Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 49 (21.6.1894)
- Date
- 1894-06-21
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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912 P tarschulen wieder sind besser daran als die Reltgionsschulen, da erstere unter der Aufsicht der Regierung stehen, während sich um die letzteren Niemand, außer vielleicht einem Vorstandsmitglied (!!) kümmert. Die natürlichsten Beschützer uud Jnspectoren dieser Schulen, die zuständigen Rabbiner, kümmern sich blutwenig um die isr. Religionsschulen und zeigen kein Herz und kein Interesse für dieselben. Wo sollen diese Herren auch die Zeit dazu finden? Gibt es doch Rabbiner, die wöchentlich 30 Religionsstunden die selbstredend extra honoriert werden, ertheilen, und die froh sind, wenn das Amt als Rabbiner keine allzugroßen Zeitopfer von ihnen verlangt. Welches Interesse kann bet so angestrengten Rabbinen für die Reltgionsschulen der Landgemeinden erwartet werden? Ja, wir sagen nicht zu viel, wenn wir behaupten, daß es im Großherzogthum Hessen z. B. Religionsschulen gibt, die seit zwanzig Jahren nicht inspiziert worden find; es gibt solche, deren Existenz dem Rabbiner unbekannt ist. Die Leistungen der Reltgionsschulen hängen demnach nur von der Gewissenhaftigkeit des Religionslehrers ab, der sein eigner Herr ist. Bei welcher Confesston befinden sich ähnliche Zustände? Bei welcher Confesston trifft man einen ähnlichen Jndifferentismus? Wir gehen noch weiter. Wir behaupten, es giebt leider israelitische Eltern, die alles daran setzen, die eignen Kinder fern zu halten von allem was an die isr. Religion und an das Judenthum erinnert, denen der Umgang mit israelitischen Kindern für ihre Kinder nicht passend erscheint, die den isr. Religionsunterricht am liebsten vom Pfarrer ertheilen ließen, weil er dann nicht so specifisch jüdisch wäre!! Die der isr. Schule am treuesten bleiben, das sind die einfachen, weniger gut sttuirten Juden, die noch keine Fühlung haben mit Commerzienraths und Geheimraths, deren Töchter und Söhne noch nach jüdischen Grundsätzen erzogen werden. Die isr. Schule, die Religionsschule unserer Tage leistet gar nichts. Kaum findet man, daß die Schüler, die religiös volljährig sind, hebräisch richtig und fließend lesen können. Ein Studium des Pentateuchs und seiner Erklärer, des Chaje Odom, Mizwas haschem etc. etc. findet man in keiner Religionsschule,ausgenommen vielleicht in denen der großen orthodoxen Gemeinden Frankfurt, Berlin etc. Wenn die Leistungen unserer Schulen auf solch niedriger Stufe stehen, so ist es unsere Pflicht Besserung zu erstreben, daß nicht nur in großen Gemeinden unsere Jugend in unserer heiligen Sprache und Religion unterrichtet werde, sondern auch in jeder kleineren Gemeinde eine Stätte sich befinde, an welcher unsere heilige Sprache und Religion gepflegt werde. Man machte vor noch nicht gar zu langer Zeit der früheren isr. Religionsschule, dem sog. Cheder, den Vorwurf, sie sei nicht zeitgemäß, pflege den Unterricht nach veralteter Methode etc. etc. Und doch wie viel mehr leistete das so geschmähte Cheder mit seinem nach alter Methode ertheilten Unterricht als unsere heutige Reltgionsschule mit ihrem auf wissenschaftlicher Pädagogik begründeten Unterricht. Im Cheder half die Liebe zur Sache alle Schwierigkeiten überwinden, in der Religionsschule schafft die Gleichgültigkeit der Eltern und Schüler ernstliche Schwierigkeiten bei den leichtesten Dingen. Der Geist des Judenthums wohnt nicht mehr in der Religionsschule, seitdem das Judenthum selbst von einem fremden Geiste beherrscht wird. Dieser, dem Judenthum feindliche Geist, das ist der Jndifferentismus, das Kokettieren mit dem sogenannten „Christlich-Germanischen." Das ist der Geist, der in unsere Schulen nicht eindringen darf, gegen dessen Eindringen sich die isr. Schule mit aller Macht wehren muß. Die isr. Schule darf ihr hohes Ziel nicht aus den Augen verlieren. Sie ist die Pflanzstätte, aus welcher unsere Zukunft ersteht, sie ist der Pfeiler, auf welchem unsere Hoffnung ruht und darum rufe ich allen Glaubensgenossen zu: Heget und pfleget unsere Schule, schirmet und zieret sie, die unsere Jugend bildet, dann erst darf Israel eine goldene Zukunft erwarten. Mus Skudk und Duud. Mainz. Einen interessanten Blick in die Lage des Volksschulwesens in Heffen-Darmstadt gewähren die neuesten statistischen Nachweise betr. Rubrik „Volksschule". Nach denselben befinden sich zur Zeit im Großherzogthum im ganzen 993 einfache Volksschulen, 25 erweiterte Volksschulen, 58 Privatunterrichtsanstalten und 906 Fortbildungsschulen. Nach dem Bekenntnisse zerfallen die einfachen Volksschulen in 880 gemeinsame und 113 konfessionelle Schulen — 53 evangel., 57 kathol. und 3 isr. — Die Privatunterrichtsanstalten zählen 40 gemeinsame u. 14 confesston. Schulen— 6 evang., 8 kath. u. 4 isr. — Nach dem Geschlechts zerfallen die einfachen Volksschulen in 911 ganz gemischte, 52 zum Theil gemischte und 30 ganz getrennte, die erweiterten Volksschulen in 11 gemischte, 7 für Knaben und 4 für Mädchen, die Privatunterrichtsanstalten in 15 gemischte, 12 für Knaben und 3 für Mädchen. Bei den einfachen Volksschulen gibt es 520 einklassige, 249 zweiklasstge, 115 dreiklassige, 58 vterklasstge und 51 mehrklasstge. Bei den Fortbildungsschulen gibt es 761 einklassige, 92 zweiklasstge und 53 drei- und mehrklasstge. In 380 Gemeinden wird Schulgeld erhoben, in 613 nicht. An den einfachen Volksschulen wirken 2423 Lehrkräfte —