Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 57 (19.7.1894)
- Date
- 1894-07-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Zweite Beilage zu M 57 des „Israelit". Feuilleton. Wadeplaudereie«. Marien bad, den 11. Tamus. Wiener, die daran denken, eine Sommerfrische aufzusuchen, haben sich zumeist die Frage vorzulegen, ob sie da und dort nicht unter der Krankheit unserer Zeit, den antisemitischen Hetzereien, zu leiden haben werden. Gibt es ja ganze Ortschaften an den Abhängen des Wtenerwaldes, die durchwegs antisemitisch verseucht sind. In Baden, dem Curort nahe bet Wien, der den Wiener Juden ungezählte Millionen zu danken hat, schlagen antisemitische Wahlen durch und selbst von denen, die sich judenfreundlich zeigen, meint man, daß sie verkappte Antisemiten sind und nur ihres Vortheils wegen die Maske tragen. Ganz anders ist es in unserem schönen, noch nicht von dem antisemitischen Gedanken angekränkelten Marienbad. Es gibt hier ganze Straßen, die nur von polnischen Juden bewohnt sind. Sie tragen ihre langen Röcke, ihre Petes, ihre Frauen machen sich durch grellen Putz mehr als nöthtg auffallend, aber Niemand wird es einfallen, ihnen auch nur durch einen Blick eine Gehässigkeit an den Tag zu legen. Als ich heute Früh beim Kreuzbrunnen die dort 6u ma886 aufgestellten bärtigen Männer in ihren langen Kaftans musterte, sah ich einen christlichen Geistlichen gleichfalls in der Wandelrethe Aufstellung nehmen; er trug einen langen, schwarzen Rock, unter dem etwas wie ein weißes Unterkleid hervorsah. „Stehst Du", hörte ich hinter mir einen blonden Norddeutschen zu seinen Frau sagen, „dieser Mann trägt seine Tracht auch aus religiösen Rücksichten, Niemand wird es ihm beanstanden, warum wunderst Du Dich, daß man den polnischen Juden ihre Tracht hier nicht beanstandet." „Na, ik meene man blos", sagte die Frau im reinsten Berlinerisch, „mir geht's ja im Jrunde nichts an, was die Leute tragen!" Diese Toleranz macht sich überall geltend und berührt, selbst wenn man den Kaftans keine Sympathien entgegenbrtngt, angenehm. Wer das hiesige Curleben beobachtet, findet, daß auch weiterhin kein confessioneller Unterschied gilt. Man schließt sich leicht an, ohne zu fragen, ob Jud ob Christ, keine Dissonanz stört den harmlosen und überaus angenehmen Verkehr der Curgäste. Oberhalb der Waldquelle, jenem reizenden Idyll, zu dem die Marienbader Mittags hinauswandern, liegt die Waldmühle, oberhalb dieser dicht an Bergeshalde die Löwenthal'sche Restauration. Die Waldmühle gilt als feinstes Restaurant und erfreut sich lebhaften Zuspruchs; indeß ist cs ausgemacht, daß man billiger und besser bei Löwenthal speist, Grund genug, daß man hier ebenso viele Christen wie Juden verkehren sieht. Tragen sonst die von Juden geleiteten Restaurants einen specisisch jüdischen Anstrich, so macht hier Alles den Eindruck des Internationalen. Kosmopolrtischen. Die Säle und Veranden fassen 800 Curgäste; man hört da alle Sprachen sprechen, steht Jud, Christ und Muselmann bet frohem Mahl vereint und fragt sich, indem man sich weltenfern von dem antisemitischen Gekläff der Großstadt weiß, ob denn doch „dies Jahrhundert dem Ideal reif" sein dürfte, da die Bekenner der verschiedenen Religionen in Eintracht und Freundschaft mit einander verkehren. Der Wohlthättgkettssinn bekundet sich hier aufs schönste. Namhafte Spenden werden gleich, indem die Anmeldungsliste vorgelegt wird, gezeichnet. Da leckere Mahlzeiten den ziemlich strengen Kurvorschriften ftrict zuwiderlaufen, so sucht sich das jüdische Herz nach dem Ausspruche des weisen Predigers ein immerwährendes Gastmahl zu bereiten und bekundet sich hier wieder von seiner besten Seite. Die reichen Israeliten zeichnen sowohl zum Besten der jüdischen wie der christlichen Wohlthätigkettsanstalten; ob es schon einem dieser Arier eingefallen, die jüdischen Hospitäler zu bedenken. weiß ich nicht. Viel wird über die Toilette der jüd. Damen gesprochen. Sie haben tte Parole: „L-ben und leben lassen." — Die hier zahlreich etablirten Wiener Industriellen, die mit hoher Regie arbeiten, meinen, daß sie gar nicht bestehen könnten, wenn sie die jüdische Kundschaft nicht hätten. Wem das Leben in der Großstadt durch das antisemitische Gekläff und Gezänk verleidet ist, der komme in unser trautes Waldstädtchen. Man sieht hier, daß es wohl möglich ist, daß die Menschen verschiedenster Nationalität und Confesston in Eintracht mit einander leben können. Es fehlen, Gott sei Dank, die Hchcapläne und Radaumacher, und wollen sie sich zeigen, man würde sie unbarmherzig auswetsen. Marienbads Quellen, Wälder, Fluren sind viel gerühmt worden, mehr aber noch zu rühmen ist die hier herrschende Toleranz, die Jeden nach seiner Weise selig werden läßt. J. B. in der „Oeft. Wschr."