Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 38-39 (16.5.1894)
- Date
- 1894-05-16
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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. -V zrr'fjtw;i. %***- ■ ■ •' '?-r'K v’>' ’•“ r-^;S•’’’v i 710 werten Fenster, Thüren und raubten aus Kaufläden nach Herzenslust. Herbeigeholtes Militär vertrieb mit blanker Waffe die Räuber. Vier Personen blieben tobt auf dem Kampfplatz und gegen hundert wurden verwundet, darunter mehrere lebensgefährlich. Rußland. Petersburg, 3 Mai. Dieser Tage beginnt eine neue Auswanderung von Juden nach Argentinien über Odessa. Der Bevollmächtigte der „Gesellschaft für jüdische Kolonisation", Feinberg, hat zur Zeit neun Auswanderergruppen.jede zu 50 Familien, gebildet. — Es war geplant worden, die Aufenthalts» rechte der Juden aus den mittelasiatischen Staaten im Gebiete von Turkestan zu beschränken. Das Finanzministerium hat sich jedoch gegen diese Maßregel ausgesprochen, da dieselbe zu einer Schädigung des dortigen Handels führen könnte, denn die mittelasiatischen Juden bezogen allein an Manufakturen vom Moskauer Markt jährlich 9 bis 10 Millionen Rubel. Frankreich. Paris, 24. April. Baron Hirsch äußerte sich neuerdings einem Mitarbeiter des „Pesth. Lloyd" über das argentinische Kolonisationswerk folgendermaßen: „Diese Kolonisation bereitete uns viele Schwierigkeiten und auch Sorgen. Die Regelung der verschiedensten Verhältniffe. die Durchführung der auSgearbeiten Pläne, die Organisation der Kolonien, der Transport, das Ueberbringen der Auswanderer, und dergleichen mehr, erforderten und erfordern eine rastlose Thätigkeit. Man konnte anfangs ernstliche Bedenken haben, ob sich die armen Menschen, die bisher nie mit Ackerbau sich beschäftigt und keine blaffe Ahnung von der Bearbeitung der Scholle hatten, in einem wildfremden Lande und einem ganz anderen Himmelsstriche, völlig entriffen ihren Lebensgewohnheiten, in ihren neuen Beruf hineinfinden würden. Glücklicherweise kann ich Ihnen miltheilen, daß alle Nachrichten, welche ich in letzterer Zeit aus Argentinien erhalten, vorzüglich lauten. Die Ansiedler sind vollauf mit der Bearbeitung ihrer Felder beschäftigt und finden sich immer mehr und mehr in ihre neue Lebenslage und Beschäftigung hinein. Alt und Jung thut freudig an der Wirthschaft mit, ja, wie man mir schreibt, steht man junge Fräulein, die in ihrem früheren Vaterlande das Klavierspiel erlernt haben, rüstig und wohlgemuth hinter dem Pflug einhergehen. Auch die mir gesendeten Photographien zeigen die Ansiedler in ihren verschiedenen wirtschaftlichen Verrichtungen. Eine der größten Schwierigkeiten war, die Leute in den isoltrten Anstedlungen heimisch zu machen. TheilS in Folge der Gewohnheit des Zusammenlebens der Juden, theilS um ihre religiösen Gebräuche gemeinsam ausüben zu können, wollten die Kolonisten anfangs nur in Dörfern wohnen, obschon es im Interesse der Laudwirthschaft viel vortheilhafter ist, wenn jede Familie ihr Haus auf der 150 Acre großen Besitzung stehen hat, welche sie erhält. Nun haben sie sich auch in diese relative Jsolirtheit hinetngefundkn, nachdem man freilich, so weit es möglich war, die Wohnhäuser an den einander begrenzenden Feldern aneinander gerückt hat. Das ist allerdings ein erfreulicher Erfolg, und ich werde mir erlauben, in nicht sehr ferner Zei die Vertreter der Weltpresse einzuladen, einen kleinen Ausflug nach Argentinien zu unternehmen, damit sie sich von dem Gedeihen unserer Kolonie überzeugen und bekräftigen können, wie tüchtig die Juden Ackerbau treiben. Eben jetzt begibt sich wieder eine große Gruppe Auswanderer von Odessa aus nach Südamerika. Das Merkwürdige an den Verfolgungen in Rußland ist, daß unter allen diesen Ausbrüchen des Glaubens- und Racenhaffes zumeist nur die armen, die kümmerlich ihr Leben fristenden Juden zu leiden haben, die doch als wahre Parias der Gesellschaft eher der vollsten Theilnahme ihrer Mitmenschen würdig wären. Sich ihrer in ihrer Noth und Bedrängniß zu erbarmen, ihnen die Mittel und Wege zu einer neuen, menschenwürdigeren, glücklicheren Existenz zu bieten, wäre wohl eine edle Aufgabe der reichen Glaubensgenossen, denen auch in Rußland kein Haar gekrümmt wird. Wie oft hört man allerwärtS sagen, die Juden bilden eine Macht im Staate und in der Gesellschaft. Allein das Kriterium der Macht ist doch, daß sie gewisse Ziele, welche in ihrem Interesse gelegen sind, erreicht, während die Juden nicht einmal im Interesse einer gemeins.-men Hilfsaktion für ihre bedürftigen, vom heimathlichen Herde vertriebenen Glaubensgenossen sich einigen. Und doch verdienten diese armen, mit täglicher Noth und Sorge kämpfenden Juden, welche die ausschließlichen Opfer des Antisemitismus sind, das vollste Mitleid und die vollste Unterstützung seitens der Reichen. Denn nicht sie — die Armen — prangen mit jenem Luxus, der den Neid der Menge erw.ckt". Vermischtes. Berlin, 8. Mai. Herr Lehrer Jacob Kramer in Thorn Westpr. hat am 1. Mai sein Lbjähriges Amts - Jubiläum gefeiert. Die Gemeinde, der Gemeinde-Vorstand, der Schulvorstand, ehemalige und jetzige Schüler haben durch rege Betheiligung an dieser Feier, durch Ehren-Geschenke, Ansprachen und Widmungen für die Achtung und Liebe, welcher der Jubilar sich allgemein erfreut, beredten Ausdruck gegeben, und dem Letzteren war es vergönnt, in bester Gesundheit und im Kreise seiner Angehörigen das schone Fest zu begehen.