Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-06-28 · Heft 51 (28.6.1894) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 51 (28.6.1894)
Date
1894-06-28
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448457--38802-2486924
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXV. Jahrgang. Weite Beilage M M 51 des „Israelit". Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. L. H. Berlin, 20. Juni. Täglich rufe ich mir die freudigen Erinnerungen zurück, welche mir während meines zweitägigen Aufenthaltes in A hle m bei Hannover die Brust schwellten, das Herz erhoben. Schon öfter ist der großartigen Schöpfung des Herrn Consul Simon in diesen gesch. Blättern Erwähnung geschehen. Aber was vermögen alle glänzenden Schilderungen gegen den gewaltigen Eindruck, den der Anblick der israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem gewährt. Nicht soll cs meine Aufgabe sein, auch bin ich nicht dazu im Stande, die ganze Art der Einrichtung, das fröhliche Treiben der Ktnderschaar zu schildern, denen mit dem Eintritt in die Anstalt der Kummer urd die Noth fern liegen und nunmehr die Freuden der Jugend und des sorgenlosen Lebens aus vollem Kelche trinken. Was mir die Feder in die Hand drückt, und worauf ich die Aufmerksamkeit aller derer, die Sinn und Verständniß für die Traditionen des Judenthums haben, lenken möchte, ist das wahrhaft herzerhebende Bild echter Religiosität, das uns hier entgegentrltt. Für diejenigen, für die die Worte Mensch und Jehudi eine wirkliche Bedeutung haben, wird es eine Erquickung und Labung sein, einen Tag dort verbracht zu haben. Hier merkt man es den Erziehern an, mit welch' heiligem Ernst sie ihre Aufgabe auffaffen, um echt jüdischen Geist in die Kinderseelen zu verpflanzen, der ihnen einst im Gewühle der Welt, in dem täglichen Berufe als Gärtner, Tischler, Schmied oder Bäcker eine mächtige Stütze bieten wird. Hier kommt das Wort pM -pn Dy nun zur vollen Geltung und Bedeutung. Als vor 14 Jahren so viele unserer armen russischen Glaubensgenossen heimathlos geworden waren, wollte man den unschuldigen Kleinen, die vom Vater- und Mutterherzen fortgerissen wurden, eine zweite Heimath hier begründen. Aber welches war die erste That jenes Mannes, der die Triebfeder dieses edlen Werkes ward Das nisis ym« und die vton wurden den Kindern fortgenommen. Und in Ahlem d Da sehen Begründer und Erzieher ihren Ruhm und ihren Stolz darin, daß kein Kind ohne Erinnerungszeichen umhergehe. Da gibt es keine h. Vorschrift, die bei der täglichen Arbeit und Beschäftigung auch nur einen Augenblick außer Acht gelassen würde. Da wird früh und spät das gemeinsame Gebet verrichtet, da gibt es keine Mahlzeit, bei der nicht vorher und nachher der Segen gesprochen würde. Mit welcher Weihe und Heiligkeit wird dort der Sabbat begangen! In lichtvoller Gestalt lernt daS Kind das Kleinste wie das Größte mit wahrhafter Freude, mit innigem Behagen üben. So wird die Anstalt zu einer ersten und rechten Pflanzstätte jüdischen Lebens, zu einer hochragenden Felsenmauer, an der einst die Brandungen der schmählichen Bewegung, daß der Jude nur zum Handel, aber nicht zum Handwerk neige, zerschellen werden. Herrn Consul Simon aber rufen wir zu: by 22-, r6s -pv'2 nifcnu "pm pna nny> nos nm — Greife durch und fahre fort trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten zu dem erhabenen Ziele hin, und Deine Rechte zeiget Dir Wunderbares. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wieu, 19. Juni. Die" in Kürze bereits erwähnte Kundgebung des österreichischen Ministerpräsidenten Fürsten Windischgrätz7über den Antisemitismus Zhat allenthalben bei uns einen tiefgehenden Eindruck hervorgebracht. Eine Abordnung des katholischen Lehrerbundes für Oesterreich war beim Ministerpräsidenten erschienen, um demselben die Satzungen des Vereins zu überreichen. Der Fürst lenkte mit unverkennbarer Absichtlichkeit daS Gespräch auf den Antisemitismus und äußerte fnach einem als authentisch angesehenen Bericht den „Wunsch, daß die Mitglieder des Vereins innerhalb ihres beruflichen Wirkungskreises auf die Erhaltung und Beförderung des konfessionellen Friedens und die Pflege der christlichen Nächstenliebe bedacht sein und sich von antisemitischen Bestrebungen fernhalten möchten," worauf die Delegirten erklärten, „daß der katholische Lehrerbund ohnehin der antisemitischen Bewegung durchaus fernstehe." Dieser Kundgebung hat das „Vaterland", das Organ des Grafen Hohenwart, das früher selber des Oefteren ziemlich stark in Antisemitismus gemacht, seit geraumer Zeit aber eine gemäßigtere und besonnenere Richtung eingeschlagen hat, wiederholt präludirt. Das „Vaterland" kam, just weil eS eine gemäßigtere Richtung eingeschlagen, in die Lage, sich mit den journalistischen Vertretern des „Rasten"- sowie des „Geschäfts-Antisemitismus" fortgesetzt herumbalgen zu mästen. ES that dies in der ihm eigenthümlichen schneidigen und strammen Art und theilte Hiebe aus, die kaum wuchtiger gedacht werden können. Damit war aber nicht viel erreicht. Mit derartigen Anzeichen allein wäre indeß praktisch ein nennenswerther Erfolg nicht zu erzielen gewesen. In diesem Bedacht ist die nachstehende ReminiScenz außerordentlich lehrreich: ES wurde seiner Zeit von glaubhafter Seite erzählt und niemals bestritten, daß Kaiser Franz Joseph zum verstorbenen Wiener Kardinal Fürsterzbischof Dr. Ganglbauer bei einer Andienz gesagt habe: „Der Antisemitismus ist weder vom humanen noch vom staatlichen, noch vom christlichen Standpunkt aus zu verstehen oder zu entschuldigen." Dieses ebenso schöne wie würdige Kaiserwort fand aber nicht die gebührende Verbreitung, noch weniger ward es beherzigt, und es gerieth in Bergeffenheit Ob dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.