Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 55 (12.7.1894)
- Date
- 1894-07-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXV, Jahrgang. M\ 55. Der Israelit. Kentrat-Hrgan für das orlhodore IudeWüm. Begründet von vr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 12. Juli 5654 (1894). Leitender Artikel. Sprüche der Jäter. Fünftes Buch. XXI. Mainz, den 11. Juli. Zu dem Spruche: nyn» hy dVij6 *a njn hti .'n wn by\ hup „Böses Gethier kommt in die Welt, wegen vergeblichen Eides und wegen Entweihung des Gottesnamens", der schon der Gegenstand unserer jüngsten Betrachtung bildete, haben —wir noch eine andere Erklärung für nothwendig erachtet. Der Mißbrauch des Eides und die Entweihung des Gottesnamens sind leider sehr häufig in unserer Zeit, aber die reißenden Raubthiere sind es nicht. In unseren Gegenden sind sie fast nicht vorhanden. Erwägt man noch, daß wie bereits bemerkt, die Gemara auch für na» W>n, für die Entweihung des Sabbat, dieselbe Calamität als Sühne bezeichnet, so steigert sich noch die angedeutete Schwierigkeit. Die Entweihung des Sabbat hat heute doch leider Dimensionen angenommen, die geradezu erschreckend sind. Man kann große, jüdische Gemeinden heute finden, in welchen der Sabbat oft nicht von einem Einzigen so geheiligt wird, wie es das Gesetz vorschretbt. Nicht nur daß das geschäftliche Leben und Treiben nicht durch den Sabbat unterbrochen wird, auch ohne Rücksicht auf den Erwerb, durch bloße Genüsse und Vergnügungssucht wird der Sabbat vielfach entweiht. Selbst in den Gotteshäusern schreckt man vor der Profanisirung dieses heiligen Bundeszeichens nicht mehr zurück und eine zweite und dritte Generation hat sich in diesen Jammer bereits so hineingelebt, daß man ihn vielfach sogar als Fortschritt preist. Es ist schon wahr, daß diese fortgesetzt geübte Profanisirung des Allerheiligsten derart verwildernd und verthierend wirken muß, daß der Mensch selbst zum reißenden Thier degradirt wird, wie dies ja auch von einzelnen Erklärer« in der That als Sinn dieses Ausspruchs bezeichnet wird. Aber die Wahrheit dieser Thatsache auch zugegeben, schien sie uns doch ohne dem Wortsinn Zwang anzuthun, nicht in unserem Ausspruch enthalten zu sein, weshalb wir noch eine andere Erklärung folgen lassen. Wir haben in unserer jüngsten Betrachtung njn rrn der gewöhnlichen Auffassung entsprechend mit „reißendem Raubthier" wiedergegeben. In Wirklichkeit heißt njn rrn wörtlich „böses Gethier." Man denkt dabei gewöhnlich allerdings an die großen und blutdürstigen Raubthiere. Aber ob diese Thiere wirklich die stärksten und bösartigsten sind, wie man leicht zu glauben geneigt ist, dürfte doch erst fkstzustellen sein. Eine eingehende Untersuchung führt zum Gegentheil und stellt die überraschende Thatsache fest, daß bei kleinen Thieren die Körperkraft verhältnißmäßtg ganz ungewöhnlich größer ist als bei großen. Für den oberflächlichen Blick unterliegt es z. B. keinem Zweifel, daß ein Pferd stärker ist als ein Heuhüpfer. Wenn ich aber genau feststellen möchte, wer von beiden verhältnißmäßig mehr Muskelkraft hat, dann komme ich zu einem anderen Resultat. Das Pferd kann allerdings mit einem Satze zwanzig Fuß weit springen, während der Heuhüpfer nur zwei Fuß weit hüpft. Aber die Springmuskeln des Pferdes sind vielleicht zw eihundertmal stärker als die des Heuhüpfers. Wenn dieser also zwei Fuß weit springt, so müßte jenes 400 Fuß weit springen, wenn es dieselbe Muskelkraft entfalten wollte. Will man einen richtigen Maßstab zur AbsäMung der Muskelkraft beider Thiere haben, ,Nmuß man die eigene Körpergröße als Norm anMUnen. Nehmen wir an, ein Pferd bewältige in e«em Satz eine Entfernung von 20 Fuß, so hat einen Sprung gemacht, der 3—4 mal so groEjt als es selbst. Wenn der Heuhüpfer aber zwWFuß mit einem Satz bewältigt, so repräsentirt dWr Sprung viel-