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Der Israelit · 1894-05-28 · Heft 42 (28.5.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 42 (28.5.1894)
Date
1894-05-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Erste Beilage ju M 42 des ,JsrntlU“. Leitender Artikel. WustKakische Hßettoöitder. Von Dr. A. Ackermau«. (Fortsetzung.) Nachdem wir so einige Momente betrachtet haben, die das rege musikalische Interesse der italienischen Juden vor 300 Jahren deutlich beurkunden. gehen wir nunmehr auf eine Bewegung in jener Zeit ein, durch deren Betrachtung uns noch interessantere Beweise hiefür begegnen werden. Daß die musikalischen Bestrebungen, welche vor 300 Jahren bei den Juden in Italien auftraten, veranlaßt durch die neugestaltete musikalische Kunst, in ihren Ursachen und Wirkungen dem synagogalen Musikaufschwung der modernen Zeit durchaus parallel laufen, haben wir oben bereits gesehen. Ja, diese Uebereinstimmung geht so weit (und es ist dies ein drastischer Beweis für den Satz, daß gleiche Ursachen unter denselben Bedingungen überall auch gleiche Wirkungen Hervorrufen), diese Uebereinstimmung, sage ich, geht so weit, daß auch dieselben Kämpfe sich vor 300Jahren abspielten, die in unserem Jahrhundert vor dem sieghaften Auftreten eines geregelten Synagogengesangs gekämpft werden mußten. Welcher Art der Gottesdienst in Italien vor 300 Jahren seinen Einzelheiten nach gewesen sei, das läßt sich heute wohl kaum feststellen. Soviel aber ist sicher, daß derselbe an Regellosigkeit und an Mangel jeder äußeren Schönheit demjenigen nicht nachstand, der in Deutschland erst in diesem Jahrhundert durch die Einführung des Synagogengesanges aufgehoben wurde. Den klarsten Beleg für diese Behauptung liefert die Thatsache, daß damals in Italien, genau so wie im Beginn dieses Jahrhunderts in Deutschland eine energische Bewegung entstand, die auf Einführung eines geregelten Gottesdienstes ausging und hiebei besonders den synagogalen Gesang im Auge hatte. An der Spitze dieser Bewegung stand ein Mann, der in der jüdischen Literaturgeschichte wohl bekannt ist, und der durch sein unglückliches Leben unsre volle Theilnahme verdient, Leon da Modena. Er gehörte zu denjenigen italienischen Juden, auf welche die musikalische Zeitströmung am energischsten einwirkte; er besaß, wie er selbst von sich erzählt, in seinen jungen Jahren schon große Liebe zur Musik, erfreute sich einer schönen Tenorstimme und begab sich in seinem 25. Lebensjahre nach Ferrara, um dort den Gesang und die Tanzkunst zu erlernen. In letzterer Stadt wirkte er später als Rabbiner und hier war es auch, wo er jenes großartige Gutachten schrieb, in welchem er aufs Wärmste für die Einführung eines geregelten Synagogengesanges etntrat. Der äußere Anlaß hiezu war folgender gewesen: In der Synagoge wollten 6—8 mufikverstündige jüdische Männer an Sabbat und Festtag Gesänge vortragen (als solche Gesänge werden genannt: wb? ,irpb*o p>* ins ,^>-r)'), da erhob sich ein Mann, dessen Name uns nicht genannt wird und verbot ihnen den Gesang mit der Begründung, daß alles Singen und Jubeln infolge der Zerstörung des Tempels verboten sei; dadurch habe dieser Mann, berichtet Leon da Modena, die Thoraverständigen, die den Gesang ohne Widerrede angehört hatten, in den Augen der Menge herabgesetzt und er fühle sich daher gedrungen, in einem halachischen Gutachten die Erlaubniß des Synagogengesanges zu beweisen. Sein Gutachten, das in außerordentlich scharfsinniger Weise abgefaßt ist, ließ er sich von fünf zeitgenössischen Rabbinen bestätigen. Bon diesen Bestätigungen sind besonders zwei interessant; in einem erzählt der Betreffende, Ben Zion, der Franzose, er erinnere sich aus seiner Jugend, als er dem Thorastudium in Padua oblag, da habe er mit anderen Bachurim die Keduschah und andere Gesänge, auf ausdrücklichen Wunsch des Rabbiners vorgetragen. „Darum singet", so schließt er, „und lobet unsren Gott, bis daß wir es erreichen ein neues Lied zu singen, wenn der Messias kommt und unsere Seelen erlöst." Ein anderer Rabbiner, Moses da Fano aus Venedig schreibt noch interessanter: „Wer des Gesanges Süßigkeit nicht erfahren hat, der kennt nicht das Süßeste und Schönste im Himmel und auf Erden, der Gesang ist eine göttliche Sache und die Musik wohlgefällig in den Augen Gottes und der Menschen." Das so bestätigte Gutachten sandte Leon da Modena dann an alle italienischen Gemeinden mit der Aufforderung, für Einführung eines geregelten Gesanges in den Synagogen thätig zu sein. (Vgl. Sal. Lipschütz: rmbw rvnyn, S. 15 ff.) Wir erkennen somit, daß diese Bestrebungen in Italien vor 300 Jahren von tiefstem Ernste getragen waren. Allein ihre unmittelbaren Wirkungen waren noch viel merkwürdiger. Die Parallele mit der modernen Zeit trifft nämlich auch in dem Punkte zu, daß die Hebung der musikalischen Kunst und die innige Sehnsucht nach Verschönerung des Gottesdienstes einen produk-

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