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Der Israelit · 1894-05-28 · Heft 42 (28.5.1894) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 42 (28.5.1894)
Date
1894-05-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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174 daß er die beiden Wahlkreise schon „in der Tasche" zu haben erklärte: es kam trotz jener Unterstützung anders, allein die Saat ist doch aufgegangen und hat zur Verschärfung des Wahlkampfes das Ihrige beigetragen. Nunmehr haben die eigenen Parteigenossen des von gewissen Seiten geradezu verhätschelten Gottcsleben ihn von sich abgeschüttelt. Der „Reichsherold" des Dr. Böckel meldet lakonisch, daß der Redakteur GotteSleben durch Beschluß des Parteiausschusses aus der Reformpartei ausgeschlossen sei. Die Gründe hierfür seien so schwerwiegende, daß der Ausschluß erfolgen mußte. Die diesjährige Generalversammlung des Mährischjüdischen Landesmassafonds, die von 46 Delegirten besucht war, fand in Brünn am 2. d., unter Vorsitz des Obmannes, Herrenhausmitglied Julius Ritter v. Gomperz statt. Der Rechenschaftsbericht des Kuratoriums für das Jahr 1893 sowie der Revisionsbericht wurden einstimmig genehmigt und dem Kuratorium das Absolutorium ertheilt. Der Voranschlag für 1894 beziffert die Einnahmen einschließlich des UebertrageS vom Jahre 1893 per 5138 fl. 8 kr. auf 50,682 fl. 58 kr., die Ausgaben auf 50,573 fl. 26 kr. Für Schulsubventionen werden eingestellt 13,920 fl., für Gemeinde- Unterstützungen 12,700 fl. Für Personal-Unterstützung werden 11,000 fl., Stipendien 600 fl., Bil?ungs- und Humanitäts- Anstalten 4110 fl. eingestellt. Hannover. In einem jüdischen Blatte stand vor einigen Tagen ein Artikel über „verwahrloste Kinder", der folgendermaßen ansing: „In einem kleinen Nachbarorte", so schreibt uns ein Freund au8 Süddeutschland, „wohnt seit einigen Jahren ein armer jüdischer Hausirer, der mit seiner Frau jahraus, jahrein auf Märkten umherzieht, und infolgeinffen sich um die Erziehung seiner Kinder wenig oder garnicht bekümmert. Es kann daher kaum Wunder nehmen, daß ein ILjähriger Sohn dieses Ehepaares derart verwahrlost und verlottert ist, daß die Ellern selbst bei dem Magistrat beantragt haben, die Aufnahme ihres Sohnes in die Zwangserziehungsanstalt der Provinz zu bewirken. Die Regierung, an ttnlc';e sich der Magistrat, das Gesuch befürwortend, wandte, entschied, unter Hinweis auf den streng evangelischen Eharacter jener Anstalt, daß runächst die Eltern des Kindes zu vernehmen seien, ob sie gewillt oder einverstanden sind, ihr Kind in der christlichen Religion erzieben zu lassen. Die Eltern gaben zu Pio'okoll, daß sie gegen obige Bedingung nichts einzuwendm haben, und die Behörde, mit Rücksicht auf den Charakter des Knaben, eine Familienerziehung nicht für angebracht erklärt hat, eine jüdische Anstalt dieser Art aber nicht existirt, so wird die traurige Thatsache kaum abzuwehren sein, daß diese Kindesseele dem Jndenthum dauernd verloren geht." Der angeführte Fall steht leider durchaus nicht vereinzelt da und nur zu oft haben wir ein ähnliches Vorkommniß zu beklagen. In diesem selben Artikel wird für die Gründung tiner israelitischen Zwangsresv. Besserungsanstalt plaidirt. So freudig wir auch jedes Werk der Wohlthätigkeit und namentlich jedes gemeinnützige Unternehmen begrüßen, worunter wir auch das angereg'e zählen, so halten wir es doch für besser, wenn in die Erziehung des Kindes eingegriffen wird, bevor es der Verwahrlosung anhe'rmsäüt. Rur in den allerseltensten Fällen wird eS gelingen, ein für eine Besserungsanstalt be>eits reifes, moralisch verdorbenes Kind wieder auf die rechte Bahn zurückzuführen, wenn es auch während seines Aufemhalts in einem Zwangsinstitut sich der dort herrschenden strengen Zucht unterordnen muß. Wie die Erfahrung lehrt, ist es ungemein schwer, vollständig verarmte, bereits an den Bettelstab gebrachte Personen wieder erwerbsfähig zu machen; in Folge dessen hat man in den meisten größeren jüdischen Gemeinden Vorkehrungen getroffen durch zinsfreie Darlehen oder in ähnlicher Weise, unbescholtenen Personen rechtzeitig zu helfen. Bekanntlich ist es noch weit schwieriger, Personen, welche moralisch Schiffbruch gelitten haben, wieder zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft zu machen, als diejenigen, welche finanziell ruinirt sind. Da mangelhaft beaufsichtigte Kinder wohl kaum vor dem schulpflichtigen Alter moralisch verdorben werden, so sollte nian in Fällen, wo eine arge Verwahrlosung zu befürchten ist, die Kinder frühzeitig in eine dazu geeignete Erziihungsanstalt unterbriugen. Hierzu ist vor allen anderen die neue Erziehungsanstalt in Ahlcnt, gegründet von Herrn Consul Simon in Hannover, zu empfehlen, über welche Bereits verschiedentlich berichtet ist. Unter den 35 Zöglingen der Anstalt sind mehrere solche Kinder, welche zu Hause durch maugcknde Aussicht der Gefahr der Verwahrlosung ausgesctzt waren, und welche, nachdem sie die mit Liebe und Strenge gepaarte Erziehung genossen haben, zu den besten der Anstalt zählen. Mit großer Genugthuung haben wir erfahren, daß eine Anzahl der angesehensten Glaubensgenossen Berlins, den verschiedensten religiösen Richtungen ang hörend, zu einem Comitee zusammengetreten sind, um die Anstalt in Ahlem nach allen Richtungen hin zu fördern und das Interesse für dieses Jnstittut in den weitesten Kreisen wach zu rufen. — Um dieses neue Unternehmen zu einem vollendeten zu gestalten, das nicht nur den Juden, sondern der gesammten Menschheit zum Segen gereicht, bedarf es vorerst noch großer Opfer an Geld, und diese Opfer dürfen jetzt nicht gescheut werden. Dagegen hat diese Anstalt den großen Vorzug, daß sie nach ei igen Jahren durch die Erzeugnisse ihrer Culturen im Stande sein wirb, den größten Theil ihrer Unkosten >elbst zu decken und so vielen bedürftigen Kindern, ohne nenneuswerthe Kosten der Gemeinden, eine gesittete Erziehung zu Theil werden zu lassen. Durch eine kräftige Uuterstützrrng der Anstalt wird deßhalb nicht nur für die Gegentoa t, sondern auch für die Zukunft Segensreiches gestiftet. Budapest, im Mai. Die Pester israelitische Religionsgemeinde hielt am 15. v. M. ihre ordentliche Generalversammlung, welcher der Jahresbericht, der über die Ereignisse des vorigen Jahres eingehend rrferirt, vorgelegt wurde. Zunächst wird der von der Knltusgemeiude bewirkten großen Schöpfungen, des Tempel- und Schulbaues gedacht, welchen das große Entgegenkommen der hauptstädtischen Kommune der Gemeinve gegenüber erleichterte. Der Bericht gedenkt ferner der größeren Stiftungen und Legate: der eine Viertelmillion betragenden Stiftung Siegmund Brüdys für das zu erichtende Adele Br"dy Kinderspital, der Stiftungen und Legate von Anton Freystädter (100,000 fl.), Moritz Wahrmann (60,000 fl.), Rosalie Kaffvviez (75,000 fl.). Bernhard Deutsch de Hatvan (11,000 fl.), Karl Kohner (11,000 fl.) u. s. w. Ausführlich wird sodann über das stetig prosperirende Schulwesen, über das Wohlthätigkeitswesen referirt. Die Gesammtausgabe der Gemeinde überstieg den Betrag von 400,000 fl. DaS Budget des laufenden Jahres wurde mit 343,000 fl. Ausgaben festgestcllt. Dem. Bankhaus«. Sassvou in London ist ein Telegramm des Rabbiners von SchiraS in Persien zugekommcn, welches folgendermaßen lautet: „Die hier herrschende Hungersnoth, der unaufhörliche Regen und Erdbeben haben unsere Gemeinde in eine fürchterliche Lage gebracht. Viele sind bereits Hungers gestorben und Viele liegen auf der Straße. Helfet rasch!" Briefkasten der Nedaetion. R. S. in Frankfurt a. M. Die Beziehungen zwischen dem Eongresse und dem orlhodoxen Judenthum sind doch zu lose, als sie zum Gegenstand einer besondern Darstellung zu machen.

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