Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 38-39 (16.5.1894)
- Date
- 1894-05-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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702 wie in Galizien, Rußland und anderwärts, jüdische Leute die schwersten körperlichen Arbeiten verrichten und selbst zu den mühseligsten Beschäftigungen greifen, um kümmerlich ihr Leben zu fristen. Einen recht lehrreichen Einblick in diese Zustände gewährt uns eine Nachricht, die soeben aus Lemberg in Galizien eintrifft. Dortselbst streiken nämlich die jüdischen Bäckereiarbeiter schon seit dem 28. April, weil die Zustände in ihrer Branche nachgerade un erträgliche geworden waren. Vor allen Dingen führen die ausständigen Arbeiter Beschwerde über die überlange Arbeitszeit, der auf die Dauer selbst die gesundeste und widerstandsfähigste Köperkraft erliegen muß. Als Hauptforderung haben die Streikenden die Einführung einer „nur" acht' zehnstündigen Arbeitszeit ausgestellt. Bisher ist es nur allzuhäufig vorgekommen, daß die Arbeitszeit in den Bäckereien sich auf 22 bis 24 Stunden belief. Zahlreiche Arbeiter traten am Sonnabend Abend die Arbeit an und blieben dann in einem fort bis Freitag Abend in der Backstube. Es wurden täglich sechs „Hitzen" geleistet, d. h. sechsmal wurde innerhalb 24 Stunden gebacken. Hatte der Arbeiter eine Stunde freie Zeit, so warf er sich in seinen Arbeitskleidern auf einen Mehlsack, der in einer Ecke lag und schlummerte ein wenig, bis die schwere Arbeit ihn wieder in ihren Frohndtenst rief. In Zukunft werden, wenn die Streikenden mit ihren Forderungen durchdringen, nur noch vier „Hitzen" täglich gearbeitet werden. Auch sollen die Meister eine kleine Lohnerhöhung bewilligen. Göttiugen. (ZuetnerGefährdung der Militär. Disziplin hat der Antisemitismus in Göttingen geführt.) Bei den dort eingezogenen Landwehrleuten ereignete sich, wie das „Gött. Tgbl." meldet, der Fall, daß ein Landwehrmann am letzten Tage der Uebung einem jüdischen Unteroffizier, der ihm eine Anordnung gab, den Gehorsam verweigerte mit der Begründung, er lasse sich von Juden keine Befehle geben. Natürlich wurde er wegen Insubordination sofort in Haft geführt. Das Vergehen der Gehorsamsverweigerung wird nach § 94 des „Mil. - Str.-Gesetzb." mit Dunkelarrest nicht unter 14 Tagen oder Gefängnis bis zu 3 Jahren, falls es vor versammelter Mannschaften erfolgt, mit Gefängniß bis zu 5 Jahren bestraft. England. M. London, 13. Mai. In der am Dienstagstattgehabten Generalversammlung der Direktoren des deutschen Hospitals wurde der Antrag mehrerer derselben, die bisher von einem protestantischen Geistlichen gehaltenen religiösen Zusammenkünfte, denen auch Andersgläubige gezwungenermaßen mit anwohnen müßten, abzuschaffen, mit geringer Majorität abgelehnt. Herr Baron Schröder, der den Vorsitz führte, hat keine Veranlassung, auf diesen Sieg besonders stolz zu sein, zumal da er wahrscheinlich auf Kosten vieler Jahre hindurch geleisteter Beiträge errungen ist: Die jüdischen Subscribenten haben bereits ihre Absicht angedeutet, dieselben von jetzt an dem deutschen Hospital zu entziehen. — Im hiesigen Prediger- und Lehrer-Seminar, dem Jews' College, fand am Sonntag, dem 6. d. M. die jährliche Prämtenvertheilung statt, bei welcher der Oberrabbiner Dr. Adler als Präsident desselben den Vorsitz führte. Er bemerkte u. a., daß sein Vertrauen zu dem Direktor des College, Herrn Dr. Friedländer, so groß sei, daß er ihm seinen einzigen Sohn zur Erziehung als Geistlicher oder Lehrer übergeben habe. — Dr. Adler hat am Donnerstag London verlassen, um sich auf eine Juspections-Reise in West- und Süd'England, sowie Süd-Wales zu begeben. — Wie alljährlich, befinden sich auch dieses Mal unter den Ausstellern der „Königlichen Akademie" in Piccadtlly, die von Anfang Mai bis Ende Juli geöffnet ist und nur neue Werke lebender Maler enthält, viele jüdische Künstler. Unter ihnen nimmt Herr Salomon I. Salomon den ersten Rang ein, und eins seiner Portraits gewinnt dadurch an Anziehungskraft, daß es einen Glaubensgenossen, einen jungen, geistvollen Novellisten, Herrn Israel Zangwill, darstellt. Derselbe hat sich besonders durch seinen Roman „die Kinder des Ghetto", dessen Hauptschauplatz der Osten Londons bildet, hervorgethan. > vermischtes. «$- Berti«, 1. Mai. Der Hilfsverein für jüdische Studirende hielt im Saale des Brüdervereins feine Generalversammlung. Die Einnahmen und Ausgaben des HilfSvereins. zu welchem 26 Stiftungen gehören, dalancirten mit 348571 Mk. Hinzugekommen ist eine von Frau Commerzienrath Jenny Levi errichtete Stiftung in Höhe von 15000 Mk. zum Andenken an ihren verstorbenen Gatten. Rückzahlungen erfolgten in größerem Umfange als je zuvor; es gingen in 90 Positionen zusammen 11516 Mk. ein. Unter 152 neuen Gesuchen konnten 104 berücksichtigt werden. Laufende Unterstützungen aus dem Hauptverein erhielten 99 Studirende im Betrage von 17 865 Mk., einmalige Unterstützungen 30 Studirende mit 3295 Mk. Die Zweigstiftung für Akademiker gewährte Subventionen an 53 Studirende der technischen Hochschule, der Kunstakademie und Musik-Hochschule im Betrage von 6805 Mk. Unter Hinzurechnung der Stiftungen ergiebt sich als Summe der Unterstützungen 32865 Mk. Der Hilfsverein zählt jetzt 762, der Zweigverein für Gewerbe-, Bau- und Kunstakademiker 170 Mitglieder. Schlecht»«, 10. Mai. Der „Schlochauer Zeitung" zufolge erhielten bei der Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Schlochau-Flatow nach den bisherigen Ermittelungen Rittergutsbesitzer Hilgendorff (konservativ) 5699, Redakteur Mosch-