Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 43 (31.5.1894)
- Date
- 1894-05-31
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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799 sorgnisse Esthers um der größeren Kinder ablenken — da hielt er mitten in der Rede inne. — Sein scharfes Auge hatte ferne, noch von dem Halbdunkel abgegrenzt, zwei eilend näher kommende Schatten bemerkt. — Es waren die Erwarteten. Esther unterdrückte einen Freudenschrei, um das schlafende Kind nicht zu wecken. Während Wolf sich ermüdet an die Seite Joels niedersetzte, erzählte Minna mit fliegendem Athem, daß sie bemerkt habe wie ihr Vater an der Ecke des Vondörfer'schen Hauses auf sie gewartet hätte, sie wären aber rasch seitwärts zur Landstraße geeilt und als Minna wahrnahm, daß der Vater ihnen Nachfolge, schlugen sie scheinbar einen Weg ein, der wieder zum Hause führe, und versteckten sich in ein hochstehendes Kornfeld. Als sie ihren Verfolger an sich vorbeieilen sahen, hätten sie rasch auf Umwegen wieder die Landstraße zu erreichen gesucht und dadurch wäre diese Verspätung verschuldet worden. Hoch hob sich die Brust des Mädchens, als wäre es von einem Alp befreit, das auf ihm bisher gelastet. Wolf drückte schweigend die Hand seines Oheims, als wollte er seine Freude über die glücklich bewerkstelligte Flucht bekräftigen. Joel Lemberger richtete sich hoch auf, zum Zeichen des Abschiedes; weinend reichte Esther ihm die Rechte. „Du siehst, Esther, daß es Gott so haben wollte, es ist dahin gekommen — der Vater verfolgt seine Kinder, die ihn meiden müssen, weil es sie zur Mutter zieht, zu der sie sprechen wie Ruth zu Noami: „Dein Land sei mein Land, dein Gott sei der meinige." Ziehet in Frieden und Gottes Segen begleite euch!" Nochmals wurden die Kinder geküßt, noch ein Händedruck ausgetauscht — es galt die versäumte Zeit einzubringen. Esther übergab ihrer Tochter den Korb und trug die schlafende Kleine. Bald war die kleine Schaar der Flüchtenden unter den Waldesbäumen, die, wie mit grüßendem Sausen, unter dem stärker wehenden Winde auf- und niedertauchten, verschwunden. Joel Lemberger wandte sich dem Wege zur Behausung zurück und schritt sinnend dahin. Seine Lippen flüsterten andächtig das Abendgebet.- II. Seit jener entscheidenden Episode in dem Leben einer jüdischen Familie ist der Zeiger der Zeit um achtzehn Jahre vorgeschritten und in dem denkwürdigen Jahre 1848 haben die Räder der Weltgeschichte das Uhrwerk der Menschheit in gewaltigem Rucke vorwärts gebracht. Das war ein Schnurren und Surren im Rädergetriebe des Staats- und sozialen Lebens, das Jedem, der es miterlebt, unvergeßlich bleiben wird. Auch für das Prager Ghetto schlug die Uhrdes Zeitgeistes, die Stunde der Erlösung aus den „Judenrechten und Judenedicten," die ebensoviel „Unrecht und Verbiet" waren und die ein undurchdringliches Gestrüpp und Dornengeflecht um diesen Stadttheil und seine Bewohner gezogen hatten. Von letztern waren es freilich nur die jünger», noch nicht an die Geißel der konfessionellen Unterschiede gewohnten Gemüther, welche mit Begeisterung dieser Befreiung entgegenjauchzten, während die Alten zweifelnd und kopfschüttelnd dieser Aenderung in dem gewohnten „Nur langsam voran" mißtrauisch entgegenblickten. Sie schienen Recht zu behalten, diese alten erfahrenen Grauköpfe, die nichts Gutes aus diesem Sturmschritt des Völkerlebens prophezeiten, dem bald der Sturmschritt der Soldaten, das blutige Rückwärtsdrängen der Reaction und die Greuel des Bürgerkrieges folgten. Die eine Hälfte der Monarchie war gegen die andere im Kampfe; denn Ungarn hatte sich erhoben, um sich loszulösen von dem großen Staate, in welchem es bisher Sicherheit, Recht und Aufrechthaliung seiner alten Privilegien gefunden hatte. Schloß sich auch, gleich der Mimose, das vom rauhen Finger der Ereigniffe berührte Ghetto wieder in sich selbst ab; die Geister, welche der Zauber des Jdus im Jahre 1848 wachgerufen, waren nicht mehr zu bannen. Da standen sie noch die altersgrauen Häuser mit den dunklen winkeligen Treppen und den, verschiedenen Eigentümern angehörenden Stockwerken, in denen eine Generation die andere abgelöst hatte, und jede war im Denken und Fühlen mit der Außenwelt auf derselben Stufe der Duldung und Ergebung in den noch von den Vätern überkommenen Schranken im Handel und Wandel geblieben; aber die Jugend hatte schon den Freiheitshauch empfunden; sie sah die Schranken erhoben und frei war ihr Blick in die unermeßliche Weite. Die Verhältnisse des Handels, auf welchen die Juden dazumal angewiesen waren, gestalteten sich eigentümlich; die abnorme Vermehrung der Geldzeichen, die durch den Krieg verursachte Abgeschlossenheit von Ungarn und dem Auslande, schufen eine künstliche Theuerung aller Lebensbedürfnisse, die fast an die Asstgnateuwirthschaft der ersten französischen Revolution erinnerte. Am meisten betroffen durch diese Gestaltung der Zustände waren jene Talmudjünger, die aus Ungarn nach Prag gekommen waren, um zu den Füßen eines Rapoport, Löw Schlesinger, S. Freund s. A. jüdisches Gesetz und Wissen zu hören. — Die Geldsendungen aus der Heimat blieben aus — und die Noth war groß. Will der Leser einige jener Repräsentanten der großen ungarischen Kolonie, die mit Vorliebe in Prag studirte, kennen lernen, so möge er uns folgen. (Fortsetzung folgt.)