Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 49 (21.6.1894)
- Date
- 1894-06-21
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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908 wie insbesondere für die gesammte Judenheit heilsamen Bestrebungen zu unterstützen. Die Zahl der Mitglieder hat um 40 zugenommen. Dem Sechsten Jahres-Bericht des Landesvereins zur Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogthum Baden entnehmen wir: Die Anforderungen, die an unfern Verein gestellt werden, sind in steter Zunahme begiffen. Bon den 50 Waisen, die sich zu Anfang v. I. in unserer Fürsorge befanden, sind im Laufe desselben 4 ausgetreten und 18 wurden neu ausgenommen. Von diesen 64 Kindern (35 Knaben und 29 Mädchen) sind 26 in Pflege bei dafür geeigneten Familien untergebracht, während 37 sich gegen Zahlung eines ErziehungsbetrageS bei Verwandten befinden. Ein Waisenknabe erlernt unter der Fürsorge beS Vereins zur Verbeitung des Handwerks unter den Israeliten in Karlsruhe und mit der Unterstützung des gleichen Zwecken dienenden Vereins in Mannheim und unseres Waisenvereins daS Handwerk eines Buchbinders in Karlsruhe. Für 7 Kinder erhalten wir von ihren Heimatbehörden oder Verwandten Zufchüffe zu den für sie zu leistenden Verpflegungskosten. Während von den jetzt in unserer Fürsorge sich befindenden Waisen 6 aus derselben entlasten werden, liegen uns bereits wieder Gesuche um unsere Unterstützung in 2l Fällen vor. Diese sich häufenden Gesuche bezeugen die Nothwendigkeit und wohlthätige Wirksamkeit unseres Vereins und empfehlen angelegentlichst dessen Förderung und Unterstützung. Dankbar haben wir anzuerkennen, daß die große Mehrzahl der Mitglieder, die dem Verein bei seiner Begründung beilraten, ihm treu geblieben sind und daß vielfach bet freudigen und traurigen Veranlassungen seiner gütigst gedacht wird. Ebenso sind zu den ihm gewidmeten Stiftungen wieder drei neu hinzugetreten. Aber Angesichts der jährlich steigenden Ausgaben unseres Vereins haben wir die Pflicht, rechtzeitig alle Freunde unserer Bestrebung aufzufordern, daß sie uns helfen, stets allen an uns herantretenden dringlichen Anforderungen gerecht werden zu können. Noch giebt es in Stadt und Land zahlreiche bemittelte Glanbensgenossen, die unserm Vereine fern stehen und nicht hinreichend über seine Wirksamkeit unterrichtet sind. Oft bedarf es in einer Gemeinde nur des entschiedenen Eintretens eines armen Freundes der Waisenhilfe, um unserm Vereine neue Mitglieder und Mittel für seine Zwecke zuzuführen. Wieviel auf diesem Gebiete noch zu wirken ist, das hat die Thätiqkeit des Bezirksausschusses in Offenburg gezeigt, der eine Anzahl neuer Mitglieder für uns geworben und die Gewinnung weiterer Aussicht gestellt hat. Wir empflehlen sein Bei'piel allen übrigen Bezirksausschüssen und bitten alle Mitglieder und Anhänger unseres Vereins, insbesondere die Vorstände der Gemeinden und deren Lehrer, für die Förderung unserer Bestrebungen angelegentlich sich zu bemühen, auch die bisher dem Vereine fernstehenden Angehörigen ihrer Gemeinden für ihn zu gewinnen und bei allen sich darbietenden Gelegenheiten die Zuwendung von Stiftungen, Spenden und Geschenken an ihn sreundlichst zu befürworten. Vermischtes. Köln, 1. Juni. Auf der Tagesordnung der jüngsten Stadtverodnetenversammlung stand auch die Bewilligung eines Zuschusses für den Bau einer neuen Synagoge. Der Antrag des Stadtverordneten Zilkens den Zuschuß der Stadt zu dem Synagogenbau auf 40,000 M. zu bemessen, wurde mit großer Mehrheit angenommen. <A«S dem Füllhorn antisemitischer Lügen!) Durch die antisemitische Presse machte neuerdings das Märchen die Runde, Baron Nathaniel Rothschild habe dem bekannten Wörishofer Pfarrer Kneipp für eine mehrwöchentliche Kur nur 50 Mark Honorar gezahlt. Auf Anfrage eines Teplitzer Fabrikanten bei Pfarrer Kneipp erhielt dieser nun folgende Antwort: „Wörishofen, 11. Mai 1894. Euer Wohlgeboren! Auf Ihr Geehrtes vom 8. d. M. die ergebenste Mittheilung, daß ich heute dem Herrn Prälaten den Inhalt Ihres Schreibens vorgetragen habe. Der Herr Prälat gab mir den Auftrag, zur Steuer der Wahrheit zu Ihrer Beruhigung und zur Abwehr ungerechter Angriffe Ihnen Folgendes mitzutheilen: Herr Baron Rothschild machte hier die Cur nach Anweisung des Herrn Prälaten Kneipp mit gutem Erfolge. Was der Herr Baron ihm gegeben, wird Niemand erfahren, wie überhaupt der Herr Prälat niemals von seinen Curgästen sagt, ob sie ihm viel oder wenig gegeben haben. Der Herr Prälat war mit dem, was er ihm gegeben, vollständig zufrieden. Zugleich muß noch erwähnt werden, daß der Herr Prälat von dem Herrn Baron sagte, er sei einer der bescheidensten Curgäste gewesen, der ihm die wenigste Zeit hinweggenommen und ihn öfters bat, er möchte ihm die Zeit bestimmen, wann es ihm am gelegensten wäre, mit ihm zu verkehren, und sich ganz genau nach der ihm bestimmten Zeit richtete, ängstlich vermeidend, ihn irgendwie zu belästigen oder ungelegen zu sein. Obwohl der Herr Baron eS sich verbeten, so muß auf diesen Fall doch angedeutet werden, daß in neuerer Zeit er einer der größten Wohlthäter der Kneipp'schen Stiftungen geworden ist. Der Herr Prälat bedauert sehr, daß dem Herrn Baron so unrecht geschieht, denn ihm sind als Curgäste alle gleich, weß Standes und Religion sie sein mögen. Er betrachtet den Kranken, sucht ihm zu helfen und will durchaus nicht, daß Jemandem Unrecht geschehen sollte. Im Aufträge des hochwürdigen Herrn Prälaten hochachtungsvollst Mfgr. Seb. Kneipp's Sekretariat." Wo bliebe die antisemitische Wühlerei ohne ihre Hauptwaffen: Lügen und Verleumdungen! Pflichtreue antisemitischer Abgeordneter. Aus der in den polit. Zeitungen veröffentlichten AbstimmungStabelle werden unsere Leser ersehen haben, wie leicht es einzelne der Herren Antisemiten mit ihren Pflichten als Volksvertreter nehmen. Wir nennen insbesondere die Abgeordneten Ahlwardt, Bindewald, Köhler, Dr. König und Leuß. Letzterer hat alle seine Collegen übertroffen: er fehlte bei sämmtlichen namentlichen Abstimmungen während der verflossenen Session. Dem Wahlkreise Eschwege-Schmalkalden kann man zu einem so würdigen „Vertreter" gratuliren. Lebensversicherungs-Gesellschaft zn Leipzig, auf Gegenseitigkeit gegr. 1830 (alte Leipziger). Es sind vom 1. Januar bis Ende Mai 1894 2446 Versicherungen über 18 432 200 M. beantragt worden, 1319 600 M. mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Als gestorben wurden in derselben Zeit angemeldet 312 Mitglieder, die mit 2 004400 M. versichert waren. Der VerstcherungSbestand stellte sich Ende Mai 1894 auf 60 000 Personen mit 415 Millionen M. Versicherungssumme. Bei der alten Leipziger Gestllschaft, die eine reine Gegenseitigkeitsanstalt ist, fließen alle Ueberschüsse den Versicherten wieder zn. Die Dividende der letzteren beträgt für die länger als 5 Jahre bestehenden Versicherungen im laufenden Jahre 42 °/0 der ordentlichen Jahresprämie und bei abgekürzten Versicherungen außerdem Vh % der Summe der gezahlten Zusatzprämien, was mit Rücksicht auf anderweite Auslassungen über diesen Punkt hier ausdrücklich hervorgehoben werden mag. Würde eine Dividende auf die Zusatzprämie nicht gezahlt, so wäre der Dividendensatz auf die ordentliche Jahresprämie noch wesentlich höher als 42°/0.