Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 61 (2.8.1894)
- Date
- 1894-08-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Erste Beilage zu M 61 des „Israelit". Leitender Artikel. Die Wahrhaftigkeit und die Ethik des Judenthums. Don Rabb, Heinrich Galarrvarrep tu ©oborten (Böhmen). IV. Die eigentliche Kunst zu leben und glücklich zu sein, besteht nicht darin zeitliche Güter zu erwerben und sie zu genießen, sondern im Gutsein allein; das macht wahrhaft glücklich, das ist wahre Lebensweisheit. Kommet Ihr Menschenkinder, höret mir zu, ich will Euch die Furcht des Herrn lehren. Wer ist es, der gut zu leben wünscht, wer gern fröhliche Tage hätte?! Bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, daß sie nicht falsch reden. Entferne dich vom Laster und thue Gutes, suche den Frieden und jage nach ihm (das. 34, 12, 13, 14, 15). Das ist Lebensweisheit, Wahrhaftigkeit und Wahrheit, die Gott verlangt, ein lauteres Herz und einen aufrichtigen Sinn, wie König David es sich wünscht (das. 51. V. 8, 12.) Das ist wahre Tugend, wahre Gottesfurcht, die er für sich erflehet, indem er sehnsuchtsvoll die Hände nach dem Himmel streckt und ausrufet: Herr! Lehre mich deine Wege, daß ich wandle in deiner Wahrheit! (das. 86, V. 11). Neige mein Herz zu deiner Lehre und nicht zum Eigennutz. Es bleibe stets mein Herz rechtschaffen in deinen Rechten, daß ich nicht zu Schanden werde, denn die Lehre deines Mundes ist mir köstlicher, denn viel Tausend Stücke Gold und Silber, da doch nur Redliche deinen Namen anerkennen und Rechtschaffene vor deinem Augesichte bestehen können, denn du bist gütig und gnadenvoll gegen Alle, die reinen lautern Herzens sind." (das.) Im Handel und Verkehr mit deinem Mitmenschen sei aufrichtig und gewissenhaft. Uebervortheile den Unwiffenden nicht, jage nicht nach Gewinn, sei nicht eigennützig, beute nicht aus die Schwäche und Hilflosigkeit des Armen und Dürftigen, denn wer dies thut, ist dem Ewigen ein Gräuel. „Er zürnt wegen der Sünde des Eigennutzes, wegen der Schuld der Gewinnsucht und der Habgier, Er schlägt und verbirgt sein Angesicht, züchtiget und führt zur Verzweiflung." (Jesatas 77, 17.) „Unrecht Gut gedeihet nicht und wer Reichthum durch Betrug sammelt, muß ihn bald wieder verlassen und am Ende wird er noch verspottet, als Niederträchtiger." (Jesaias 17, 11). Wehe dem, der sein Haus mit Unrecht erbauet und Stockwerke aufführt mit Sündhaftigkeit, der seinen Nächsten umsonst arbeiten läßt und ihm seinen Lohn nicht gibt. (Das. 22, 13). Der den Redlichen um Geld verkauft, und den Dürftigen um ein Paar Schuhe, den Kopf des Armen in den Staub tretet und den Elenden in seinem Wege hindert, den schonet der Herr nicht. Höret Jhrs, die Ihr den Armen unterdrücket und die Niedrigen im Lande verderbet, indem Ihr sprechet: Wann wird dann endlich der Neumond ein Ende haben, und wir Getreide verkaufen, und der Sabbat, daß wir Korn feilbieten können und das Maß verkleinern und den Preis erhöhen und die Waage fälschen. Auf, daß wir die Armen um Geld und die Dürftigen um ein Paar Schuhe uns erkaufen und Spreu für Korn verkaufen. Der Herr hat geschworen wider die Hoffahrt Jakobs, daß Ich nie vergessen werde solche Thaten. Sollte nicht um solches' willen das Land erbeben und alle Einwohner trauern? (Amos 2 und K. 8). Wehe denen, die Schaden zu stiften trachten und mit bösen Tücken auf ihrem Lager umgehen, daß sie es, wenn es licht wird, vollbringen, weil sie die Macht haben. Sie reißen Aecker an sich und nehmen Häuser, welche ste gelüstet; also treiben sie Gewalt mit eines Jeden Hause und mit eines Jeden Erbe. (Micha 2, V. 1, 2.) Wehe dem, der sein Gut mehret mit fremden Gut! Wie lange wird es dauern? Er ladet nur viel Schlamm auf sich. Wehe dem, der eigennützig ist zum Unglück seines Hauses, um seinen Wohnsitz in die Höhe zu versetzen, um so jeglichem Unfall zu entrinnen. Aber dein Rathschlag wird zu Schanden für dein Haus, denn du hast das Vermögen Anderer vernichtet und muthwilltg dich versündiget. Selbst die Steine der Mauer schreien wider dich und die Balken am Gesperre zeugen gegen dich (Habakuk K. 2, V. 6, 9, 10). Sage an: Findet Gott Wohlgefallen an Unrecht, billigt Er denn falsche Waage oder ungerechtes Gewicht, durch welchen die Reichen viel Betrug verüben? (Micha K. 6, V. 11). So verurtheilt die jüdische Lehre jede unehrliche, gewissenlose That im gesellschaftlichen Verkehr, und ihre erhabenen Vorbilder, die sie uns zur Nachahmung vorführt, waren frei von jedem Unrecht. So ruft der fromme königliche Psalmist die schwerwiegenden Worte aus: Herr, mein Gott, habe ich solches gethan und ist Unrecht in meinen Händen; habe ich Böses vergolten denen, die friedlich mit mir lebten, oder die, so mir ohne Ursache feindlich waren, irgendwie geschädigt; so verfolge mein Feind meine Seele, und ergreife ste, und trete mein Leben zu Boden, und lege meine Ehre in den Staub, Selah (Ps. 7) und sein Gebet war: Herr! Neige mein