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Der Israelit · 1894-07-12 · Heft 55 (12.7.1894) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 55 (12.7.1894)
Date
1894-07-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1019 gesagt. Wir Juden leiden unter der Thatsache, daß man die Vergehen Einzelner der Gesammtheit zur Last legt. Wir verweisen als Antwort darauf, daß es selbst unter den Päpsten einzelne Persönlichkeiten gab, deren Leben Anlaß zur Kritik bietet. Der Herr Staatsanwalt hat nicht daS Recht, dies als einen Angriff auf die Institution des gesammten PapstthumS zu bezeichnen, denn man darf die Gesammtheit nie für die Einzelnen verantwortlich machen. Herr Pfarrer Deckert habe, wie schon erwähnt worden, angeblich aus dem Talmud, tatsächlich aber aus Weber'S „Demokritos" einzelne theologische Curiositäten von der Kanzel herab den Zuhörern vorgeführt. Er erzählte angebliche Gehässigkeiten der Juden gegen Andersgläubige wörtlich aus „Demokritos", Band 5, Capitel X. Er hat bloß dabei die Worte: „Was ist alles das gegen den Fanatismus der Christenheit gegen die Juden?", die im „Demokritos" beigefügt sind, weggelassen. Eine bemerkenswerthe Encyklica des jetzt regierenden Papstes beklagt in rührenden Worten die zersetzende Kritik, mit welcher die deutsche Wissenschaft das Alte Testament unterzieht. Leo XIII. sagt, daß die Bibel des Alten Testaments die Grundlage der katholischen Kirche bilde. Bei uns in Wien werden die Erzväter, die Propheten, der Gesetzgeber Moses, der König David in der Kirche von der Kanzel herab in der unfläthigsten Weise geschmäht. Ich will davon schweigen, daß die kirchliche Oberbehörde den König David, den Sänger und Dichter der in der Kirche gebetenen Psalmen, straflos beschimpfen läßt, allein daß der Staatswalt derlei Angriffe auf das Alte Testament als die Grundlage der katholischen Kirche anstandslos passtren läßt, scheint bloß den Grund zu haben, weil damit auch die Juden getroffen werden. Der Antisemitismus macht immun gegen das Strafgesetz. Einen einzelnen Papst darf man keiner Kritik unterwerfen, aber die Erzväter und König David, welche Säulen der katholischen Kirche sind, darf man beschimpfen, weil damit ein Schlag gegen die Juden geführt wird. Der hohe Gerichtshof wird eine solche Rechtspraxis unmöglich gutheißen. Nach längerer Berathung entschied der Gerichtshof, daß dem Einsprüche stattgegeben werde. Der Gerichtshof fand, daß in dem incriminirten Artikel wohl Angriffe gegen einzelne Päpste enthalten seien, daß jedoch die Institution des Papstthums nicht angegriffen werde. Es sei ferner nicht das Ansehen der katholischen Kirche herabgesetzt, sondern nur Kritik an scholastischen Ausführungen geübt worden. Wien. Wie bekannt, hat der Herr Ministerpräsident seinerzeit namens der Regierung die Erklärung abgegeben, dieselbe habe keinen Grund und keine Veranlassung gegen den Weinhauser Pfarrer Deckert wegen dessen antisemitischer Hetzpredigten irgendwie einzuschreiten. Wahrscheinlich sicher gemacht durch diese Erklärung, hatte Deckert es in letzter Zeit unternommen, diese acht „Conferenzreden" eine nach der anderen im Drucke erscheinen zu lassen. In der That blieben auch die ersten vier „Conferenzreden" von der Behörde unbeanstandet; allein die fünfte, die vor einigen Tagen im Drucke erschienen, wurde von dem von Herrn Deckert nicht vorhergesehenen Schicksale erreicht und wegen des durch sie begangenen DelicteS der Aufreizung gegen eine gesetzlich anerkannte Religionsgenossenschaft nach § 303 St -G. und wegen des Verbrechens der Religionsstörung, begangen durch Gotteslästerung nach § 122 a St.-G. vom Staatsanwalte confiscirt. Das hiesige Landesgericht hat die Beschlagnahme bestätigt, das Verbot der Weiterverbreitnng ausgesprochen und auf Vernichtung der saistrten Exemplare erkannt. Italien. Mailand, 7. Juli. Die Pariser antisemitische „Ltbre Parole" hat sich bemüßigt gefunden, m behaupten, daß Caserio, der Mörder Carnot's, jüdischer Herkunft sei. Zum Beweise führt ste auch den früheren Rabbiner von Mailand, Ariani, an, welcher erklärt haben sollte, die Beschnetdung Caserio's vorgenommen zu haben. Demgegenüber erklärt nun Herr Ariani im heutigen „Corriere della Sera", daß die Erzählung des Pariser Blattes absolut erfunden sei, daß er weder dergleichen Erklärungen abgegeben, noch daß je der Mailänder jüdischen Gemeinde eine Familie Caserio angehört habe. Die hiesigen Blätter regisiriren die Behauptungen des Pariser Hetzblattes zur Belustigung ihrer Leser; und ste dürfen dies auch, denn bis hierher, zur Ehre des italienischen Volkes sei e8 gesagt, ist der Antisemitismus noch nicht gedrungen und der Zweck der einfältigen Erfindung der *8. P." ist dem hiesigen Publikum ganz unverständlich. > Vermischtes. Mainz, 10. Juli. Dem in Nr. 49 gebrachten Bericht, über einen neuen Niederlegungsapparat beim Schächten ist noch Folgendes nachzutragen: Der betreffende Apparat wurde von mehreren Sachverständigen und von geprüft, und als sehr praktisch und empfehlenswerth anerkannt. Vermittels dieses Apparates ist ein Mann ohne große Kraftanstrengung km Stande, das schwerste Stück Vieh binnen zwei Minuten ganz sanft niederzulegen, und ist besonders das Festhalten des Kopfes originell und praktisch. Der Apparat ist vom Erfinder Herrn Lehrer S. Frank wohnhaft zu Ortenberg in Oberheflen, (der Reich-Patent darauf nachsucht) um den Preis von M. 100 in solidester, dauerhafter nach den neuesten Construktionen gefertigten Arbeit ausgeführt, zu beziehen. Gailittgen, 28. Juni. Schon wieder ist einer der edelsten unserer Gemeinde uns entzogen, den wir heute Mittag in den kühlen Schoß der Erde gebettet; denn unser treuer Gemeindebürger Maier Veit Weil ist nicht mehr. Bereits vier Jahre von einem schweren Leiden heimgesucht, hauchte er seine reine, gottergebene Seele am vergangenen Dienstag aus. Nie hörte man während seiner LeidenSzeit ein Klagen und Seufzen, stets gottergeben ertrug er seine Schmerzen. Zwölf Jahre lang Verwaltungsmitglied der hiesigen jüdischen Gemeinde und Vorsteher mehrerer Vereine, war er stets bestrebt, die Jntressen derselben in geeigneter und würdiger Weise zu vertreten. Glücklich in allen seinen Unternehmungen, streng reell und ehrlich in seinem geschäftlichen Verkehr vergaß er niemals der Armen und Bedrückten. Und darum war er auch beliebt bei Juden und Christen. Im gleichen Sinne erzog er auch seine Kinder. 2 Tochter und 5 Sohne, die nun mit der betrübten Mutter ihre- Oberhauptes beraubt sind und klagend die Bahre des geliebten Vaters und Gatten umstehen. Sein Ableben hat eine allgemeine und gerechtfertigte Trauer hervorgerufen, wovon die heutige Beerdigung beredte- Zeugnis ablegte. Möchte diese Theilnahme die trauernde Familie in ihrem Schmerze trösten und aufrichten! Weilt er auch nicht mehr in unserer Mitte, so lebt sein Andenken doch stets in unserem Herzen als ein gesegnetes fort und fort. Der Regierungsrath v. Bitter in Oppel« veröffentlicht die folgende Mittheilung: „Dem Primaner Curt Frankel in Neustadt O. S, welcher am 30. Dezember v. I. den aus dem Niedermühlteiche mit dem Eise eingebrochenen Webersohn Franz Grebel daselbst vom Tode des Ertrinkens gerettet hat, wird in Anerkennung der hierbei bewiesenen

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