Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 42 (28.5.1894)
- Date
- 1894-05-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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769 Lembcrgers kluge Augen sahen durchdringend auf Esther, wie sie mit einem von Hoffnungsschimmer aufleuchtenden Blick ihn anschaute. „Dann mühtest du vollenden was du begonnen hast." sagte er hierauf in fast feierlichem Tone. — „Als du mit deinen Kindern von Meisel flüchtend, zu uns deine Zuflucht nahmst, hattest du dein Herz schon mit dem Gedanken gestählt, daß zwischen dir und deinem Manne eine Vereinigung nicht mehr mögl'ch sei. Ich verhehlte mir auch damals nicht, daß deine und deiner Kinder Verweilen bei uns rechtlich nicht gestattet werden könne, wenn Meisel ernstlich seine Gatten- und Vaterrechte geltend machen würde. Ich hatte dies in Erwägung gezogen, — nur darauf war ich nicht gefaßt, daß er so rasch den Schutz der Behörde zur Ausführung seiner Absichten erlangen würde — und ich sah kein anderes Heil für dich als die Flucht, welche du noch jetzt mit größter Beschleunigung unternehmen kannst. Meine Tante, eine vermögende und herzensbrave Frau, die in Hamburg lebt, wird dich und deine Kinder uüt Freuden aufnehmen. Du mußt aber Morgen schon in Prag eintreffen, um von dort gleich wieder über Melnik zu Schiffe nach Hamburg zu gelangen. Könntest du diesen meinen Rath befolgen und ihn auch mit Gottes Beistand ausführeu, dann wärest du seiner Machtsphäre entrückt und könntest die Kinder dir und unserm heiligen Glauben erhalten — dann aber gilt es keine Minute mehr zu verlieren." „Edler lieber Schwager," ries Esther stürmisch aus, „wie kann ich dir genug danken, deine Klugheit nnd deine Güte sind gleich groß — ich bin sofort bereit deinen Rath zu befolgen." „So spute Dich, damit deinem Entschlüsse rasch die That folge, kleide die Kinder an und versehe sie mit dem Nöthigsten — Du aber Rösel," wandte sich Joel zu seiner Frau, „besorge alle Nahrungsmittel, die wir im Haus und Hof auftreiben können und packe sie sorgfältig in einen Korb — ich werde indeß schnell die nöthigsten Briese schreiben, welche Esther zur Reise bedarf." Esther und ihre Schwester entwickelten, während Joel Lemberger den im Zimmer liegenden Sack aufhebend, sich in eine kleine Stube, die zugleich sein Waarenmagazin und seine Schreibstube bildete, zurückzog, eine ftaunenswerthe Thätigkeit. Ein Korb angefüllt mit Brod, Kuchen, Butter und sonstigem Mundvorrath, wohlgeschnürte Bündel die Leibwäsche und Kleidungsstücke der Kinder enthaltend, waren bald vorbereitet. Die Kinder, die ihre Abendmahlzeit verzehrt hatten, wurden unter Beihilfe der älteren Geschwister rasch angekleidet und als Joel nach einer halben Stunde wieder das Zimmer betrat, konnte er schon Zeuge des ergreifenden Abschiedes sein, welchen Esther und ihre Kinder von seiner Frau nahmen. Dem eintretendcn Jocl lief Esther entgegen nnd umfing weinend den Nacken des wackeren Mannes. „Muth, nur Muth gefaßt. Esther," sagte tröstend Joel zur Weinenden, indem er sich von ihrer Umarmung loslöste und sie auf die Stirne küßte, „harre aus, du armes, schwergeprüftes Weib, und dein Lebensabend wird — ich hoffe auf die Gerechtigkeit Gottes — noch ein schöner und glücklicher werden! Hier übergebe ich dir drei Briefe mit verschiedenen Aufschriften. Der eine an die Bäuerin Prazkowa in Ezaslau, meine Kundschaft, eine brave ehrliche Frau, die wird dir eine Fuhre nach Prag besorgen und wenn du dort frühstücken willst — sie hat zwei Töpfe für mich in Verwahrung, auf deren Boden mein Name mit Kreide bezeichnet ist. Diese kannst Du zur Bereitung des Frühstückes für die Kinder verwenden. Der zweite ist an meinen Socher (Kaufmann) Reb Chaim Perls in Prag bestimmt, der mir die Häute und Federn abkauft, wenn ich nach Prag komme. Er wird dir zwei Hundert Gulden vorstrccken und die beste ..Fahrgelegenheit" nach Melnik dingen. Den dritten Brief übergibst du — wenn du zu Gutem und gesund tu Hamburg anlangst — meiner Tante. Nehme das alles wohl in Verwahrung und halte deinen Muth aufrecht — Gott soll Dich und die Deinen beschirmen. Die Stimme Joels zitterte und seine Augen wurden feucht; er wandte sich zum Fenster als wollte er seine Rührung verbergen. Fast unbewußt schweifte sein Blick in die Ferne, in die ungewisse Ferne, welche die Acrmsten hier aufnehmen sollte, — da zog er sich plötzlich zum Staunen Aller vom Fenster zurück und deu Finger auf die Lippen legend als wollte er behutsames Stillschweigen gebieten, lispelte er: „Da seht den Schlaukopf Meisel, wie er dort im Gasthof zum Hirschen aus dem Fenster des ersten Stockwerkes unverwandt herüberschaut —das heißt Wache halten." ES verhielt sich auch so, und Esther konnte in dem bezeichneten ziemlich entfernten Gebäude, den zum Fenster hinauslehnenden Oberkörper ihres Gatten erkennen. „Das soll ihm nichts nützen," meinte Lemberger, „aber wir müffen, um keinen Verdacht zu erregen, Minna und Wolf zu den Vondörfer senden, von dort sollen sie vom Hause abbtegen und über den Graben die Landstraße zu erreichen suchen, während du, durch die dem Gesichtsfelde Meisels entrückte Hinterthüre unseres Hofes mit den vier Kindern über das Pawliksche Feld gehst und durch einen