Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 52 (2.7.1894)
- Date
- 1894-07-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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so jäh Entrissene in jenen lichten Höhen, wohin seine edle Seele gestiegen, ein iw yba sein, für seine schwergeprüfte Familie und für uns, die so ernst und tief um ihn trauern und sein Andenken stets hoch halten werden 71222^ pn* 221! Oester r.-U ngar. Monarchie. Budapest. Eine interessante Gerichtsverhandlung fand am 14. v. M. vor dem Geschwornengerichte dahier statt, dessen Vorgeschichte in die Zeit des diesjährigen Katholikentages in Budapest zurückgreift. Damals hatte sich das Gerücht verbreitet, daß „die rothe Fahne" des SocialismuS gegen ,Hie schwarze Fahne" der Katholikenversammlung demonsttiren werde. Auf Grund dieses Gerüchtes vergönnte sich der Redacteur des clericalen „Magyar Allem“, Emil Szemnecs, in seinem Blatte unter dem Titel: „Die rothe und schwarze Fahne" einen heftigen Ausfall auf die Regierung, welche den kirchenpolitischen Kampfangeblich auf die Straße tragen wolle, und fuhr fort: .Auch hierauf haben wir eine Antwort. Für welche Demonsttation immer machen wir die Israeliten verantwortlich, da sie die Socialisten führen; sie führen den Zeitungskrieg gegen die Katholiken, weshalb denn auch, wenn sie uns angreifen, dies als Zeichen dafür dienen werde, daß am Vorabende des St. Vincenz-Tages, d. i. am 21. Januar, in jedem Dorfe des Landes auf einmal die Demonstrationen gegen die alleinigen Urheber des heutigen ReligionSkrieges, die Juden, beginnen, und zwar nicht sporadisch, sondern auf einmal. Das ungarische Volk hat die 1883er Melodie noch nicht vergessen, und es wird die Art und Weise finden, wie statt der Kirchenpolitik die Judenfrage auf die Tagesordnung gelange. In dieser Frage werden alle Christen übereinstimmen." In Folge dieser Aeutzerungen erhob die königliche Oberstaatsanwaltschaft gegen Emil SzemnecS die Anklage wegen Vergehens der Aufreizung gegen eine ReligionSgenossenschaft, worüber, wie erwähnt, am 14. v. M. verhandelt wurde. In seinen Ausführungen sagte der Vice-Staatsanwalt Dr. Kuszka, der Antisemitismus müsse als eine der bedauerlichsten Verirrungen des menschlichen Geistes angesehen werden. Er stehe im Gegensätze zu den richtunggebenden Ideen unserer Zeit, die Tendenz desselben sei eine zerstörende und aufwühlende, weshalb denn auch die untersten Schichten unseres Volkes aufgeklärt werden müssen. Es sei müßig, die Irrlehren des Antisemitismus vor hauptstädtischen Bürgern widerlegen zu wollen, vor jenen Bürgern, tste ja in der Rechtsgleichheit aufgewachsen. „In Frankreich," sagte der Klagevertreter, „hat diese Verirrung vor Jahrhunderten die Schrecken der Bartholomäusnacht zur Folge gehabt. Hier bezweckt sie die Zerstörung des großen und hehren Werkes, welches ein Szöchenyi und Drück im Interesse der Sicherung der Civilisation errichtet haben. Es geht nicht an, die Anfachung der religiösen Unduldsamkeit im letzten Decennium des XIX. Jahrhunderts ruhig zu dulden. Der Angeklagte machte nicht die Socialisten, sondern die Juden für die Demonstration verantwortlich und kündigte an, daß am 21. Januar die Demonstration gegen die Juden losgehen werde. Seit Bestand des Schwurgerichtshofes ist nicht so deutlich gehetzt und aufgereizt worden, wie dies der Angeklagte gethan. Er wollte seinen Lesern die Meinung beibringen, daß die Juden den Religionskrieg hervorgerufen haben; er stellte diese Confesston, eine Handvoll Menschen, in gehässiger Weise den anderen gegenüber, um auf die Gemüther der unteren Volksschichte in verderblicher Weise einzuwirken. Wäre es ein Wunder, wenn das Bauernvolk, in welchem das Gift der Judenhasses noch vorhanden ist und nun hört, daß die Handvoll Juden seine Religion angreife, die Krawalle UNd Grausamkeiten vom Jahre 1883 wiederholt? Der Angeklagte wollte die Gemüther aufreizen, wiewohl er ganz gut wußte, daß seine Verdächtigungen grundlos seien, und daß die Juden weit davon entfernt sind, die Socialisten zu führen. Er wollte die Wiederholung der beschämenden Vorgänge, die sich bei den blutigen Judenkrawallen im Jahre 1683 in den Comitaten Zala und Somogy abgespielt haben." Schließlich gab der Staatsanwalt der Hoffnung Ausdruck, die Geschworenen würden nicht zugeben, daß der innere Friede der Bürger dieses Staates ungestraft gestört werde, sondern einen solchen Versuch mit einem Schuldspruche gebührend belohnen. Der Angeklagte vertheidigle sich selbst. Er behauptete, die Regierung habe mit ihren kirchenpolitischen Vorlagen die Gemüther der zehn Millionen Katholiken in der brutalsten Weise verletzt. Gegen diese Angriffe werden er und seine Freunde jederzeit mit der Feder und wenn nöthig, auch mit dem Schwerte kämpfen. Die jüdische Religion sei vom Staate nicht anerkannt, mithin könne gegen die Juden gar nicht einmal das Vergehen der Aufhetzung begangen werden. Die Gefchwornen verneinten die Schuldfrage der Aufreizung mit 6 Rein gegen 6 Ja, worauf Szemnecs sreigesprochen wurde. > Vermischtes. < (Im Coupö erster Classe.) Der Moniteur für KalkSburg und Umgegend erzählt eine „wahre Geschichte", die sich in einer Wagenabtheilung erster Ctaffe auf der Südbahn abgespielt hatte. Ein Herr und eine Dame mit „gebogenen Nasen" sollen sich über einen geistlichen Reisegefährten, über dessen Tonsur, Brevier, Schuhe rc. lustig gemacht haben, wurden aber „sprachlos" vor Entsetzen, als dann in einer Station ein „hochgewachsener, schwarzer Herr mit ernst r Miene" einstieg u»d den Moniteur für Kalksburg und Umgebung herausnahm, in den er sich vertiefte. Diese „wahre Geschichte" ist schon sehr alt; wir sind ihr fast in jedem Antisemitenblättchen begegnet. Neu ist nur ihre Verlegung in ein Coupe erster Classe, da ihr Schauplatz bisher stets die Pferdebahn oder der Stellwagen war. Geistesverwandt mit dieser Erzählung sind auch die Meldungen von den alten Juden, die jungen Mädchen Zöpfe abschneiden wollen, aber durch brave Austräger antisemitischer Zeitnngen verscheucht werden; von feisten Jüdinnen, welche Nonnen in der Nähe einer antisemitischen Schriftleiterei auf die Hühneraugen treten, ohne „Pardon" zu sagen; von dem frechen semitischen Commis, der einer hübschen arischen Blondine mit der impertinenten Aufforderung nahezutreten wagt: „Lesen Sie das „Tagblatt“!, aber mit der herrlichen .Antwort abgefertigt wird: „Ich bin ein anständiges Mädchen und lese nur die Volkscloake oder die Schundschau." So wird das Nützliche mit dem Angenehmen gepaart, die Judenhetze mit der Reclame für das eigene Geschäftsunternehmen lieblich verbunden. Der dumme Kerl, auf welchen man es abgesehen hat, liest das und glaubt wirklich, eine wäre Geschichte vernommen zu haben. „Unseren Leuten können wir Alles bieten", sagteein geriebener Anführer der Antisemiten, und die Organe dieser sauberen Gesellschaft liefern fast täglich Belege dafür, daß sie ihre Pappenheimer kennen. MT* Neu eingetretene Abonnenten erhalten die Anfänge der Erzählung „EsterkaS auf Wunsch in Buchform gratis nachgeliefert. Expedition de« „Israelit.“