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Der Israelit · 1894-05-25 · Heft 41 (25.5.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 41 (25.5.1894)
Date
1894-05-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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745 mir um das Herz es saaen zu müssen, daß der Anblick eines berauschten Vaters nicht für „jüdische Kinder" ist." „Jüdische Kinder," wiederholte Meisel, ohne die Vorwürfe Esthers zu beachten, „das ist es eben, was sie nicht sein sollen und nicht sein werden, sie gehören mir an und der Religion ihres Vaters!" „Das wird der gerechte Gott im Himmel nicht zulassen," entgegnete flammenden Blickes Esther, „ich wiederhole es dir, ich werde dir nimmer die Kinder ausliefern, so wenig sie auch bet dir bleiben würden, selbst wenn du sie mit meinem Leben mir raubst! Versuche es nur. cs wird und darf dir nicht gelingen, so wahr ich an den Gott unserer Väter, an den Gott Israels glaube." Esther war erschöpft auf den Sessel niederaesunken und das Weh', welches sie in diesem Augenblicke als jüdische Mutter ihrer Kinder empfand, machte sich in einem heftigen Pochen ihres Herzens so fühlbar, daß sie ihre Hand daran preßte. „Wenn demnach meine Bitten und Vorstellungen fruchtlos sind," sagte Meisel näher zu ihr tretend und mit feierlicher Betonung, „so wird die Staatsgewalt mein väterliches Recht wahren müssen. — Siehst Du Esther, all' dein Widerstand wäre vergeblich." Dies sprechend zog Meisel ein großes Schriftstück aus der Seitentasche, dasselbe entfaltend und mit dem Finger auf ein großes darauf befindliches Siegel deutend. Er hatte in seinem Eifer nicht bemerkt, wie inzwischen die von den Kindern nicht verschlossene Thüre fast unhörbar geöffnet worden war und wie über die Schwelle ein Mann von herkulischem Körperbau, einen mächtigen Sack auf der Schulter tragend, eintrat. Erst als die dem Eintretenden gleich nachfolgende Frau ein lautes „Guten Abend" rief und die Thüre zuriegelte, wandte Meisel überrascht den Eintretenden sein Antlitz zu, und barg schnell das vorgezeigte Schriftstück in seiner Tasche. Esther war mit einem freudigen „Gott's Willkomm" den Gekommenen entgegengeeilt — fand sie doch in diesen Beiden, ihrer Schwester Rösel und deren Gatten Joel Lemberger, Hilfe und Beistand gegen das Ansinnen ihres Gatten. Joel Lemberger, der den Sack in die Ecke stellte, war freilich nur ein schlichter „Dorfgeher", aber von seltener Biederkeit und Güte in seinem ganzen Wesen; man sah diesem athletischen Körperbau nicht die Milde und Weichheit eines zart besaiteten Gemüthes an, die nur in dem sanften Lideraufschlag der sprechend klugen Augen zum Ausdruck gelangte. Er hatte seiner Schwägerin, seit sie ihrem Gatten entflohen war. und ihren Kindern, in seiner Behausung eine Zufluchtstätte gewährt und er wußte wohl, daß jetzt eine unübersteigliche Kluft, die des Glaubens, die Ehegatten von einander schied. Er konnte sich daher den Besuch Meisels in seinem Hause nicht erklären. Führten ihn freundliche oder feindliche Absichten her? In Joels Geiste tauchte lebhaft das Bild der Leidensgeschichte im ehelichen Leben seiner Schwägerin auf, und finsterer Unmuth umwölkte seine Stirne, ein feindlicher Strahl seines Auges kreuzte sich eine Sekunde lang mit dem kalt und höhnisch auf ihn gerichteten Blick seines Schwagers, während Rösel, seine Frau, sich wie schützend vor ihre Schwester stellte. Dieser Ausdruck des Unmuthes währte jedoch nur einen Augenblick in Joels Gestchtszügen. Die ihm eigene Klugheit rieth ihm seinen Unmuth zu verbergen; stand doch damals jeder jüdische Täufling im Verdachte, seinen früheren Glaubensgenossen, durch die ehedem von den Behörden beachteten Denunciationen, womit sie ihre völlige Lossagung von denselben bekräftigen wollten, zu schaden. Vielleicht hatte Meisel, diese unerklärliche allen Leidenschaften und Gemüthsaufwallungen nachgebende Natur, gar im Sinne, seinen Kindern eine Unterstützung zu leisten, die ihm, dem armen wenngleich kinderlosen Dorfgeher, deren Ernährung erleichtern würde? Alle diese Erwägungen durchzuckten den Geist Joels und mit Selbstbeherrschung legte er eine gewisse Freundlichkeit seinen Gestchtszügen auf, indem er ausrief: „Willkommen Schwager! Ist dir um dein Weib und deine Kinder so bange, daß du mich besuchst? Brauchst keine Sorgen zu hegen, sie haben es nicht schlecht bei mir. Steh' dir nur die Kinder an wie sie „unbeschrien" aussehen." Meisel zuckte mit den Achseln und wollte antworten, als Esther im Tone tiefsten Weh's das Wort ergriff: „Was er will, Schwager, — die Kinder will er mir nehmen, mein Herzblut und meine Kinder! Er will sie ihrer „Emune" und ihrer Mutter entreißen!" „Woran mich weder du, noch der Schwager wird hindern können," rief mit wilder Energie Meisel, „es ist nichts denn mein Recht als Vater, welches ich heische und damit du siehst, Joel — du bist ein Mann und kannst dies besser als ein Weib beurthetlen — hier ist das Schreiben des Kreishauptmanns, welches mir nöthigenfalls den behördlichen Beistand zur Stellung der Kinder unter die väterliche Gewalt zustchert." Er zog jetzt abermals jenes Schriftstück aus der Tasche und reichte es Joel, der mit erzwungener Ruhe, obgleich das Herz ihm erregter schlug, das Schriftstück durchlas.

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