Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 61 (2.8.1894)
- Date
- 1894-08-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1133 Der Pan von Wola dachte in diesem Augenblick nicht daran, daß er ja selbst eine heftige Neigung für das schöne junge Mädchen gefühlt hatte. Im Gegentheil, in einer Art von wilder, ihm selber kaum bewußten Eifersucht, die ihn beherrschte, schien ihm der Fehler Kasimir's schwer und schwerer, und er vermochte nicht anders, als denselben in den schwärzesten Farben auszumalen. Auch fürchtete er, ebenso wie Pater Franziskus, daß ihre Pläne von Kasimir in Folge seiner Zuneigung zu Esther durchkreuzt würden, und waren sie schon vorher von wildem Haß gegen den menschenfreundlichen und liebevollen König beseelt, den sie verhöhnend den Bauernkönig nannten, so steigerte sich derselbe jetzt zu fanatischer Raserei. Der Pan von Wola ließ alle Adeligen, von denen er wußte, daß sie seine Gesinnungsgenossen waren, zu sich auf sein Schloß entbieten, und, wie dies bei diesem schwelgerischen jungen Mann nicht anders sein konnte, benützte er diese Gelegenheit, um ein üppiges und ausgelassenes Fest zu veranstalten. Lastnsky kam und Lubormirsky und auch Pater Franzisküs fehlte natürlich nicht. Der Pan eröffnete sein Fest dnrch einen Trinkspruch auf die Gäste, während Lubormirsky dieselben aufforderte, auf das Wohl des Wirlhes die Becher zu leeren. Schon war viel edler Tokayer von den vornehmen jungen Herren hinab geschlürft worden, als Lubormirsky sich erhob, um in einem Trinkspruche den Zweck der Versammlung zur Sprache zu bringen. Man ahnte aus seinen früheren Reden, was er sagen würde, und tiefe Stille herrschte im Saale; aller Augen sahen gespannt auf Lubormlrbky's Mund. Gerade in diesem Augenblicke betrat Jankele, der Koch, den Saal, um eine Speise, die er mit großer Sorgfalt bereitet hatte, auch selbst zu serviren, da er sie keinem der Diener anvertrauen wollte. Er mochte wohl ein wenig mit den Schöffeln geklirrt haben. „Ruhe! Stille!" riefen die Adeligen, und Jankele stand mit seiner Speise in der Hand ganz stille im Saal; es war, als ob auch ihn interessirte, was da gesprochen wurde, als ob der arme unbedeutende Koch ebenfalls bei der Sache betheiltgt wäre, so aufmerksam und gespannt lauschte er. Und Lubormirsky begann: „Polenbrüder, Edelleute! Ich ergreife den Becher nicht, um ein Hoch auszubringen, oder Gesundheit zu trinken, nein, etwas ganz anderes soll von meiner Lippe erklingen, ein Wort, das Fluch und Verderben in sich schließt, ein Pereat unseren Feinden. „Verderben sollen alle diejenigen, die andere Interessen und Ziele haben, als wir, die einzigen echten Kinder Polens, verderben sollen sie und säßen sie selbst auf dem Throne dieses Reiches." Endloser wüster Beifall unterbrach die Rede. „Pereat! Verderben unfern Feinden," scholl es von allen Seiten durch den Saal, „Tod allen unseren Gegnern, und säßen sie selbst aus dem Thron." Der Pan von Wola konnte seine Ungeduld nicht länger bemeistern, und er fiel dem Sprecher in's Wort: „Wer war bisher der Herr von Polen!" schrie er, „war nicht der König unser Diener! Wir haben ihn gewählt, und wir können ihn auch wieder stürzen, wenn er uns nicht gehorchen will. So haben es unsre Väter stets gehalten, daß sie die Herren waren, und der König nicht anders war, als der Vollstrecker des Willens der Adeligen. Fürwahr! Unsre Enkel sollen nicht über uns zu erröthen brauchen, daß wir uns die alte angestammte Macht hätten rauben laffen. Bei meinem Schwerte, König Kasimir muß sterben, von seinem Haupte muß die Krone genommen werden und von seinen Schultern sein Haupt." „Ja, ja," schrie Lubormirsky, „wir haben genug Schmach und Schande erduldet von diesem König; er setzt uns hinten an, hinter Bauern und Juden, jeder gilt ihm mehr als die Großen dieses Reiches. Die Leibeigenen will er zu unseren Herren machen! Drum wollen wir nicht eher rasten, als bis wir den Fuß auf seine Schultern gesetzt, und sein Haupt hernieder gebeugt haben in den Staub." Die unzufriedenen Edeln schienen sich noch weiter in einem solchen Wortschwall ergehen zu wollen und Pater Franziskus schien dies zu vermuthen. Offenbar war er der ganzen hier versammelten Menge geistig weit überlegen, und er lächelte leicht vor sich hin, dann erhob er sich und machte ein Zeichen, daß er sprechen wolle. „Ja, ja," schrie Lubormirsky, „laßt ihn reden, den Seelsorger! Was habt Ihr uns neues mitzutheilen, was habt Ihr für Nachrichten aus Krakau?" „Wissen es alle schon," fragte der Pater, „daß der König die beiden mörderischen Juden aus dem Gefängniß gezogen und nach dem Schloß hat bringen lassen?" „Ja, ja," sagte der Pan Johann und griff sich nach der Brust, „Esterka ist bei Kasimir." „Und der König spielt den guten Wirth", fuhr Franziskus fort, „die Diener erzählen sich schon so mancherlei. Er soll vor der schönen Jüdin auf den Knieen gelegen haben. Ja, man sagt sogar, er habe ihr im Schlosse ihre eigne Küche eingerichtet, in welcher ihr nur koschere Speisen bereitet werden,