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Der Israelit · 1894-05-31 · Heft 43 (31.5.1894) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 43 (31.5.1894)
Date
1894-05-31
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Meile Beilage zu M 43 des „Israelit". Literarischer Bericht. R. Eine äußerst interessante, sehr lesenswerte Schrift ist mir dieser Tage in die Hände gekommen. Sie betitelt sich: „Die ethische Erziehrrngsarrfgabe unserer Zeit" und hat Dr. Richard Wulckow, weiland Direktor des Lehrerinnenseminars und der höheren Mädchenschule zu Darmstadt zum Verfasser. Offener und ehrlicher kann man die socialen Schäden unserer Zeit nicht bloslegen, als es der Verfasser thut. Es ist ihm Bedürfnis, die herrschende Verzagtheit und die Zweifel an einer gedeihlichen Entwickelung unserer Zukunft nach Kräften zu zerstreuen und auf die Quellen hinzuweisen, aus denen wir eine frische Belebung unserer sittlichen Kräfte und eine Heilung der vorhandenen Schäden zu schöpfen haben. Deswegen ist es dem Verfasser auch sehr wünschenswert, wenn seine Schrift nicht nur von Lehrern und Erziehern gelesen würde, sondern von all den Kreisen, „denen die Kräftigung unseres Lebens und eine segensreiche Zukunft unseres Vaterlandes Herzenssache ist." Von einem Manne, der so klar sieht und dem das Elend der leidenden Menschheit so nahe geht, darf man selbstverständlich erwarten, daß er in seinem Buche auch den wunden Punkt berührt, der uns Juden so außerordentlich wehe thut. Und in welcher Weise das geschieht, das soll der Zweck der folgenden Zeilen sein. Nachdem W. in seinem Schriftchen von: „Die Weltlage und die heutige Erziehung"; „die pessimistische Strömung und ihre Bekämpfung"; „der Naturalismus in der Kunst" Erziehung und Gewöhnung zum Schönen"; „die Weltübel und ihre Linderung durch die Erziehung"; „das Wirken im Dienste des Gemeinwohls, Volksbildung und Volksaufklärer"; „die erreichten Ziele und der ethische Beruf der Frauen", — gesprochen, schreibt er in einem Kapitel, überschrieben : „Patriotismus und Antisemitismus" über letzteren wie folgt: „Jene übermäßige Betonung des Nationalgefühls hat jener häßlichen Bewegung einen gewissen Schein von Berechtigung verliehen, die in unserer Zeit unter dem Namen des Antisemitismus jedem human denkenden Menschen zum Stein des Anstoßes geworden ist. Im Grunde hat freilich diese Bewegung mit dem Patriotismus nichts zu thun, sie ist vielmehr eine Ausgeburt des Neides und Hasses, aber sie benutzt die reine Flagge des Nationalgefühls, um ihre widerwärtigen Tendenzen mit einem Schimmer von Recht zu umkleiden. Und das muß unserer Heranwachsenden Jugend unverhüllt gesagt, die Tücke und Ungerechtigkeit der Bewegung mit Gründen der Humanität und Logik bekämpft werden. So lange wir von den Juden die gleiche Liebe zur Monarchie, die gleiche Hingabe an das Staatswohl, die gleiche Tapferkeit und Opferfreudtgkeit in den Tagen der Noth und Bedrängnis erlangen, so lange dürfen wir ihnen auch nicht die gleichen Rechte verkümmern. Sie sind Söhne desselben Vaterlandes und dürfen nicht eingeschränkt und befehdet werden. Wie herrlich weit haben wir es gebracht in unserer „kulturfreudigen" Zeit, wenn wir uns mit aller Mühe in die krassen Zeiten der Intoleranz zurückarbeiten wollen, die doch durch die Bemühungen der Edelsten und Besten, durch Lessing und Goethe, durch Joseph II. und Friedrich den Großen überwunden schienen! Der Antisemitismus verträgt sich nicht mit dem Begriff des modernen Staates, der auf Duldung, auf gleiche Rechte und auf gleiche Pflichten gestellt ist; Grund genug, diesem Makel unserer Zeit schon in der Schule ernstlich zu Leibe zu gehen und ihn als unsittlich und ungerecht zu brandmarken. Und auch hier müßte das Verbindende und Vermittelnde, nicht das Trennende und Scheidende betont werden. Uebrigens ist es außer Zweifel, daß man mit brn von den Antisemiten benützten Mitteln die ungebildeten Schichten des Vo.kes gegen jede menschliche Gemeinschaft aufwiegeln kann. Durch dieselben Lügen hetzten die römischen Chriftenverfolger den Pöbel gegen die ersten christlichen Gemeinden auf und ganz in derselben Weise stachelt man noch heute den chinesischen Pöbels gegen die Christen zu Gewaltthätigkeiten auf. — Wird die Schule zum Kampfe gegen den Antisemitismus aufgerufen dadurch, daß man ihr das.'eigentliche Objekt des Kampfes und das Wesen derselben völlig klar stellt, so muß in Kürze der ganze auf Lüge und Verdrehung der Thatsachen beruhende Bau des Antisemitismus zusammenstürzen. Und in der That hat es den Anschein, als sei die antisemitische Agitation bereits „auf einem todten Geleise." Kein Wunder freilich, wenn man sich die Elemente näher ansieht, die sich unter den weitschattenden Aeften seines Giftbaumes zusammengefunden haben. Nur diese betrübende Bewegung war im Stande, solche Elemente in die parlamentarische Reichsvertretung zu bringen, wie wir sie mit Scham und Betrübnis dort vorfinden." Dieselbe objektive Darstellung finden wir in allen Kapiteln des reizend geschriebenen Büchleins, das wir hiermit allen ernsten Lehrern aufs Beste empfehlen möchten.

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