Führer dieser Schmach des Jahrhunderts; sobald unsere Glaubensgenossen jedoch in ihren Gemeinden und Vereinigungen unter sich sind, haben sie nichts Befferes zu thun als dasselbe Gebühren, das sie bei ihren Gegnern nicht genug verdammen können, gegen ihre eigenen Brüdern in Anwendung zu bringen. Das Stichwort der Amalektten der Jetztzeit „kauft nicht bei Juden" lautet bei vielen Behörden jüdischer Gemeinden „wir berücksichtigen keine Polen". Zumeist sind es zwar kleinere Gemeinden, die diesen Bann loslassen, aber für solche ist es noch charakteristischer. Es soll und kann nicht meine Aufgabe sein den Vertheidiger der polnischen und anderer Glaubensgenossen aus den slavischen Ländern dn machen; es wurde oft genug betont, daß die Auswüchse bet denselben die Frucht der hundertjährigen Bedrückungen sind. Es ist sicher nicht die Schuld des sieutschen Juden, daß er sich besser dünken kann; die freiheitlichen Verhältniffe, die Emancipatton haben ihm die Wege geebnet. Der polnische Jude, der vor 50 Jahren nach England, Amerika u. s. w. auswanderte, zeigt heute dort, daß er in seiner Entwicklung dem Deutschen meist ebenbürdig und vielfach sogar überlegen ist. Ganz besonders aber steht es dem Orthodoxen nicht an diese Zurückhaltung zu predigen. Wer ist es, der in den fernen Welttheilen die Fahne des unverfälschten Judenthums hochhält? Wer sind in den Vereinigten Staaten Nordamerikas, in Argentinien, Canada, Australien u. s. w. die Bannerträger des orthodoxen Judenthums? Frage einmal, lieber Leser, z. B., deine Freunde in New Aork, Montreal, Melbourne u. s. w., wieviele Deutsche sich für Schechita, Mikwe, Talmudstudium interessiren, wieviele Deutsche ihre Läden am rav geschlossen haben? Auf 100 Polen findest du erst einen Deutschen. Weiß denn der 1. Synagogenvorftand der Cultusgemetnde in Schilda oder Krähwinkel, der den Polen als Schochet in seiner Gemeinde nicht haben will, ob nicht sein Sohn in San Francisco oder Buenos-Ayres bei einem Polen de- und wehmüthtg um eine Stelle bittet, wo er seiner Religion gemäß leben kann? Ich gestehe ja zu, daß unter den slavischen Juden, ebenso wie unter den deutschen und englischen, viele nicht wünschenswerthe Elemente sind; allein die kann man ja bet einer Wahl zurückweisen. Die Gesammtheit aber ausschließen, vor der ganzen Welt die Gemeinschaft mit seinen Glaubensgenossen ableugnen, daß ist nicht jüdisch, am Allerwenigsten aber orthodox. Bei wie vielen unserer Glaubensgenossen in Nord- und Süddeutschland stand die Wiege jenseits der Weichsel und sind sie nicht heute den Deutschen bei uns gleich? Und die Hauptsache für den gläubigen Juden, wo ist der Sitz des ernstlichen Talmudstudiums? Wohl haben wir auch bei uns gelehrte Talmudisten, aber wie winzig, sogar im Verhältntß, ist die Zahl gegen die in Polen, Rußland u. s. w. Hoffentlich tragen diese Zeilen dazu bei, den Herren an den kleineren Plätzen die Augen zu öffnen, und bei einiger Einkehr werden sie sicherlich bei den Bewerbern nicht mehr die Nationalität, sondern Fähigkeit und Charakter als Maßstab anlegen. (Der Herr Eorrespondent hat in seiner nur zu wahren Schilderung dieses traurigen Verhältnisses die eine Entschuldigung zu erwähnen vergessen, daß in einigen deutschen Bundesstaaten die Anstellung ausländischer Cultusbeamten von der Staatsbehörde nicht bestätigt wird. Red.) Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 17. Juli. In der von Dr. Pfenner herausgegebenen antisemitischen Zeitschrift „Oesterreichischer Volksfreund" wurde eine der bekannten Consistorialreden des Pfarrers Dr. Deckert zum Abdrucke gebracht, welche dem Staatsanwalt Anlaß gab, die Beschlagnahme des Blattes mit