Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 48 (18.6.1894)
- Date
- 1894-06-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448454--38731-2486850- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
?H* 881 „Ha", rief er, „Jablowitz." Sofort erschien einer der Diener vor ihm. „Nehmt das Mädchen und führt es in das Vadehaus. Sorge auch, daß sie schöne Kleider und Schmuck erhält, du weißst ja in welchem Theile meines Schlosses du dergleichen finden wirst, und wenn alles erledigt ist, dann gebe mir Nachricht." „Ja, ja", rief Lubormtrsky, „so wollen wir es machen, aber dann Jan müßt Ihr sie auch hier zu uns her bringen laffen." Der Pan neigte seinen Mund zu dem Ohre seines Dieners hernieder. „Daß du dich nicht unterstehst, Jablowitz, sie wieder hierher zu bringen. „Du wirst sie verschließen, bis alle Gäste fort sind, und dann mag sie mich in meinen Zimmern erwarten." Jablowitz verbeugte sich vor seinem Herrn und führte das sich sträubende Mädchen von dannen. Draußen übergab er sie einigen Dienern, denen er den Befehl feines Herrn überbrachte und er selbst kehrte in den Saal zurück. „Was soll mit dem alten Juden geschehen, gnädiger Herr", fragte er den Pan. Rabbi Jehoschua, den man während dieser Scene ganz vergeffen, stand noch immer zitternd im Saal nnd neben ihm stand Jankel der Koch. Der Blick des jungen Gutsbesitzers fiel auf die Beiden. „Ach ja", sagte er, „man sollte ihn aufknüpfen, ihn und den Jankele, der so gröblich seine Pflicht verletzt hat." „Thut das nicht, Jan", rief Lubormtrsky. „Wie Ihr selbst sagt, ist Jankele ein so vorzüglicher Koch, wie man weit und breit keinen besseren finden kann und wir haben uns an Eurer Tafel auch schon des Oeftern davon überzeugt." „Nun denn, so mag der Jankele frei sein, wenn er es aber das nächste Mal wieder thut, laffe ich ihn peitschen. Den andern Juden bringe hinunter in das Verließ meiner Burg, ich will mir sein Schicksal bis morgen überlegen." Jankele und Rabbi Jehoschua verließen gemeinsam den Saal; Jablowitz, der von seinem Herrn schon wieder einen Auftrag bekommen hatte, blieb zurück und sogelang es dem Koch die anderen Diener zu überreden, daß sie den Rabbi Jehoschua ihm überließen, konnte er ja doch nicht entfliehen, da das Schloß bewacht wurde. Jankele zog den Rabbi mit sich fort aus dem Speisesaale. Rabbi Jehoschua wollte über das Loos seiner Tochter in Jammern und Wehklagen ausbrechen. Der weit weltgewandtere und schlauere Koch aber machte geltend, daß Jammern und Klagen zu nichts helfen, sondern daß man sich sammeln müffe, um zu überlegen, was in dieser schwierigen Lage zu thun sei. „Habt Ihr mir nicht erzählt, Rabbi", sagte Jankele, nachdem beide in dem entlegenen Zimmerchen des Kochs sich niedergesetzt hatten, „daß Eure Tochter mit einem Arzte namens Elischa verlobt gewesen lei, ehe Euch jenes Unglück am Rheine betroffen hat und Ihr flüchten mußtet?" „Ja, ja", entgegnete Rabbi Jehoschua, „das arme Kind hat einen Bräutigam, den es herzinnig liebt, aber schon lange vorher, ehe wir aus unserer Heimath vertrieben wurden, mußte der Bräutigam meines Kindes, der gelehrte und hochbegabte Arzt die Heimath verlassen. Er hatte schon bedeutenden Ruf erlangt und wurde auch oft zu Ntchtjuden gerufen, die sich seiner ärztlichen Kunst gerne anvertrauten. „Viele glücklichen Kuren hatte er gemacht und man wußte ihm wenig Dank dafür. Einmal aber hatte er das Unglück, daß das Kind eines Fürsten, der seine Residenz in Mainz hatte und sich einige Wochen des Sommers in Oppenheim aufhtett, zu dem er gerufen wurde, während der Behandlung immer mehr erkrankte und unter seinen Händen starb. „Der Fürst machte den Arzt für den traurigen Ausgang der Krankheit verantwortlich, und da gegen einen Juden alles erlaubt ist, so war es ihm ein Leichtes meinen zukünftigen Schwiegersohn verhaften zu laffen. „Und dabei deckte man auch Dinge auf, die ich nie gebilligt habe, die aber an und für sich doch nicht allzuschltmm waren, da sie keinerlei wirkliche Folge hatten. „Elischah, mein Neffe und zukünftiger Schwiegersohn pflegte des Nachts die jungen Juden des Ortes und der Umgebung um sich zu sammeln, um mit ihnen zu berathen, was zum Besten Israels geschehen könnte. Es war ihr Führer, aber sie haben nur Rath gehalten und niemals irgend eine Handlung begangen. Jetzt aber suchte man ihn auf diese Sache hin zu verurthetlen. Man wollte ihm einen Prozeß machen, wegen Aufrührerei und wegen Zauberei. „Nur mit Mühe ist es uns gelungen, ihm zur Flucht aus dem Gesängntß zu verhelfen und er hat sich, wie er mehrfach schrieb, hierher nach Krakau gewendet. „Er eben ist es, den ich aufsuchen wollte, ob es ihm nicht möglich wäre, mir hier ein bescheidenes Heim zu verschaffen." Jankele hatte mit mehr Eifer und Unruhe dem Rabbi zugehört, als es bet reiner Theilnahme an dem unglücklichen Geschick desselben der Fall hätte sein können. Jetzt richtete er sich auf und in großer Erregung fragte er Rabbi Jehoschua: „Sagt mir doch,