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Der Israelit · 1894-06-04 · Heft 44 (4.6.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 44 (4.6.1894)
Date
1894-06-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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813 Tagen keine Rede. Das Einzige, was den Weg von dem Acker unterschied, war, daß derselbe nicht bebaut war. Im Sommer, wenn die Sonne schien, verzehrte den Wanderer endloser Staub und sobald der Regen begann, konnte man nach kurzer Zeit bis an die Kniee in den Morast versinken. Schon nach einer Stunde war der Boden vollständig aufgeweicht und nur noch mit der schwersten Mühe gelang es den beiden Wanderern vorwärts zu kommen. Die Brust des alten Mannes keuchte; ein jeder Schritt schien ihm Schwierigkeiten zu verursachen. Und dennoch war es kaum denkbar, daß sie in diesem strömenden Regen auch nur ausruhten, denn weit und breit war kein Haus oder Obdach sichtbar und nicht einmal eine Höhle oder ein Unterschlupf durch überhängende Steine war auf dem flachen Lande, durch das sie wanderten, zu finden. Und dabei hinderte der Regen, der es unmöglich machte, auch nur einige Schritte weit zu sehen, daß sie sich nach den Zeichen richteten, die ihnen für den Weg gegeben worden waren. Und so wanderten und wanderten sie mit fast übermenschlicher Anstrengung. Die Nacht war bereits angebrochen und noch hatten sie keinen Unterschlupf gefunden. Rabbi Jehoschua stöhnte und jammerte. Mehr als zehn Mal war er schon kraftlos zu Boden gesunken und immer wieder hatte er sich mit dem letzten Rest der in ihm wohnenden Energie aufgerafft, um nicht im strömenden Regen auf freiem Felde zu liegen, wo er eine sichere Beute der umher schwärmenden wilden Thiere geworden wäre. Aber jetzt schieuen ihn die letzten Kräfte vollständig zu verlassen, so sehr er sich auch anstrengte, wie schwer sich auch seine Brust hob und senkte, um den Anstrengungen, die von dem Körper gefordert wurden, zu genügen, es war unmöglich; der alte Mann stand auf, um sofort wieder zusammen zu fallen. Esther war der Verzweiflung nahe. Sie stürzte sich neben ihrem Vater zu Boden und hob die Hände gegen Himmel auf. „Allmächtiger, allgütiger Gott," flehte sie, „der Du uns bis hierher geholfen, der Du uns bewahrt und errettet hast aus so vielen Gefahren, o hilf uns doch auch nur dieses Mal noch. Lasse uns nicht zu Grunde gehen in dieser Noth; rette meinen heißgeliebten guten Vater, zeige uns Hilfe, allgütiger Gott, zeige uns Hilfe!" Das junge Mädchen näherte sich wieder ihrem Vater, der starr und leblos dalag; sie schüttelte den alten Mann. „Vater"! rief sie, „geliebter Vater, hörst Du mich nichts" Der Greis aber gab keine Antwort; eine wohlthätige Ohnmacht hielt seine Sinne umfangen und ließ ihn die schreckliche Lage vergessen, in der er sich befand. Was sollte sie thun? Wie sich in dieser schrecklichen Noth helfen? O, daß doch Elischah bei ihnen gewesen wäre, der Geliebte! Er war ja so klug, so voller Muth und Thatkraft, er würde gewiß einen Ausweg in diesem Leiden gefunden haben. Was er wohl gethan hätte, wenn er in ihrer Lage gewesen? Und plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. Ueberall lag Holz und Reisig umher. Sie wollte h'er dem erkrankten Vater eine Hütte bauen, so weit sie es mit den Mitteln vermochte, die ihr zu Gebot standen und dann wollte sie weiter eilen und nicht ruhen und nicht rasten, als bis sie Menschen fände und die wollte sie fußfällig anflehen, daß sie sich erbarmten und mit ihr gingen, um den erkrankten Vater aufzusuchen und in Sicherheit bringen. Trotzdem auch ihr die Glieder schwer waren durch die ungewohnten Strapazen, die Nässe und die Kälte, gelang es ihr dennoch einige schlanken Aeste zusammenzutragen und so aufzurichten, daß sie mit aneinandergelehnten Spitzen sich gegenseitig aufrecht hielten. Sie bildeten den Grundstock des Zeltes, das sie über ihrem Vater errichten wollte. Dann entledigte sie sich selbst aller der Kleidungsstücke, die sie nur irgend entbehren konnte. Der Regen durchnäßte ihr nun das Hemd und glitt in großen Tropfen an ihrer Haut hernieder. Sie achtete es nicht. Galt es doch den Vater zu retten. Aber so sehr sie sich auch bemühte aus den Kleidungsstücken ein Zelt auszurichten, es gelang ihr nicht; immer wieder und wieder fielen die Stämmchen zusammen, wenn sie dieselben mit den nassen Kleidungsstücken beschweren wollte. Trotz der Nässe und Kälte perlte ihr der Schweiß auf der Stirne und vermischte sich mit den herniederrieselnden Regentropfen. Es gelang nicht, so sehr sie sich auch abmühte. Da erfaßte sie Verzweiflung. Sie stürzte auf die Kniee nieder und begann krampfartig zu weinen und zu schluchzen. Sie schrie auf; furchtbar und jammervoll. Wohl wußte sie, daß sie Niemand hören konnte. Sie schrie, um ihrem verzweiflangsvollen, gepreßten Herzen Luft zu machen, sie schrie, wie ein Kind, ohne zu wissen warum, nur den Eingebungen ihres Schmerzes folgend.

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